Tonnenschwerer Stahl kann leicht wirken wie ein Blatt Papier, das gerade im Wind schaukelnd zu Boden sinkt. Wer daran zweifelt, sollte sich auf den Skulpturenpfad begeben, der gerade im Wildpark von Schloss Tambach entsteht. Annette Gräfin zu Ortenburg gewann den fränkischen Künstler Thomas Röthel für dieses Projekt, das dem Wildpark einen völlig neuen Aspekt hinzufügt.

Der Künstler kommt ursprünglich aus der Holzbildhauerei. In seinen Studienjahren bei Professor Johannes Peter Hölzinger an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg entdeckte er dann Stahl als das Material, das ihm seither dient, seine Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Ideen, die keiner Skizze entspringen. "Ich arbeite mit kleinen Skulpturen", sagt Thomas Röthel. Vorbilder, deren Entstehungsprozess ihm bereits das Gefühl für das Material vermittelt, wenn er sie herstellt. "Mich interessiert die Materialreaktion, die eintritt, wenn man bestimmte Kräfte wirken lässt, den Stahl auseinanderzieht, biegt, oder neuerdings zerbricht", erklärt er. Geht es dann an die Umsetzung im Großen, sagt er: "Ich brauche nicht viel Kraft. Das Material ist so schwer, es lässt sich eh nur mit großen Maschinen bewegen."

Welcher Aufwand dabei hinter dem steckt, was in diesen Tagen und noch bis in den April hinein im Wildpark aufgestellt wird, können Betrachter nur erahnen. Feuer, große Hebel und Maschinen spielen eine Rolle, ehe Thomas Röthels Skulpturen auf ihre Fundamente gesetzt werden. Nach dem Schaffensprozess steht da etwas, das seinen Raum, seinen Platz im Raum sucht. Seine Skulpturen sieht der Künstler als Orte, an denen Menschen stehen bleiben, sei es bewusst in der Betrachtung der Kunst oder unbewusst, weil eine gewaltige Stahlskulptur einfach ein Ankerpunkt auf einem sonst freien Platz sein kann.

Raum ist im Wildpark vorhanden. Thomas Röthel und Annette Gräfin zu Ortenburg waren sich bei der Wahl der Standorte für die Skulpturen schnell einig, hatten dieselbe Vorstellung davon, wie, welches Kunstwerk an welcher Stelle dem Raum einen besonderen Aspekt gibt. So entstanden Achsen, die den Betrachtern nicht entgehen werden. "Das tut dem Park richtig gut, es vermittelt Kraft", sagt Gräfin zu Ortenburg. Mit dem Projekt, das zwölf beeindruckende Skulpturen für die kommenden zwei Jahre in den Park bringt, erfüllt sie sich den lange gehegten Wunsch, dem Wildpark zu allen vorhandenen Angeboten des weitläufigen Geländes einen Aspekt der Kunst zu geben.

Entlang der Sichtachsen, in denen Thomas Röthels Arbeiten stehen, ist nichts starr. "Es wird ständig anders sein, weil sich die Farben verändern, das Licht die Skulpturen immer wieder anders zur Geltung bringt", erklärt Annette Gräfin zu Ortenburg, warum sie mit Spannung darauf wartet, zu beobachten, wie die so leicht wirkenden Stahlkolosse die gesamte Atmosphäre im Park verändern.

Allen voran ist es die zweiteilige Skulptur unmittelbar unterhalb des Schlosses, die darauf wartet, eines der wichtigsten Gestaltungselemente des ganzen Projekts zu werden. Auf einer zurzeit erdbraunen Fläche ist sie Ton in Ton kaum zu erkennen. Doch das wird sich ändern. "Wir säen dort demnächst ein, dann wird eine Blumenwiese entstehen, die ständig ihre Farben ändert und das wird die Skulptur erst so richtig zur Geltung bringen", verspricht Gräfin Annette zu Ortenburg und Thomas Röthel ist überzeugt: "Das wird richtig spannend sein, das zu beobachten."

Ist es bei vielen der großen Skulpturen die Leichtigkeit, die über einen Stoff vermittelt wird, der in den Köpfen der Betrachter als hart, schwer und und widerstandsfähig verankert ist, so spielt bei einer Skulptur nahe dem Biergarten ein anderer Aspekt eine Rolle. Hier lässt der Künstler sein Lieblingsmaterial weich wirken. Vier in ihrer Grundform gleiche Teile liegen gestapelt, zwingen einander in Formen, die den Eindruck vermitteln, dort hätte jemand einige Polster aufeinander geworfen.

Wer seine Begleiter beim Besuch des Skulpturenpfades beeindrucken möchte, der sollte sich merken, dass jedes dieser "Polster" 500 Kilogramm wiegt. Die Skulptur, die als eine der kleineren in der gesamten Reihe daherkommt, bringt also glatte zwei Tonnen auf die Waage.

Der Ansbacher Kunstpreisträger Thomas Röthel ist über zahlreiche Ausstellungen bekannt - auch über Deutschland hinaus. "Ich wollte jemanden für dieses Projekt finden, der aus Franken kommt. Aber es sollte auch jemand sein, der schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat", sagt Gräfin zu Ortenburg. So stieß sie auf ihn. Jetzt, nachdem die ersten sieben Skulpturen stehen, ist sie überzeugt, einen Glücksgriff getan zu haben. Sie empfindet die Stahlskulpturen als große Bereicherung. Dass der neue Aspekt des Kunsterlebnisses neue Besucher in den Park bringen wird, sei nicht das vorrangige Ziel gewesen. Es wird aber gewiss so sein. Und Besucher, die nicht wegen der Skulpturen kommen, werden nicht gehen, ohne sie bewusst als Kunstwerke wahrgenommen zu haben.

Es wird spannend sein, zu sehen, wie alles wirkt, wenn der Skulpturenpfad einmal ganz fertig ist.