Als der "schnelle Meyer" Ende 1989 in der "Deutschen Einheit" im Haßfurter Stadtteil Sylbach bestes fränkisches Bier ausschenkt, ist das Gasthaus praktisch immer voll. Gesangsverein, Feuerwehr, Fußballer, Polizei - der ganze Ort fühlt sich bei dem Gastwirt pudelwohl. "Die waren happy, dass Leben in die Bude gekommen ist", lacht der gebürtige Ost-Berliner Gerhard Meyer, der genauso "happy" ist, weil er das Gefühl hat, eine neue Heimat gefunden zu haben. "Alle waren so freundlich. Dit war 'ne herrliche Zeit", erzählt der 64-Jährige in bestem Berlinerisch.

Dass der DDR-Bürger in dem kleinen Ort in den Haßbergen landet, ist reiner Zufall. Die Meyers sind wenige Wochen zuvor in Ungarn am Plattensee in einem Ferienlager untergebracht. Das Familienoberhaupt erfährt, dass Ungarn die Grenze zu Österreich aufmachen will. Der damals 39-Jährige fackelt nicht lange und fährt mit seiner Frau Nicole (32) und den Töchtern Denise (12) und Myriam (11) zur Grenze - nicht mit einem Trabant oder einem Wartburg, sondern mit einem weißen Toyota Corolla. "Den hatte ich vom Schwarzmarkt."

Eine lockere Kaffeefahrt ist die Tour für die Meyers damals nicht. "Wir wussten nicht, wie sie reagieren. Die hätten uns auch in den Knast stecken können." Doch alles klappt wie am Schnürchen: Am 11. September 1989 hebt sich um Mitternacht am ungarisch-österreichischen Grenzübergang Sopron-Klingenbach der Schlagbaum. Mit druckfrischen Reisepässen, Proviant und etwas Benzingeld geht es durch Österreich nach Niederbayern an den Grenzübergang Passau-Suben. Irgendwann landen die DDR-Flüchtlinge im Aufnahmelager Hammelburg in Unterfranken.

Weil Meyer an den Grenzen immer der erste ist, hat er schnell den Spitznamen "schneller Meyer" weg. Der ist auch heute noch aktuell. "Das ist schon okay. Obwohl ich so schnell gar nicht unterwegs war. 300 Kilometer in drei Stunden, rechnen Sie das mal nach", schmunzelt Meyer.

Schicksalsschlag in Berlin

In Sylbach bleibt die Familie nur knapp eineinhalb Jahre. Ein Schicksalsschlag lenkt das Leben am 3. Oktober 1990 in andere Bahnen. Die Familie will in Berlin den Tag der Deutschen Einheit feiern. Ein "betrunkener Depp", wie Gerhard Meyer sagt, rast mit seinem Auto auf den Gehsteig. 14 Menschen werden verletzt, auch Meyers Frau Nicole. Das Hin und Her zwischen der Berliner Klinik und Haßfurt wird Meyer zu viel. Auch weil eine der Töchter einen Österreicher kennen lernt, verlässt man Deutschland in Richtung Tirol.

Hier lebt die Familie noch immer. Mit Tochter Myriam betreibt Meyer in Steinach das Hotel "Post", Denise arbeitet in Kitzbühel. Stolz ist Meyer auf die fünf Enkel, die ihn auf Trab halten. "Wir bleiben hier in Österreich. Heimat ist sowieso dort, wo man arbeitet."

Ein Stück Heimat werden für den "schnellen Meyer" aber auch Haßberge bleiben. Mindestens ein Mal pro Jahr besucht Meyer das geliebte Frankenland. Dann genießt er "ein leckeres Schäufele" und trifft sich mit den vielen Freunden. "Auch nur ein Jahr an einem Ort kann einen Menschen prägen."

Den weißen Toyota Corolla besitzt Gerhard Meyer übrigens nicht mehr. Auch, weil die Familie "endlich mal eine Familienkutsche" braucht, lässt er den japanischen Flucht-Flitzer 1991 in Berlin verschrotten. "Das bereue ich, den Toyota hätte ich immer noch gerne", sagt Meyer, für den der 9. November 1989 persönlich nicht der entscheidende Schicksalstag ist. "Das ist für mich definitiv der 11. September. Wenn ich an diesen Tag denke, bekomme ich noch immer Gänsehaut."