Christoph Böger

"Nach jetzigem Stand und unserem wirtschaftlichen Forecast gehe ich davon aus, dass wir durch Mitwirken aller Beteiligten mit einem blauen Auge durch die Pandemie kommen. Und das wäre für uns - unabhängig von der sportlichen Situation - der größte Erfolg überhaupt." Jan Gorr gibt sich betont kämpferisch. Im Gespräch mit unserer Zeitung gewährt der Geschäftsführer des HSC 2000 Coburg einen Blick hinter die Kulissen des Noch-Erstligisten.

Herr Gorr, Sie sagen, dass der HSC Coburg in diesen schwierigen Zeiten ums Überleben kämpft. Das Tageblatt titelte mit "HSC in Not". Diese Feststellung passt einigen Verantwortlichen im Verein gar nicht. Warum?

Jan Gorr: Für den normalen Leser war die Überschrift auf der Titelseite, sagen wir mal vorsichtig, ein wenig "reißerisch" formuliert. Das suggeriert ja quasi, dass sich unsere Situation über Nacht gravierend zum Negativen hin verändert hat. Für uns ist der Kampf ums Überleben aktuell ein täglicher Begleiter und ein Spiegelbild der Situation vieler Sportvereine, deren Existenzgrundlage durch die Corona-Krise stark gefährdet ist.

Der Verein, die GmbH und die GmbH & Co. KG haben zusammen mit Altlasten in Höhe eines sechsstelligen Betrages zu kämpfen. Ist diese Last gerade in Zeiten der Pandemie eine zu große Bürde für die Entwicklung einer erstligatauglichen Mannschaft, und wie weit ist man mit der Konsolidierung gekommen?

Hier muss man einige Dinge auseinanderhalten. Zum einen sprechen Sie unsere Verbindlichkeiten vor allem resultierend aus Steuernachzahlungen früherer Jahre an. Das sind Verbindlichkeiten, die nun einmal da sind und die wir heute bedienen und kontinuierlich abbauen. Und so lange ich Geschäftsführer bin, werde ich auch alles dafür tun, dass wir diese Situation Jahr für Jahr verbessern. Dass diese Belastungen für einen notwendigen Erstligaetat nicht hilfreich sind, versteht sich von selbst. Für mich ist das Thema Erstligaetat allerdings vielschichtiger. Die Erfahrung zeigt uns doch ganz deutlich, dass unser aktuell verfügbares Budget nicht ausreicht, um mit höherer Wahrscheinlichkeit in der 1. Liga zu bestehen. Und deswegen muss es unser Ziel sein, an diesen Voraussetzungen zu arbeiten und ein auch wirtschaftlich breiteres Fundament aufzubauen.

Wie hoch ist der Etat des HSC im Vergleich zu anderen Erst- und Zweitligisten?

Wenn Sie mit Etat die Personalkosten der Profis meinen, und nur das wäre ja eine wirklich vergleichbare Größe unter den Vereinen, dann sind wir in der 1. Liga unter den letzten drei Teams und in der 2. Liga unter den sechs besten.

Muss sich der Coburger Fan in der nächsten Saison auf Mittelmaß in der 2. Liga einstellen? Oder peilt der Klub im Falle des wohl kaum noch abzuwendenden Abstieges den sofortigen Wiederaufstieg an?

Wir sind nicht in der Situation, dass wir auf Biegen und Brechen und mit hohem finanziellen Risiko einen Erstliga-Aufstieg anpeilen müssen. Vielmehr arbeiten wir daran, wieder eine zukunfts- und vor allem leistungsfähige Mannschaft aufzubauen. Nach den wichtigen Verlängerungen mit erfahrenen Kräften wie Andreas Schröder, Florian Billek, Jan Kulhanek und Tobias Varvne haben wir mit Merlin Fuß und Jan Jochens zwei talentierte deutsche U21-Nationalspieler und mit Jan Schäffer Erstligaerfahrung und eine ganze Menge Persönlichkeit verpflichtet. Hinzu kommt unsere jüngste Neuverpflichtung mit dem 23-jährigen Karl Toom. Allesamt äußerst spannende Personalien mit hohem Zukunftsfaktor.

Spitzenspieler wie Pouya, Zetterman oder Zeman verlassen Coburg, der Verbleib von Nenadic ist noch nicht sicher. Ist der gern zitierte "Coburger Weg" ein Stück weit auch gezwungenermaßen ein Sparkurs?

Wissen Sie, nachdem der HSC Coburg über viele Jahre in der 3. Liga verschwunden war, bewegen wir uns seit acht Jahren nahezu konstant unter den 25 besten Handballclubs in Deutschland. Zwei Jahre davon sogar in der stärksten Liga der Welt. Für unseren Verein eine wahnsinnig tolle Bilanz, auf die wir alle sehr stolz sind. Diesen Erfolg können und wollen wir uns nicht kaufen. Sondern dazu gehört eine maßgeschneiderte Strategie, ein optimales Ausnutzen unserer Ressourcen und ein regelmäßiger Invest in junge Spieler und Persönlichkeiten. Das ist unser "Coburger Weg", und den gehen wir aus Überzeugung und nicht aus einer wirtschaftlichen Notlage.

Mit der HUK-Arena verfügt der Klub über eine tolle Halle, treue Fans lechzen nach tollen Spielen und mit der HUK Coburg gibt es einen großzügigen Hauptsponsor. Warum reicht es aber aller Voraussicht nach wieder nicht zum Klassenerhalt in der 1. Liga? Provokant gefragt: Macht der HSC zu wenig aus seinen Möglichkeiten?

Wenn ich mir vor Augen führe, dass wir neben einer Bundesliga-Mannschaft mit unserem Etat auch unseren Bundesliga-Unterbau, also die zweite Mannschaft, und den Großteil unseres leistungsorientierten Nachwuchsbereichs inklusive der Trainer finanzieren, dann müssten Sie eigentlich provokant die Frage stellen, wie es gelingt, trotzdem auf diesem hohen sportlichen Level unterwegs zu sein. Andere Clubs kümmern sich ausschließlich um die Bundesliga. Fakt ist, wir können uns nicht zerteilen und unser Budget nur einmal ausgeben. Und Fakt ist auch, dass wir so nicht genügend Finanzkraft für die 1. Liga auf Dauer erreichen. Aber sollen wir deswegen alles andere als die Profi-Mannschaft aufgeben? Ganz klares Nein aus unserer Sicht.

Und zum Engagement der HUK Coburg lässt sich Ähnliches sagen. Die HUK unterstützt bei uns nicht ausschließlich den Profisport. Ganz im Gegenteil. Unsere vielen Schulkooperationen, die regelmäßige Ausrichtung von Camps für Kinder und Jugendliche und eben unsere Nachwuchsarbeit sind wichtige Teile des Sponsorings. Das ist für Coburg eine tolle Sache und der Verantwortung kommen wir gerne nach.

Wer ist Schuld an der sportlichen Misere?

Wenn Sie mit sportlicher Misere den drohenden Abstieg meinen und damit die Tatsache, dass wir es zumindest bis jetzt nicht geschafft haben, besser zu spielen, als es unsere finanziellen Möglichkeiten erwarten lassen, dann gibt es einige Gründe. Vor allem zeigen wir aber bisher in zu wenigen Spielen die notwendige sportliche Qualität. Gute Phasen alleine reichen nicht, wenn du Punkte erkämpfen möchtest, musst du 60 Minuten präsent sein. Der bitterste Aspekt für uns ist aber zweifellos die Tatsache, dass wir nahezu die komplette Saison alleine und ohne unsere treuen und emotionalen Fans durch die 1. Liga gehen. Wir sind zusammen aufgestiegen und wollten dieses Jahr auch zusammen um wichtige Punkte, vor allem in unserer HUK-Arena, kämpfen.

Mit Alois Mraz wurde ein Mann verpflichtet, der wenig Erfahrung in der Bundesliga hatte. In den sozialen Medien wurde er heftig angegriffen. Allerdings hat er einen Kader übernommen, der zum größten Teil von Ihnen als seinen Vorgänger zusammengestellt wurde. Wie schwer macht das eine Einschätzung der Trainerarbeit?

Mit Alois Mraz haben wir einen Mann verpflichtet, der hochklassige internationale Erfahrung als Spieler aufweist und seit einigen Jahren als Co-Trainer im Erst- und Zweitligabereich auf sich aufmerksam macht. Ein Wechsel zu einem Club wie Coburg ist an der Stelle ein logischer Schritt. Dass Alois noch nicht der erfahrenste Trainer ist und er sich mit seinen Aufgaben auch entsprechend weiterentwickeln muss, das ist klar und auch eine Erwartung unsererseits. Seine Trainerarbeit aber alleine daran zu messen, ob er mit Coburg den Klassenerhalt schafft oder nicht, wird der Sache natürlich nicht gerecht.

Ist Ihre Rückkehr auf die Bank ein Fingerzeig für die Zukunft? Können Sie ausschließen, das Amt des Cheftrainers beim HSC wieder zu übernehmen? Schließlich stehen Sie doch lieber an der Seitenlinie als im Büro zu sitzen. Und Alois Mraz wäre doch ein perfekter Jugend-Koordinator.

Wenn Ihre Frage so gemeint ist, wie sie dasteht, dann finde ich sie unserem Trainer gegenüber äußerst respektlos. Meine Unterstützung auf der Bank verkörpert doch vielmehr die gelebte Praxis in unserem Verein. Ich habe intern viel kritisiert, denn die Art und Weise, wie wir manche Partien bestritten haben, entspricht einfach nicht unseren Vorstellungen. Aber wir packen zusammen an und unterstützen uns gegenseitig. Und für die Zukunft gibt es so viele Dinge in unserer Struktur anzupacken und zukunftsfähig zu machen, dass so eine Doppelaufgabe für mich persönlich gar nicht denkbar ist. Sie haben in diesem Interview viele dieser Themen angesprochen. Und genau um diese Punkte möchte ich mich kümmern.