Ein bisschen einsam saß er da, in der allerletzten Reihe, ganz außen. Der Rentweinsdorfer Bürgermeister Willi Sendelbeck wollte sich am Freitagabend den Vortrag des ehemaligen Präsidenten des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, in der Frauengrundhalle in Ebern anhören. Aber warum wählte er sich ausgerechnet den Sitzplatz mit der größtmöglichen Entfernung zum Podium? Willi Sendelbeck wäre nicht Willi Sendelbeck, wenn er auf diese Frage keine Antwort gehabt hätte: Mit Blick auf die vielen Spitzenvertreter aus Polizei und Justiz, die in der ersten Reihe saßen, sagte der SPD-Kommunalpolitiker schmunzelnd: "Ich weiß nicht, ob ich auf der Fahndungsliste stehe!"

Zur Beruhigung: Sendelbeck, der in der Tat vor einigen Jahren Ärger mit der Justiz hatte, weil er im Verdacht stand, den Hund eines Nachbarn erschossen zu haben (das Strafverfahren gegen ihn wurde gegen eine Geldauflage eingestellt), blieb unbehelligt und konnte wie rund weitere 100 Zuhörer einen Vortrag hören, der das komplexe Thema "Terrorlage und Sicherheitsdebatte" anschaulich darstellte. Dass ein hochrangiger Redner wie Jörg Ziercke nach Ebern gekommen war, ist dem Außenstellenleiter für den Weißen Ring im Kreis Haßberge, Helmut Will, zu verdanken. Der Unterpreppacher hatte vor zwei Jahren Ziercke in Hamburg getroffen und ihn eingeladen. Und Jörg Ziercke kam. Der Weiße Ring ist die Hilfsorganisation im Land, die die Opfer von Kriminalität unterstützt.


"Andere Bedrohungen"

Auch der Ort des Vortrags war gut gewählt: die Frauengrundhalle in Ebern. Das ist die ehemalige Kantine in der einstigen Kaserne. Der Bundeswehr-Standort sei früher der Ort gewesen, der für Sicherheit stand, sagte der Eberner Bürgermeister Jürgen Hennemann (SPD). Die Truppe ist vor Jahren aus Ebern abgezogen, und "heute haben wir andere Bedrohungen", skizzierte Hennemann.

Auf diese Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus ging Jörg Ziercke, der von 2004 bis 2014 das Bundeskriminalamt geleitet hatte, detailliert ein. Der 69-Jährige beschrieb die Brennpunkte, von denen der Terror ausgeht. Die liegen in Nordafrika, im Nahen Osten und Afghanistan. Für Ziercke ist der Terror eine "extreme Antwort auf soziale Konflikte", die ihre Ursachen in Kriegen, Hungersnöten, Klimawandel, hoher Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit haben. In den genannten Gebieten gebe es Hunderte von Terrorgruppen. "Wie will man das in den Griff bekommen?", fragte er. Eine Mauer um Europa bauen, wie es US-Präsident Donald Trump für die USA tun wolle?, fragte er weiter.

Jörg Ziercke sieht in einer Abschottung Europas oder Deutschlands keine Lösung. Er ist "fest überzeugt", dass Europa und die ganze westliche Welt viel mehr als bisher für die Infrastruktur in den Ländern, von denen der Terror ausgeht, tun müssen. Hier gehe es nicht um ein paar Milliarden Euro. Die Summen sind nach seiner Ansicht viel höher. "Europa muss hier sehr viel mehr investieren", wenn die Menschen in den gebeutelten Ländern eine Perspektive haben sollen. Auch der militärische Sieg über den Islamischen Staat (IS), der sich abzeichne, werde nicht das Ende des Terrors sein, "weil die Konflikte einfach da sind".

Und noch etwas machte er deutlich: Die Terrorgefahr "können wir nicht durch mehr Polizei in Deutschland lösen." Die Sicherheitskräfte haben in Deutschland ohnehin viel zu tun. Ziercke sprach von aktuell 602 Gefährdern und weiteren rund 1000 Verdächtigen in deren Umkreis. Und die wiederum bewegten sich in einem Milieu von etwa 10 000 ähnlich gesinnten Personen. Dazu kämen noch Zehntausende weitere Menschen und Deutschland mit extremistischen Ansichten.

Laut Ziercke hat der Terror heutiger Ausprägung schon vor Jahren Europa und Deutschland erreicht. Er nannte den Zeitpunkt ab den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 in New York. Der Terror sei nicht erst mit den Flüchtlingen nach Deutschland gekommen, wenngleich Terrorgruppen auch versuchten, Attentäter unter den Flüchtlingen einzuschleusen.

Als das Perfide an der aktuellen Terrorlage bezeichnete der Ex-BKA-Präsident die "Breite der Ziele". In Gefahr seien nicht mehr nur Politiker oder Wirtschaftsvertreter wie früher zu Zeiten der Rote Armee Fraktion (RAF), sondern alle Menschen. "Es geht um uns alle". Die Terrorgefahr "geht uns alle an." Die Sicherheitskräfte "können nicht alles schützen. Der Terror ist vor die eigene Haustür gekommen." Ziercke zog daraus die Schlussfolgerung: "Wir müssen lernen, mit dem Terror zu leben. Das ist schwer", gab er zu. Wichtig sei, das Leben nicht zu ändern und den Terroristen nicht nachzugeben, denn dann hätten die Terroristen gewonnen, sagte er.


Im Vergleich

Landrat Wilhelm Schneider (CSU), der das Schlusswort sprach, beschlich ein "ungutes Gefühl" angesichts der Zahlen und Fakten, die Jörg Ziercke nannte. "Ich hoffe, dass wir das alles im Griff haben", sagte er.
Ein bisschen gab Ziercke Trost: Der Kreis Haßberge habe "fantastische Kriminalitätszahlen" im Vergleich zu Großstädten und anderen Regionen im Land. Auch das gibt Sicherheit.


Der Weiße Ring

Der Weiße Ring ist eine Hilfsorganisation, die Opfer von Kriminalität unterstützt. Sie besteht seit 40 Jahren und ist von Eduard Zimmermann (ZDF-Sendung Aktenzeichen XY) gegründet worden. Derzeit hat der Weiße Ring bundesweit rund 50 000 Mitglieder. Über 3000 ehrenamtliche Helfer sind für den Weißen Ring tätig. Stellvertretender Bundesvorsitzender ist Ex-BKA-Chef Jörg Ziercke. Der Weiße Ring unterhält 420 Außenstellen. Eine davon umfasst das Gebiet des Landkreises Haßberge. Hier werden jährlich etwa 25 bis 50 Fälle bearbeitet. Die Außenstelle Haßberge leitet Helmut Will (Unterpreppach). Ihn unterstützen: Ingrid Behr (Königsberg), Tina Friedel (Unterpreppach), Hildegard Schmidt (Augsfeld) und Renate Freund (Obertheres).