Mit den Fränkischen Rohrwerken in Königsberg führt Otto Kirchner ein erfolgreiches Familienunternehmen. Seit Januar 2015 ist der 61-jährige Geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens auch der Präsident der Industrie- und Handelskammer/IHK Würzburg-Schweinfurt, der 62 000 Unternehmen mit weit über 300.000 Mitarbeitern angehören. Unsere Zeitung sprach mit ihm über seine Vorstellungen und Ziele im neuen Amt.

Frage: Welche Themen werden wohl Ihre Arbeit als IHK-Präsident bestimmen, wenn es um die Interessen der mainfränkischen Unternehmen geht?
Otto Kirchner: Das Thema Fachkräftesicherung wird uns sicher weiter beschäftigen. Nach den Umfragen bei unseren IHK-Unternehmen hat inzwischen jedes zweite mainfränkische Unternehmen Probleme, geeignete Fachkräfte zu gewinnen. Demografische Veränderungen, rückläufige Schülerabgangszahlen, eine veränderte Alterspyramide und gesetzliche Regulierungsmaßnahmen wie die Einführung der Rente mit 63 machen es für Unternehmen immer schwerer, die richtigen Mitarbeiter zu finden. Eine Chance im Ingenieursbereich bieten beispielsweise die beiden Projekte I-Campus und I-Factory der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt, mit der wir kooperieren, auf Fachkräfteebene natürlich die Berufsausbildung.

Und über die Fachkräftesicherung hinaus?
Auch die Bewältigung der Energiewende und die Gewährleistung einer sicheren Energieversorgung bei bezahlbaren Preisen werden weiter ganz oben auf der Agenda stehen. Zudem haben sich die deutschen IHKs für die nächsten zwei Jahre das Schwerpunktthema "Wirtschaft digital. Grenzenlos. Chancenreich" gegeben, das sich mit den Auswirkungen und Chancen der Digitalisierung und der Industrie 4.0 befasst. Besonders wichtig finde ich auch die Verkehrsinfrastruktur. Hier liegt ein Schwerpunkt bei der Schiene darauf, den Bahnknotenpunkt Würzburg zu erhalten. Bei der Straße setzen wir uns insbesondere für den Neubau der Nordwesttangente Würzburg (B 26n) ein. Weiter werden mich sicherlich auch die Fertigstellung und Inbetriebnahme des neuen Technologie- und Gründerzentrums auf dem ehemaligen Kasernengelände am Hubland und damit verbunden der Umbau des alten TGZ-Gebäudes in der Mainaustraße für die IHK-Weiterbildung beschäftigen.

Der Mittelstand wird gerne als Rückgrat und Motor der wirtschaftlichen Entwicklung gesehen. Wie und wo sehen Sie den Standort der mainfränkischen Unternehmen im nationalen und internationalen Wettbewerb?
In Mainfranken sind neben den kleineren Mittelständlern viele mittlere und größere Betriebe angesiedelt, die für die Region eine wichtige Rolle spielen und sowohl das Rückgrat der Wirtschaft als auch das Gegengewicht zu den Konzernen bilden. Dank einer Exportrate von mehr als 40 Prozent und einer breiten Aufstellung in unterschiedlichen Branchen sind die mainfränkischen Unternehmen sehr ordentlich aufgestellt.

In wenigen Wochen oder Monaten wird das Kernkraftwerk in Grafenrheinfeld geschlossen. Wie begleiten Sie diese Energiewende und welche Forderungen sind für eine funktionierende Wirtschaft und die Unternehmen unabdingbar?
Um die Energieversorgung auch nachts, bei fehlender Sonne und Windstille zu gewährleisten, muss ausreichend Kapazität an konventioneller Stromerzeugung oder die Versorgung aus anderen Regionen sichergestellt werden, ohne dabei die Kosten in die Höhe zu treiben und die Wettbewerbsfähigkeit der bayerischen Wirtschaft zu gefährden. Wir haben im Unternehmen in ein Zwei-MW-Blockheizkraftwerk auf Gasantriebsbasis investiert, was für größere Unternehmen sicher eine Option darstellt, aber den größeren Teil einer stabilen Stromversorgung wird die Politik sicherstellen müssen. Wir brauchen neue Übertragungs- und Verteilnetze. Gaskraftwerke, die staatlich subventioniert werden müssen, weil sie sonst unrentabel sind, sind möglichst zu vermeiden.

Nach einer Umfrage beklagt schon jedes zweite Unternehmen Probleme bei der Gewinnung geeigneter Fachkräfte. Wie wollen Sie diesem Trend entgegenwirken und wo liegt vielleicht der Schlüssel zu einer Lösung?
Unser Schwerpunkt muss darauf liegen, für die duale Berufsausbildung in den Betrieben zu werben. Sie ist die Basis für den beruflichen Erfolg. Gleichzeitig müssen wir lebenslanges Lernen durch Weiterbildung unterstützen. Wichtig ist, dass wir das Technikinteresse bereits bei Kindern und Jugendlichen wecken. Dazu dienen zum Beispiel Initiativen, wie "Haus der kleinen Forscher" bei den ganz Kleinen im vorschulischen Bereich oder Tecnopedia, die von der IHK unterstützt werden. Wir müssen uns verstärkt Fachkräftepotenziale erschließen, die uns bislang oft verloren gegangen sind. Dazu gehört auch, mehr Frauen in den Beruf zurückzubringen und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu unterstützen, die Menschen länger im Beruf zu halten und auch Menschen mit Behinderung mit ihren individuellen Leistungen und Fähigkeiten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dennoch werden aufgrund des demografischen Wandels unsere inländischen Fachkräftepotenziale alleine nicht ausreichen. Deshalb müssen wir stärker auch auf die Beschäftigung ausländischer Fachkräfte setzen, sowohl aus Europa als auch aus Drittstaaten.

Sie stammen aus der Kleinstadt Königsberg und kennen als Stadtrat und Kreisrat auch die aktuellen Themen des ländlichen Raumes. Welche Maßnahmen der Infrastruktur oder Verbesserung der Verkehrsstruktur sehen Sie für einen solchen Raum zwischen Oberzentren und einer Metropolregion als vorrangig an?
Nachdem sich herkömmliche ÖPNV-Konzepte in der Vergangenheit mangels ausreichender Nachfrage und großer Defizite als nicht umsetzbar erwiesen haben, muss in der Kommunalpolitik über neue Lösungsansätze nachgedacht werden. Bürgerbusse (eventuell auch auf ehrenamtlicher Basis) sowie Sammel- oder Ruf-Taxi-Konzepte sind neue Denkansätze, diese werden aber auch nur einen Teil der Probleme lösen. Wenn jedoch das Abwandern aus den ländlichen Regionen begrenzt werden soll, muss man diese gewaltigen Herausforderungen annehmen und neue Konzepte entwickeln. Auch den Zustand der Kreis- und Ortsverbindungsstraßen darf man nicht aus den Augen verlieren, hier gibt es zum Teil erheblichen Nachholbedarf. Allzu oft werden Straßenabschnitte nicht nachhaltig saniert, sondern Schlaglöcher nur geflickt und Tempolimits verhängt.

Die Fragen stellte unser
Mitarbeiter Günther Geiling