Tobias Herrling

Coburg — Ihr Hobby nimmt so viel Zeit in Anspruch, dass es fast mehr als ein Ehrenamt ist. Astrid Hess ist Vorsitzende des TV 48 Coburg. Ein Amt, das ohnehin zeitaufwendig ist. Ist ein Verein intakt, spielen sich Automatismen ein. Seit über einem halben Jahr ist aber alles anders. "Mittlerweile bin ich jeden Tag ehrenamtlich beschäftigt. Das war sonst nicht so", sagt Hess. Die Corona-Krise bedeutet für viele Vereinsvorsitzende: es ist mehr zu tun.

Hess, seit acht Jahren im Vorstand tätig und seit drei Jahren erste Frau des Vereins, beziffert die Mehrarbeit auf zehn Stunden pro Woche. "Die Bürokratie und die Organisation sind deutlich mehr geworden. Es ist kein Vergleich zu der Zeit vor Corona", sagt Hess. Ihr "Pech": Mit 1600 Mitgliedern ist der TV 48 der größte Sportverein in Coburg. "Ich habe von jedem Übungsleiter die Unterschrift gebraucht, dass sie das Hygienekonzept der Stadt Coburg gelesen haben. Bei 40 Trainern ist das ein enormer Aufwand", zählt Hess ein Beispiel auf. Der Großteil der Arbeit gehe aber dafür drauf, im Gespräch zu bleiben. "Vor allem während der Lockdowns ist es wichtig zu zeigen, dass der Verein lebt. Wir haben deutlich mehr digital gemacht", sagt Hess.

Auf Facebook, Instagram & Co. nichts zu machen, sei kontraproduktiv. Auch dafür ist die Vorsitzende verantwortlich: "Alles Digitale läuft bei mir zusammen." Zudem gebe es viel mehr Fragen von Mitgliedern, was unter welchen Voraussetzungen möglich ist. "Wenn die ersten Lockerungen und Auflagen kommen, wird es wieder stressiger", weiß Hess.

"Ich will immer von jeder Abteilung Rückmeldung bekommen und mich absichern. Ich muss wissen, wer wann was gemacht hat. Es ist wichtig, dass alles korrekt ist. Die Frage der Haftung ist eine ganz andere geworden", sagt Hess. Dass sie einen großen Verein mit acht Abteilungen führt, sei eine Herausforderung: "Für einen kleinen Verein ist das alles eher machbar."

Thomas Bittruf kann das bestätigen. Er ist Vorsitzender des RSV "Solidarität" Reuth aus dem Weißenbrunner Ortsteil im Landkreis Kronach. Beim RSV wird Kunstradfahren groß geschrieben, mit nur 25 Mitgliedern gehört er aber zu den kleinsten in Oberfranken. "Die Arbeit ist nicht mehr geworden. Es ist aber eine andere als zuvor", sagt Bittruf. Wie erreiche ich meine Mitglieder? Wie halte ich sie bei der Stange und das Vereinsleben aufrecht? Fragen wie diese treiben Bittruf um.

Auch der RSV, einer der erfolgreichsten Vereine Deutschlands im Kunstradfahren, hat seine digitalen Aktivitäten ausgebaut. Er bietet digitale Workouts an und nahm sogar an Online-Wettkämpfen teil. Trotzdem musste Bittruf feststellen: "Wir haben Mitglieder verloren." Bittruf rechnet, dass nur 15 Sportler dem Verein treu bleiben - ein drastischer Rückgang.

Mehr Mitglieder beim TV 48

Den können Astrid Hess und der TV 48 nicht verzeichnen. "Im September und Oktober hatten wir 50 Neueintritte, vor allem bei den Läufern und im Kleinkinderbereich", freut sich Hess über das Interesse am Verein.