"In der Mittelschule lernen wir das, die höheren Schulen sollten das halt in ihre Lehrpläne aufnehmen." - Jan bringt auf den Punkt, was die Gymnasiastin Naina vor einigen Wochen twitterte: Die Schule bringe ihr nichts bei, was sie für das reale Leben brauche. "Nichts über Steuern oder Miete" wisse sie mit fast 18 Jahren, hat sie geschrieben und damit eine neue Diskussion darüber ausgelöst, was Schule eigentlich vermitteln soll oder muss.

Die Neuntklässler im Wirtschaftszweig der Albrecht-Dürer-Mittelschule Haßfurt sind deutlich unter 18, aber über "Steuern oder Miete", oder auch Ratenzahlung, Finanzierung und ähnliche Themen wissen sie ganz gut Bescheid.

Einen Teil dieses Wissens haben sie, weil sie den Wirtschaftszweig ihrer Schule besuchen. Viel zusätzliches praktisches Wissen jedoch vermittelt ihnen "Geldlehrerin" Bettina Wegner.
Zwölf Wochen lang gestaltet sie zwei der vier Wirtschafts-Stunden pro Woche mit ihrem ganz speziellen Unterricht.

Für das wirkliche Leben

Bei ihr geht es ums wirkliche Leben. Da wird die Null-Prozent-Finanzierung aus dem aktuellen Elektromarkt-Werbespot nachgerechnet. Ergebnis: Stellt man den Barzahlungspreis des Mitbewerbers gegenüber, kostet die Finanzierung tatsächlich über acht Prozent.

Mit Nainas Tweet haben sich die Mittelschüler ebenfalls beschäftigt. Tatsächlich "hilft es mir später nicht wirklich weiter, wenn ich das Volumen der Sonne berechnen kann", so Jule. Wer nicht gerade Wirtschaft belegt habe, lerne nicht viel zu den alltäglichen Anforderungen. Um darüber hinaus weiteres praktisches Wissen zu vermitteln, war Schulleiterin Susanne Vodde dem Angebot des Vereins "Geldlehrer e.V." sofort aufgeschlossen. In dem Verein engagieren sich mittlerweile bundesweit über 90 "Geldlehrer", Ehrenamtliche aus Finanzberufen, die ihr Wissen an den Schulen weitergeben. Den Schulen entstehen dafür keine Kosten.

"Direkt vom Markt"

Inzwischen kommt schon die zweite neunte Klasse in den Genuss dieses zusätzlichen Unterrichts. "Wir wollen unsere Schüler möglichst gut auf das Leben vorbereiten, damit sie nicht gleich in die Schuldenfalle tappen", erklärt Susanne Vodde. Darum bemüht sich auch Wirtschaftslehrer Christian Schramm. Der begrüßt die Ergänzung durch Bettina Wegner, die als Finanzberaterin "direkt vom Markt" kommt.

Die Wünsche junger Menschen sind - für manche überraschend - unverändert: einen sicheren Arbeitsplatz, eine Familie, ein eigenes Häuschen. "Wie viel Haus könnt Ihr Euch denn leisten", fragt dann Bettina Wegner.
Um solchen Fragen auf den Grund zu gehen, kommt der spezielle Taschenrechner der "Geldlehrer" zum Einsatz. Der hat Tasten wie "Rate" oder "Zins" und zeigt sehr schnell auf, was realistisch ist. Mit 800 Euro Monatsrate auf 25 Jahre geht ohne Eigenkapital halt "nur sehr wenig Haus". "Oder wir bauen nicht in Haßfurt, sondern in Uchenhofen", ergänzt Christian Schramm, der für solche Themen gern eine spezielle Internetseite für Häuslebauer nutzt.

Hoffen auf den neuen Lehrplan

Auch im regulären Wirtschaftsunterricht vermittelt er viel Praxis, aber er hofft, dass im neuen Lehrplan "mehr Wirtschaft" Raum greift, denn bisher liegt der Schwerpunkt auf der Berufsorientierung. Die umfasst zwar Tabellenkalkulation und EDV und auch Buchführung; viele wirtschaftlichen Zusammenhänge aber zeigt erst die Geldlehrerin auf. Sie macht deutlich, wie lange Jonas sparen muss, bis er seinen vermeintlichen Traum-Computer bezahlen kann, und sie fragt nach, ob der Wunsch angesichts seines Taschengeldes nicht ein bisschen überzogen ist.

Sie erklärt auch, dass jeder Ratenkauf Eingang in die Schufa-Auskunft findet "und dann wundert sich mancher, dass ihm die Bank keine Hausfinanzierung gewährt". Der Blick ihrer Schüler in Haßfurt ist geschärft: "Konto überziehen ist richtig teuer", weiß Jule "und bei Ratenkäufen verliert man leicht auch mal den Überblick."
Jonas fühlt sich auf jeden Fall gut vorbereitet, wenn er im Herbst ins Berufsleben startet, anders als sein Cousin "der war nach dem Abitur mit seinem ersten Mietvertrag total überfordert", erzählt er.