In einigen Berufen gibt es Situationen, die anstrengend, aufs Äußerste belastbar sind, die Psyche angreifen und denen man nicht ausweichen kann. Dazu gehört vor allem die "Blaulichtfamilie" mit Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr. Aber auch andere Berufsgruppen, die mit schweren Unfällen, wie kürzlich Höhe Unterpreppach, oder sonstigen schlimmen Schadensereignissen konfrontiert werden, sind gefordert. Was geht in Menschen vor, die Schwerverletzte oder tote Personen vor Augen haben, die sie retten, bergen, behandeln oder transportieren müssen, die Unfälle aufnehmen?

Zum 1. August ist Bernhard Warmuth als stellvertretender Dienststellenleiter von der Verkehrspolizei Schweinfurt-Werneck zur Polizeiinspektion Ebern gekommen. Er hat in seiner Laufbahn schon viele schlimme Unfälle erlebt, sagt der Polizeibeamte: "Schon als junger Polizeibeamter, als ich von der Bereitschaftspolizei aus im Jahr 1997 Dienststellen in Oberfranken im Rahmen von Unterstützungseinsätzen verstärkte, bin ich mit Unfällen konfrontiert worden. Es war wie in einem schlechten Film, als wir nachts durch ein Waldstück gefahren sind und vor uns ein brennendes Auto auf dem Dach lag und aufgeregte Menschen sahen. Eine dieser Personen hat die Tür unseres Streifenwagens aufgerissen und gerufen: ,Dort drüben stirbt einer.'" Warmuth und sein Kollege sind zu dem Verunglückten gerannt, haben Herzwiederbelegung eingeleitet, bis der Rettungsdienst eingetroffen ist.

Bernhard Warmuth senkt den Kopf und sagt: "Für den jungen Mann kam jede Hilfe zu spät." Nachher habe er erfahren, dass der Mann Suizid begangen hatte. "Da ging mir damals mit gut 20 Jahren so einiges im Kopf rum", sagt der Polizeihauptkommissar. Er könnte noch über viele schlimme Ereignisse auf der Autobahn berichten.

Heute weiß der erfahrende Beamte, dass man mit solchen Situationen nur zurechtkommt, wenn es gelingt, sich einen "Schutzpanzer" zuzulegen. "Den brauchst du einfach, um alles, was so kommt, bewältigen zu können, Emotionen sind da eher kontraproduktiv, auch wenn man sie vermutlich nie ganz ausschalten kann."

Heute gibt es die Möglichkeit, sich helfen zu lassen. Da sei in erster Linie die Dienststellenleitung gefragt, die erkennen müsse, wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter Hilfe braucht. Unterstützung gibt es beispielsweise beim Polizeilichen Sozialen Dienst (PSD).

"Für uns Rettungsdienst-Mitarbeiter sind viele Einsätze Routine, und doch ist jeder Einsatz anders", sagt Michael Will, Rettungssanitäter an der Rettungswache in Ebern und Pressesprecher des BRK-Kreisverbandes Haßberge. Man habe es mit unterschiedlichen Menschen in zum Teil lebensbedrohlichen oder außergewöhnlichen Situationen zu tun. "Dabei gibt es in unserer täglichen Arbeit immer wieder auch belastende Erlebnisse", so Will. Das könnten tragische Einsätze sein, bei denen Kinder betroffen sind, schlimme Verkehrsunfälle mit Schwerstverletzten oder gar Toten oder Einsätze, bei denen sich Menschen das Leben genommen haben. "Wir müssen mitunter Bilder sehen, die man niemals sehen möchte."

Aber das gehöre nun mal zum Beruf eines Rettungsdienstmitarbeiters dazu. Jeder verarbeite solche Eindrücke anders. "Dabei hilft, sich nach belastenden Einsätzen mit den Kolleginnen und Kollegen auszutauschen und zu hören, wie die anderen die Situation empfunden haben. Darüber reden hilft immer."

Dass Einsätze mitunter belasten, sei normal und eine menschliche Reaktion. Vorsicht sei geboten, wenn Bilder und Emotionen auch Wochen oder Monate später immer wieder ins Bewusstsein kommen, es vielleicht sogar Schlafstörungen oder Ähnliches gebe. Dann könne psychologische Hilfe eine wertvolle Unterstützung sein.

"Hinter jeder Einsatzkraft in Uniform oder Schutzkleidung steht ein Mensch wie du und ich mit Gefühlen, Emotionen und mitunter einer ganz persönlichen Betroffenheit", sagt Michael Will. "Zum Glück muss sich heute niemand mehr dafür schämen, wenn man sich nach belastenden Situationen Hilfe holt." Den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern des Bayerischen Roten Kreuzes stehen dabei im Landkreis unter anderem geschulte Mitarbeiter der "Psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E)" zur Verfügung. Das etwa zehnköpfige Team kümmert sich speziell um die Belange von Rettungskräften. Beim BRK gibt es dafür eine eigens eingerichtete Telefonnummer. In Akutsituationen können sich Helferinnen und Helfer dort rund um die Uhr melden.

Jonas Ludewig, er ist der jüngste Kreisbrandmeister im Landkreis Haßberge und seit seinem 12. Lebensjahr bei der Feuerwehr. Als Führungskraft ist er meist bei allen großen Schadensereignissen, wie auch bei schweren Verkehrsunfällen, mit an vorderster Front, um die Einsätze zu leiten. "Ja, es ist schon richtig, Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang hat man schon lange im Hinterkopf wie den im Oktober auf der Staatsstraße an der Herrenbirke, Höhe Unterpreppach, oder auch den, wo vor einigen Jahren bei Fischbach ein Busfahrer mit einem Lkw kollidiert ist und starb", sagt der Kreisbrandmeister.

Für ihn sei es persönlich wichtig, die Geschehnisse nicht mit nach Hause zu nehmen. Bei schlimmen Ereignissen könne man auf die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) zurückgreifen, eine Gruppe im Landkreis, die sich aus mehreren Organisationen zusammen setzt. Da gebe es Hilfe für Betroffene und ihre Angehörigen, aber auch für Einsatzkräfte. "Bei dem bei Unterpreppach genannten Unfall hatten wir nachher zwei Besprechungen mit dem PSNV, einmal im Feuerwehrhaus Unterpreppach und einmal im Feuerwehrhaus in Ebern", sagt Ludewig. Nach solchen Gesprächen gehe man mit einem relativ guten Gefühl heraus, weil man sich öffnen könne und mit Leuten spricht, die mit dabei waren.

"Wichtig ist es für uns als Führungskräfte zu erkennen, welchen Feuerwehrkameraden man einsetzen kann, was nicht leicht ist, weil immer unterschiedliches Personal dabei ist. Jüngere Einsatzkräfte halten wir in der Regel etwas im Hintergrund. Ich denke, dass wir das bisher ganz gut im Griff hatten."

Als leitender Notarzt ist Dr. Ingo Schmidt-Hammer häufig bei Verkehrsunfällen oder sonstigen medizinisch erforderlichen Noteinsätzen im Einsatz. "Bereits wenn ich zum Beispiel zu einen Verkehrsunfall anfahre, mache ich mir meine Gedanken, was mich erwarten könnte. Man weiß nicht immer, wie viele Verletzte es sind. Da ich Leitender Notarzt bin, überlege ich mir auch schon auf der Anfahrt, welche Rettungsmittel ich eventuell nachalarmieren lasse. Ein echtes Bild, kann ich mir jedoch erst vor Ort machen", sagt der erfahrene Notarzt.

Er lobt die gute Zusammenarbeit mit der gesamten Rettungskette, wobei er vor allem Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr nennt. "Das ist ein eingespieltes Team", sagt Schmidt-Hammer.

Jeder erfülle vor Ort professionell seine Aufgabe. Wie man reagiert, wenn zum Beispiel noch während des Einsatzes Angehörige von Verunglückten vor Ort auftauchen, müsse die jeweilige Situation zeigen. "Jedenfalls muss der Einsatz um das Leben absoluten Vorrang haben, alles andere muss warten".

Schmidt-Hammer lehnt sich zurück und sagt: "Besonders finde ich es für mich belastend, wenn man Kinder reanimieren muss und noch schlimmer, wenn die Reanimation erfolglos ist, was leider auch vorkommt." Bei der Verarbeitung helfe ein Gespräch mit Kollegen oder die Nachbereitung mit der Psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte.

Bei Unfällen mit tödlichem Ausgang kommt der Bestatter. Michael Zehe aus Haßfurt betreibt dieses Geschäft seit vielen Jahren, kennt es bereits von seinen Eltern. Wie geht er damit um, wenn er Leichen an der Unfallstelle abholen muss? "Auf so was kannst du dich eigentlich nicht vorbereiten, du fährst hin, wenn du von der Einsatzzentrale der Polizei verständigt wirst", sagt der 50-Jährige. Auch ihm schwirren schon bei der Anfahrt Gedanken durch den Kopf. "Was wird dich erwarten, kennst du eventuell die tödlich verunglückte Person, sind Personen aus deiner Familie eventuell auf der Strecke gefahren, wo der Unfall ist, man macht sich schon seine Gedanken", sagt Zehe.

Besonders schlimm war für ihn ein Unfall, an den er sich spontan erinnert: "Das war vor einigen Jahren im Steigerwald, als ich zwei Kinder, die als Mitfahrer im Auto waren, abholen musste." Er sagt, dass man vor Ort einfach funktionieren müsse, bei der Arbeit nicht so viel nachdenken sollte, wobei er es besonders tragisch findet, wenn noch Angehörige zur Unfallstelle kommen. "Meine Arbeit belastet umso mehr, desto älter man wird", sagt der erfahrene Bestatter.

Hilfe von außen haben er und seine Mitarbeiter bisher nicht in Anspruch nehmen müssen. "Vieles arbeiten wir selbst im Team oder mit der Familie auf", sagt er - und: "Über manches will man auch einfach nicht sprechen."

Mit einem schweren Schicksalsschlag musste das Ehepaar Diana und Enrico Mußbach aus Prappach vor fünf Jahren fertig werden. Diana Mußbach erinnert sich noch, als sei es gestern gewesen, als ihr Sohn Joschi wenige Tage vor seinem vierten Geburtstag von einem Auto überrollt wurde und später verstarb. "Über Zuwendung von Freunden und Verwandtschaft waren mein Mann Enrico und ich damals dankbar und sind es noch heute", sagt sie. Auch die Betreuung durch eine Mitarbeiterin der Malteser habe sehr geholfen. Beide Eltern seien auch lange in psychologischer Behandlung gewesen, um überhaupt einigermaßen klarzukommen;, später fanden Gespräche mit dem Psychologen noch sporadisch statt.

Erst vor kurzem waren sie und ihr Mann endlich mal bei einer Reha-Maßnahme, bei der sie sich Hilfe holen und mit anderen über ihr schweres Los sprechen konnten. "Das hat uns mal so richtig gut getan", sagt die Mutter. Sie weiß aber auch, dass der Tod ihres Joschi sie ihr Leben lang begleiten wird.

In der Notfallseelsorge ist Diakon Manfred Griebel tätig. "Jeder Weg zu schlimmen Ereignissen ist immer ein einzigartiger Weg, immer anders, immer neu, mit Gedanken, was dich erwartet. Ist es ein junger Mensch? Kenne ich dessen Familie?", sagt Seelsorger Griebel. Er lasse sich in solchen Momenten von seinem Glauben an Gott tragen. Aus jeder Situation nehme man unterschiedliche Bilder mit. "Gerade, wenn Kinder beteiligt sind, kostet das im Inneren viel Kraft."

Wie man alles selber verkraften kann, sei ein ganz wichtiger Aspekt. "Ich brauche Kraftquellen, um manches los- und sich setzen zu lassen, um mich neu zu stärken", erklärt Manfred Griebel. Besondere Auftankquellen seien für ihn neben seinem Glauben die Stille, für sich alleine zu sein, Laufen, Spazieren gehen oder sich mit Menschen auszutauschen. In solchen Grenzpunkten helfe auch, dass man verzweifelten und ratlosen Menschen zur Seite stehen könne.

"Seit über 20 Jahren erlebe und begegne ich nahezu täglich Sterbenden und Hinterbliebenen, in ganz unterschiedlichen Ausnahmesituationen, auch Personal in Krankenhäusern und Altenheimen. Leute, die sich mit Herzblut um Menschen kümmern. Mit Gottes Hilfe darf ich so jeden Tag segensreich wirken, und das erfüllt mich immer wieder neu", sagt Manfred Griebel, Notfallseelsorger und Diakon.