Uschi Prawitz

Etwa sechs Jahre ist es her, dass Nadine Bayer aus Kasendorf schwer erkrankte. "Ich machte mir zu der Zeit viele Gedanken, wie man auf Chemie verzichten kann, vorwiegend bei der Kosmetik", sagt die 40-jährige Bankkauffrau. Also griff sie zur Naturkosmetik, die auch noch den guten Nebeneffekt hat, kein Mikroplastik zu enthalten. Stück für Stück arbeitete sich Nadine Bayer in die Umweltthematik ein. "Ich verstand die Zusammenhänge immer besser und unternahm viele Schritte parallel." Nicht nur, dass sie ihren Verpackungsmüll reduzieren wollte - sie wollte auch wissen, was beispielsweise in ihrem Waschmittel enthalten ist.

Vermeintlich "grün"

"Es gibt vermeintlich grüne Firmen, die allerdings viel ‚Greenwashing' betreiben", erklärt Nadine Bayer. Wer sichergehen wolle, könne die Inhaltsstoffe eines Produkts ganz leicht auf Webseiten wie Codecheck.de überprüfen. Schrittweise hat sie für sich und ihre Familie Veränderungen vorgenommen, konnte den eigenen Müllverbrauch inzwischen so weit reduzieren, dass bei der zweiwöchentlichen Leerung die Restmülltonne nur noch zu einem Viertel gefüllt ist. "Natürlich kann auch ich nicht jede Verpackung vermeiden, aber darum geht es auch nicht", sagt sie. Ein "Zero-Waste-Leben" sei für sie ohnehin nicht darstellbar, aber "Less Waste", weniger Müll, das sei möglich. "Es geht darum, tatsächlich etwas umzusetzen, jeder in dem Bereich, der für ihn machbar und wichtig ist."

Informieren statt missionieren

Nadine Bayer will nicht missionieren, aber durchaus informieren. Deswegen kann man sie auch seit drei Jahren für Vorträge buchen, in denen sie allerlei Tipps für ein Leben mit weniger Müll gibt. "Die Maßnahmen müssen einfach sein, man sollte mit zwei, drei Dingen anfangen." Zum Beispiel biete sich an, statt Duschgel auf Seife umzusteigen, oder statt Haarshampoo festes Shampoo auszuprobieren. "Das gibt es inzwischen in jedem Drogeriemarkt." Manche Supermärkte hätten Unverpackt-Abteilungen, ihr Waschmittel lässt sie sich im Bioladen abfüllen. "Ich bin mir bewusst, dass manche Dinge teuerer sind, und ich kann gut verstehen, wenn jemand das Geld dafür nicht hat", sagt die Mutter einer elfjährigen Tochter. "Aber ich kaufe inzwischen insgesamt weniger Dinge, dafür bessere Qualität, so komme ich gut klar." Es gehe ihr nicht darum, radikal die Welt zu verändern, sondern umzudenken und praktische Lösungen zu bieten - für jeden Geldbeutel.

Der eigene Garten

Sie selbst habe das Glück, einen Garten zu besitzen, in dem sie in Hochbeeten Obst und Gemüse anbaut. "Ich bin auch leidenschaftliche Teetrinkerin. Ich trockne meinen Tee selbst, letztes Jahr konnte ich mir sogar einen gesamten Jahresvorrat anlegen." Für ihren Müll nimmt sie zum Beispiel die Verpackungen von Toilettenpapier, für ihre Brotzeit nutzt sie Brotzeitdosen und Schraubgläser. "Wir kaufen selten Limonade", sagt Nadine Bayer, denn sie stellt verschiedene Sirupe selbst her. Die Bohnen für ihr Chili kauft sie als Trockenprodukt im Unverpacktladen, weich werden sie im Schnellkochtopf. Den Teig für die Sonntagsbrötchen setzt sie am Samstagabend an und lässt ihn über Nacht gehen. ("Selber kochen ist ohnehin sehr nachhaltig"). Selbst das Deo ist bei Nadine Bayer Marke Eigenproduktion, abgefüllt in Glasfläschchen mit Roller. Der Vorteil: Mit ätherischen Ölen wählt sie ihren Lieblingsduft. "Ich brauche nicht das neueste Smartphone, ich kaufe mir lieber ein schönes Möbelstück vom Schreiner. Auch wenn es teurer ist - das habe ich vermutlich ein Leben lang."

Es gab auch Rückschläge

Doch auch Nadine Bayer musste in ihrem Bestreben schon kleine Rückschläge einstecken und weiß: Nicht alles funktioniert für jeden. "Ich komme zum Beispiel mit dem Kastanien-Waschmittel nicht klar". Und auch sie bestellt gerade in der Corona-Pandemie ab und zu Essen-to-Go, wobei sie sich am meisten freut, wenn man seine eigenen Töpfe mitbringen kann. "Ich stoße auch an meine Grenzen, obwohl meine Familie meine Bemühungen weitgehend mit trägt", sagt sie. Aber wenn jeder einen kleinen Beitrag leiste, könne das schon viel bewirken. "Ich stelle mir die Frage, wie oft ich neue Kleidung brauche. Ob wirklich 20 Paar Schuhe im Schrank stehen müssen?" Dinge, die man wirklich brauche, auch tatsächlich zu nutzen - das sei nachhaltig.

Ein Dorn im Auge sind ihr Coffee-to-go-Becher und der viele Müll, der in der Landschaft liegt. "Wir haben hier ein gesamtgesellschaftliches Problem, das wir angehen müssen." Ideen für ein Umdenken findet sie auf Webseiten wie smarticular.de oder utopia.de, mit vielen Nachhaltigkeitstipps zum Selbermachen oder auch Hinweisen zu saisonalen Lebensmitteln und Produktionsbedingungen. Auch einen Buchtipp hat Nadine Bayer parat und legt allen Interessierten "Besser leben ohne Plastik" von Nadine Schubert ans Herz. "Letztendlich sind es doch viele Menschen an vielen kleinen Orten, die die Welt verändern."

Das Deo-Rezept

Das Rezept für das Deo, das Nadine Bayer selbst herstellt, ist unter dieser Adresse zu finden: https://bit.ly/334B2ql