Mit dem Fahrrad Island umrunden, durch das Hochland radeln, auf Tuchfühlung gehen zu faszinierenden Naturwundern und den Wetterextremen trotzen - diesen abenteuerlichen Traum erfüllten sich Inge und Manfred Wagner aus Holzhausen.

Sie sahen, wie Geysire ihre Fontänen hochschießen, wie riesige Wasserfälle donnernd in die Tiefe rauschen, wie die größten Gletscher Europas in den Ozean kalben und wie Schwefellöcher dampfen, zischen und stinken. Doch sie strampelten auch tagelang gegen stürmischen Wind, fröstelten bei eiskaltem Graupel- und Nieselregen sowie dichtem Nebel. Fazit ihrer einmonatigen Radreise: Es gibt kaum eine schönere Tour - doch Island ist wahrlich kein Radlerparadies und völlig ungeeignet für Genuss- und Schönwetterradler!


Wind und Nebel gehören dazu

Schnell erkannten sie, dass Wind und Nebel zu Island gehören wie das Kreuz und das Abendmahl zur Kirche. Zuerst steuerten sie die Sehenswürdigkeiten des Golden Circle an: den riesigen Wasserfall Gullfoss, die aktiven Geysire und Pingvellir - einen historischen Platz beim felsigen Spalt zwischen der amerikanischen und eurasischen Kontinentalplatte. Dort tagte vor 1000 Jahren das erste isländische Parlament und beschloss, dass die Einwohner den christlichen Glauben annehmen sollten.

Der ursprüngliche Plan der Franken, die Insel aus Feuer und Eis zunächst von Süd nach Nord zu durchqueren, scheiterte an einem langen und steilen Berg aus Steingeröll, als ihnen der böige Sturm wie entfesselt entgegen fauchte. Hier stießen die erfahrenen Traveller an ihre Grenzen und sie kapitulierten vor der Naturgewalt. Es fiel ihnen schwer, zu akzeptieren, dass sie gescheitert waren. Sie erinnerten sich an das, was ihnen ein Freund vorher gesagt hatte: Wer in Island eine längere Radtour machen wolle, könne sich auch gleich selber geißeln. Schließlich beschlossen sie, ihre ursprünglich geplante Route genau umgekehrt zu fahren.


Kleine Trolle, große Gletscher

Nachdem sie ausgedehnte, matratzendick mit Moos bedeckte Lavafelder passiert hatten, bestaunten sie die riesigen Eisberge, die Europas größter Gletscher Vatnajökull in den Atlantik kalbt. Im Norden der Insel machte beiden das nasskalte und im Viertelstundentakt sich radikal wechselnde Wetter zu schaffen: Immer wieder prasselten eisige Graupelschauer auf die Globetrotter nieder. Trotzdem entschlossen sie sich kurz darauf, einen neuen Anlauf zu wagen, um die Insel über das menschenleere Hochland - diesmal von Nord nach Süd - zu durchqueren.

Frisch gewagt ist halb gewonnen - das Vorhaben glückte! Für manche Dinge im Leben braucht man nicht nur einen, sondern zwei, drei oder vier Versuche! Leicht war es allerdings nicht: Über lange Strecken hatten die Pedalritter mit wellblechartigen tiefen Querrillen zu kämpfen und stürmische böige Seitenwinde zwangen Inge Wagner, meilenweit zu schieben. Sehr problematisch gestaltete sich die Suche nach einem einigermaßen windgeschützten und ebenen Zeltplatz inmitten der unwirtlichen und schier unendlichen Stein- und Lavawüste.
Die weite und unberührte Natur und Wildnis hinterlässt fast zwangsläufig einen mystischen Eindruck. Viele Isländer glauben heute noch, dass hier geheimnisvolle Trolle und Elfen hausen. Dieses ursprüngliche Naturerlebnis zieht auch viele Radler aus aller Herren Länder magisch an. In welch anderem Land kann man bedenkenlos das Wasser einfach aus Flüssen trinken? Allerdings waren fast alle Radfreaks, denen die Königsberger begegneten, jung und sportlich ambitioniert - die beiden Haßbergler in ihrer Altersklasse 60 plus waren die große Ausnahme...


Eine Pizza für zwei

Camping war für die Wagners von ersten bis zum letzten Tag angesagt. Zum einen wegen der fehlenden Infrastruktur in vielen Regionen, zum anderen wegen der horrenden Preise. Ein Zimmer für rund 200 Euro die Nacht? Nein, danke! Fast immer war Selbstverpflegung angesagt, nur selten teilten sie sich eine Pizza für 20 Euro und gönnten sich dazu ein Bier für acht bis zehn Euro.

Für die Globetrotter war die Reise auch ein Akt intensiver Selbsterfahrung: Die Freude über den eigenen Mut und die Entschlossenheit, über Geduld, Ausdauer, Gelassenheit und Selbstvertrauen wechselte mit dem Frust wegen eigener Genervtheit, Wankelmut und Selbstzweifel. red