Wenn es während eines Opernbesuchs nicht mehr sonderlich stört, wenn der Sitznachbar in der zweiten Hälfte beginnt, Nachos, knusprige Tortilla-Dreiecke, zu mampfen, läuft etwas schief. Ein Abend, an dem Stille keine Stille ist und zu Ende klingende, immer leiser werdende Töne eines starken Orchesters sich nicht entfalten können, sondern von Störgeräuschen erstickt werden.

Die Inszenierung der weltbekannten Oper in vier Akten - Aida - am Montagabend in Schloss Eyrichshof hat der Open-Air-Veranstaltungsreihe nicht den gewünschten prunkvollen Abschluss beschert.

Verdi selbst offenbarte sich bei seinen Kompositionen im 19. Jahrhundert als Perfektionist. Er ließ für Aida ein offizielles Inszenierungsbuch veröffentlichen, in denen entscheidende Regeln niedergeschrieben waren. Das Schicksal der tragisch verliebten Königstochter, ein Meisterwerk, dessen verschiedene Inszenierungen vom Meister selbst mit diesem Regelwerk gesteuert werden sollten. Die Produktion der Venezia-Festival-Opera allerdings kann leider nur als Versuch, den Glanz der Pharaonenwelt transportabel zu gestalten, bezeichnet werden.
Dabei hätte sich die Baunach doch zumindest für diesen einen Abend in den Nil verwandeln sollen, so wie es sich Gastgeber Hermann Freiherr von Rotenhan gewünscht hat. Durchaus, es hat "sehr lange gedauert, bis die ägyptische Königstochter an den Baunachgrund gekommen ist", durchaus muss gut Ding in manchen Bereichen auch Weile haben. Die Stunden zwischen dem Konfettiregen vom Vorabend und dem Königspalast auf der Bühne scheinen nicht gereicht zu haben.

Montag, kurz vor halb neun, das Orchester beginnt. Sanft. Noch eben rauscht ein Einsatzfahrzeug hinter dem Schloss auf den Straßen vorbei. In Ordnung. Dann rauscht ein Mikrofon. Ein Stuhl knarzt. Ein Trompeter befreit sein Instrument von überflüssiger Spucke. Beides wird wie das Streichen über die Geigensaiten vom Mikrofon übertragen.

Nach zehn, zwölf Minuten schwindet die Hoffnung, die technischen Herausforderungen, die Mikrofonprobleme, könnten vor der Pause gemeistert werden. Es beginnt eine krampfhafte Konzentration der Ohren darauf, einen knarzenden Klappstuhl sowie die Frage auszublenden, warum die Störgeräusche nicht nach dem Soundcheck ausgemerzt wurden.


Einzeldarbietungen in Ordnung

Doch neben einem engagierten Dirigenten, Nayden Todorov, der vor lauter wildem Einsätze-Geben teilweise das Umblättern vergisst, und Bass Ivaylo Dzhurov, der dem Publikum mit seiner Stimmfarbe einen Hauch unendliche Ferne in den Schlosshof holt, sind es immer wieder Kleinigkeiten, die den Genuss schmälern. Stau am Bühnenabgang nach einem eigentlich gelungenen, kriegerischen Chorauftritt des Ensembles, während die nächste Szene schon wieder beginnt, Boten im Till-Eulenspiegel-Gewand, die erst im dritten Akt, dank einer wärmeren Bühnenausleuchtung nach der Pause an fehlplatziertem Witz verlieren. Mezzosporan-Solistin Elena Chavdarova-Isa, die im Finale des zweiten Aktes als Amneris an der Seite des Pharaos in ihrem discokugelfunkelndem Gewand nicht still stehen kann und belanglos ihren Blick durch die Gegend schweifen lässt, statt sich auf eine majestätische Ernennung ihres Geliebten Radames als Nachfolger des Phararos vorzubereiten. Tenor Stoyan Daskalov, der dem Publikum immer wieder seine Verkabelung am Rücken präsentiert und seine Kollegen um ein Vielfaches in der Lautstärke übertönt,  ...

Doch: Es ist weniger die musikalische Darbietung, an der sich die Ohren der Zuhörer aufreiben können. Auch das Orchester besicht mit präzisen Einsätzen, denen die Solisten manchmal hinterhersputen müssen, und einem in sich geschlossenem Klangkörper. Doch die Kostüme, das Bühnenbild, ein Orchester, das gedrängt am Bühnenrand sitzt - das nimmt dem Werk von Verdi das Meisterliche. Am heftigsten erwischt es die Königstochter selbst. Hier bedient sich die Bühnenbildnerin eines Stilmittels, das längst überholt und umstritten zudem ist. Sopran Elena Baramova als Aida und Dobromir Momikov als ihr Vater und König von Äthiopien werden braun geschminkt. Selbst die braunen Bodyärmel unter ihrem Sklavengewand wirken aufdringlich, weil der gewollte Hinweis auf die Rolle der Aida für den aufmerksamen Zuschauer mehr als überflüssig ist.

So verlieren die ambitionierten Sänger an Authentizität, an Prunk, an Ausstrahlung, das Ensemble an Seriosität. Und so mancher der 800 Gäste im Schlosshof verliert mit der Zeit das nötige Opernsitzfleisch. Die einen verabschieden sich zu früh in die Pause, andere kommen erst gar nicht wieder oder bringen sich einen Snack wie bei einem Kinobesuch mit.

Während sich vor dem ausverkauften Pur-Konzert etwas Noch-nie-Dagewesenes in Ebern aufgebaut hat, wie Herrmann Freiherr von Rotenhan noch vor der Oper rückblickend mit einem Augenzwinkern verriet - nämlich einem Schwarzmarkt, waren die Karten für Aida ihr Geld leider nicht wert.
Die bulgarische Besetzung hat die italienischen Stücke stolperfrei gesungen, verköperte allerdings nur in seltenen Augenblicken die zu erwartende Heftigkeit, hat sich vielmehr auf den vorgegeben Text, die Melodien verlassen, als Wert auf die eigene Emotion in der Präsentation zu legen. Nur erahnen ließ sich, welch Kummer, welch Zerrissenheit, welch Sehnsucht die Protagonisten in sich tragen, die letztlich lebendig eingemauert werden.