Verschwitzes T-Shirt, verschlissene Arbeitshose und ein ramponiertes Handy, dem man den Dauereinsatz ansieht. Nicht etwa im Büro oder bei irgendwelchen Kongressen, sondern auf dem Platz, dort wo wirklich geackert wird. "Das ist mein Baby", sagt der sonnengebräunte Mann mit einem Schulterzucken und einem verschmitzten Grinsen. Mehr nicht. Thomas Kastler hat weder Zeit noch Lust, große Erklärungen abzugeben. Er will anpacken, jetzt, wo die Räume in dem ehemaligen Kompanie-Gebäude in Eberns Alter Kaserne ausgeräumt und die Erdarbeiten für die neuen Fußballplätze erledigt werden. Möglichst noch in diesem Jahr soll die IFA Germany hier ihren Betrieb aufnehmen - IFA steht für International Football Academy. In ein paar Monaten werden dort, wo früher Soldaten exerzierten, Fußballtalente auf einen Einsatz in den führenden europäischen Ligen vorbereitet werden. 18- bis 21-jährige Kicker, die schon Erfahrungen im Vereinssport haben. Es geht um Talente aus dem In- und europäischen Ausland, ja sogar weltweit. Ihnen winken Verträge und Spielpraxis "mindestens in der Regionalliga".

Der 51-jährige Thomas Kastler, Fußballmanager und Gründer der IFA Germany, weiß ein international eingespieltes Team von Trainern und Beratern hinter sich. Ziel ist es, wie er sagt "Rohdiamanten zu fördern und sie zu Diamanten zu schleifen", damit sie ganz oben mitspielen können."

2017 war er noch mit einem ähnlichen Vorhaben an der südlichen Weinstraße im rheinland-pfälzischen Billigheim-Ingenheim an bürokratischen Hürden gescheitert. Nun soll es in Ebern losgehen. Die Unterstützung durch den Stadtrat und Bürgermeister Jürgen Hennemann ist ihm gewiss, und vor ein paar Tagen trudelte auch die Baugenehmigung aus dem Landratsamt ein.

Er fühle sich im Landkreis Haßberge sehr wohl, die Menschen seien hilfsbereit, sagt Kastler. Für die Region hier verspricht sich der Initiator sehr viel, "mit Sicherheit eine Bereicherung!" Seine Zelte in Heidelberg habe er abgebrochen und wolle sich fortan ganz dem Projekt in Ebern widmen. Zurzeit sucht er Wohnung oder Haus in der Region.

Den ganzen Vortag hat der Geschäftsmann aus Heidelberg damit verbracht, bei der Justierung der Bewässerungsanlage für den neuen Rasenplatz zu helfen und auch heute ist er seit Stunden vor Ort. "Das ist meine Geschäftsidee, mein Baby", wiederholt der Ex-Profi, der seine Sportakademie 2007 aus der Taufe hob. Anfangs für fußballbegeisterte Kinder auf Teneriffa, später dann für die nicht mehr ganz so jungen. Wichtige Wegmarke war sein rund zweijähriges Engagement als Sportdirektor in Gibraltar.

"Besser als Brasilien"

November 2014: Der Fußballzwerg Gibraltar feierte eine Niederlage in der EM-Qualifikation gegen den frischgebackenen Weltmeister Deutschland wie einen Sieg. Eine Klatsche war erwartet worden. Das 0:4 war ein Riesenerfolg für das Team aus dem britischen Überseegebiet, das erst kurz zuvor in die Uefa aufgenommen worden war. "Besser als Brasilien", frohlockte man damals rund um den Affenfelsen, denn tatsächlich hatte Titelträger Deutschland den WM-Gastgeber wenige Wochen zuvor mit 7:0 deklassiert.

Gibraltar war früher Garant für niederschmetternde Niederlagen. Bevor Kastler und Kollegen bei dem Fußballzwerg einstiegen, waren allenfalls Siege bei den Island-Games gegen andere Zwerge wie Malta oder die Faröer denkbar gewesen. 2018 aber ließ das Team von der Südspitze der iberischen Halbinsel durch Siege in der Nations League gegen Armenien und Liechtenstein aufhorchen. So gelang es unter dem Sportdirektor Kastler, die populärste Sportart im Land deutlich voranzubringen.

Nun hielt es den weltoffenen Fußballmanager, der seit 2018 auch eine Modeboutique mit eigenem Label und ein Café in Heidelberg-Bahnstadt betreibt, nicht lange in dem britischen Überseegebiet. Er wechselte als Berater ins Fußball-Entwicklungsland Bahrain, wo der König persönlich zu seinen Verhandlungspartnern zählte.

Umfassendes Netzwerk

Heute baut der frühere Drittliga-Spieler bei Südwest Ludwigshafen auf 25 Jahre Erfahrung im Fußballmanagement, ein umfassendes Netzwerk zu namhaften bundesligaerfahrenen Trainern und internationalen Spielern und offenbar auch auf solvente Förderer. Zu Letzteren gehört laut FT-Informationen der Königsberger Unternehmer Otto Kirchner, Besitzer der beiden für die Akademie bestimmten Gebäude in der alten Kaserne. "Mit dem Projekt und der Geschäftsidee hat Kirchner nichts zu tun", stellt Kastler klar und will sich nicht weiter auf die Diskussion um Namen einlassen. Noch nicht. Bei der Eröffnung der Akademie in Ebern jedenfalls werde viel Prominenz auftauchen .

Dem IFA-Chef Kastler geht es nicht um die großen Namen, er schmückt sich nicht mit Referenzen. "Ich bin ein Mensch, der helfen will". Das gelte für Vereine in der weiteren Region, mit denen er Kooperationen anstrebt. Vor allem aber gilt dies für die Fußballtalente.

Seine Geschäftsidee ist es, Ballkünstler ausfindig zu machen und zu fördern und diese Spieler, die es allein nicht nach oben schaffen würden, an Vereine zu vermitteln. Der Sportdirektor hat eine klare Überzeugung: "Wichtig ist das, was im Kopf passiert; wenn der Kopf frei ist, dann spielt auch der Körper mit".

Wie wichtig professionelle Unterstützung ist, weiß er aus leidiger Erfahrung. Als linker Mittelfeldspieler war er nach eigener Beschreibung ein "Bullterrier", bis ein Kreuzbandriss die Karriere des 21-Jährigen abrupt beendete: "Ich wurde fallengelassen." Dieses Schicksal will er seinen Schützlingen ersparen: "Ich mache das mit Herz; mir geht es um das Menschliche".

Umfassende Betreuung

Zur sportlichen Förderung gehören nach dem Konzept beispielsweise auch Sprachkurse, Kulturvermittlung und die Unterstützung bei der Suche nach Ausbildungsplätzen. Zunächst werden etwa 20 Nachwuchskicker im Alter von 18 bis 21 Jahren von einem Talentscout nach Ebern geholt und von einem Team aus Trainern Ärzten und Ernährungsexperten betreut werden.

Thomas Kastler schätzt, dass es vor Ort anfangs mindestens 20 Beschäftigte geben wird. Im Hintergrund werde man etwa Steuerberater und Anwälte für Sportrecht einbeziehen.