Über die ständigen Kontrollanrufe seiner Frau kann sich Paul G. (Name von der Redaktion geändert) bei seinem Freund echauffieren. Dass sie ihn aber auch mit unbegründeten Eifersuchtsszenen regelrecht verfolgt und ihn im Streit auch immer wieder schlägt, behält er für sich. Zu groß ist die Scham, von seiner eigenen Frau verprügelt zu werden.

Paul G. ist einer von mindestens 20 000 Männern, die jährlich häusliche Gewalt erfahren. 20  000 werden in der bundesdeutschen Kriminalitätsstatistik aufgeführt. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher. Denn, das hat auch Angela Geissler während ihrer Masterarbeit im Studienfach Soziale Arbeit an der Hochschule Coburg erfahren: Ihr Thema "Vom Wegschauen zum Hinschauen - Häusliche Gewalt von Frauen in intimen Paarbeziehungen" ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema.

Für ihre Arbeit erhielt Angela Geißler jetzt den Kulturpreis Bayern der Bayernwerk AG in der Sparte Wissenschaft. "Ich wollte in meiner Arbeit genauer hinschauen und herausfinden, was für Veränderungen und Maßnahmen notwendig sind, damit auch Frauen, die häusliche Gewalt in ihrer Partnerschaft anwenden, ein adäquates Unterstützungsangebot durch die Soziale Arbeit in Anspruch nehmen können, um an ihrem Problem zu arbeiten", sagt sie.

Während ihres Praxissemesters 2014 arbeitete sie in einem Frauenhaus. Auf der Suche nach Männerhäusern wurde sie bundesweit gerade zweimal fündig.

Wo beginnt häusliche Gewalt von Frauen? Sicherlich geht es nicht (nur) um Schläge mit dem Nudelholz ... wie sieht verbale und psychische Gewalt aus?

Angela Geißler: Über konkrete Formen von weiblicher Gewalt fehlen schlichtweg repräsentative Studien. Man kann aber mit relativer Sicherheit davon ausgehen, dass weibliche und männliche häusliche Gewalt sich kaum oder gar nicht voneinander unterscheiden.

Frauen üben genauso körperliche, psychische, soziale, ökonomische und sexualisierte Gewalt aus. Auch wenn sich viele wahrscheinlich nun fragen, wie das sogenannte schwächere Geschlecht körperliche Gewalt ausüben kann, passiert dies häufiger, als in Hellfeldstudien ersichtlich wird. Erstens können sich Frauen Gegenstände zur Hilfe nehmen, mit denen sie Gewalt ausüben, und zweitens wehren sich Männer häufig nicht.

Leider wird ihnen dies dann aber häufig vorgeworfen. Doch sich zu wehren, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen und ihrer Frau wehzutun, halten viele männliche Opfer sicherlich zu Recht für die falsche Lösung.

Als psychische Gewalt, auch seelische Gewalt genannt, lässt sich jedes Verhalten bezeichnen, welches die psychische Integrität einer anderen Person verletzt oder schädigt. Darunter fallen Demütigung, Stalking, schwere Drohungen, Einschüchterung, soziale Kontrolle, Einschränkung des sozialen Lebens und ähnliche Handlungen, die meistens nicht im Einzelnen, jedoch aufgrund ihrer Wiederholungen als psychische Gewalt zu bewerten sind.

Woher kommen diese aggressiven Verhaltensweisen bei Frauen?

Im Prinzip genau daher, woher aggressive Verhaltensweisen bei Männern kommen, aber so leicht lässt sich dies nicht erklären. Häusliche Gewalt ist kein monokausales Phänomen, es gibt also nicht DIE eine Ursache. Es ist davon auszugehen, dass das Zusammenwirken vieler verschiedener Faktoren, die Wahrscheinlichkeit Gewalt auszuüben oder zu erfahren, erhöhen oder verringern kann. Zum Beispiel kann das Umfeld, in der eine Person aufwächst ein großer Einflussfaktor sein. Das Verhalten nahe stehender Personen, wie das der Eltern etwa, kann ein negatives Vorbild darstellen. Oder eben einfach mangelnde Konfliktfähigkeit beider Partner, was wiederum auch auf Erziehung und Sozialisation zurückgeführt werden kann, kann zu aggressivem Verhalten führen.

Wer ist Ansprechpartner für die Opfer - aber eben auch für die Frauen, die Hilfe suchen?

Gute Frage ... Es gibt dahingehend immer mehr Angebote, aber eindeutig nicht genug. Insbesondere das Phänomen der männlichen Opferschaft erfährt in den letzten Jahren mehr politische Aufmerksamkeit, weshalb immer mehr sogenannte Männerschutzwohnungen gegründet werden. Einrichtungen, die ein Beratungs- und Trainingsangebot für häuslich gewalttätige Frauen bieten, sind vergleichsweise nach wie vor kaum vorhanden.

Das sollte sich unbedingt ändern, denn während die Opfer der häuslichen Gewalt lediglich entfliehen können, können nur die Täter*innen sie wirklich beenden.

Sie lassen sich gerade zur Fachkraft für Täterarbeit bei häuslicher Gewalt ausbilden. Welche "Täter"-Erfahrungen haben Sie schon gemacht?

Meine Masterarbeit hat mich dazu motiviert. Ich habe gemerkt, wie wenig Angebote es dahingehend insbesondere für Frauen gibt. Doch mit der Gewaltberatungsstelle Nürnberg ist seit meinem Interview für die Masterarbeit eine enge Kooperation entstanden. Im kommenden Jahr soll in der Einrichtung auch Täterinnenarbeit angeboten werden, mit mir als Beraterin.

Haben Sie auch für ihre Masterarbeit in Coburg recherchiert?

Soweit ich weiß, richten sich in Coburg die Angebote rund um das Thema häusliche Gewalt lediglich an Frauen und Kinder als Opfer. In ganz Oberfranken gibt es nach meinen Recherchen bis dato kein Angebot für häuslich gewalttätige Frauen.

Sie wollen die Masterarbeit als Buch herausgeben - haben Sie schon einen Titel, Verlag und Erscheinungsdatum?

Hab ich! Das Buch trägt den Titel: Weibliche Gewalt in Paarbeziehungen - Impulse für eine Enttabuisierung. Herausgegeben wird es vom Wissenschaftsverlag Tectum und es soll noch dieses Jahr erscheinen.