von unserem Mitarbeiter werner Vogel

Maßbach — "Ich heiße Sad. Ich verkaufe Rosen. Dazu habe ich kein Recht. Ich bin ein illegaler Rosenverkäufer." Sad (Andreas Heßling) steht allein auf der karg eingerichteten Bühne. Er fängt an zu reden, mit sich selbst, mit dem Publikum als unsichtbarem und anonymem Gegenüber. Das, was er sagt, ist provozierend, ist traurig, ist wahr. Aber der Araber klagt nicht nur an, er projiziert Vorurteile und Ausländerhass auf sich selbst. Geradezu seherische Fähigkeiten müssen Robert Schneider, den in einem österreichischen Bergdorf aufgewachsenen Autor, bewegt haben, schon 1991 Engstirnigkeit und Vorurteile gegenüber Fremden in seinem Monolog "Dreck" zu verarbeiten.


Gutes Gespür

Zumindest ein gutes Gespür für Themen der Zeit darf man auch Theaterleiterin Anne Maar zumessen, das Stück gerade in diesem Sommer auf den Spielplan zu setzen, da selbst Wohlmeinende mit Sad sagen: "Das Boot ist voll!! Zum Teufel mit der Gastfreundschaft!! Ein paar Hundert, ein paar Tausend - meinetwegen!! Aber nicht eine Völkerwanderung"!! Wo fast täglich Asylunterkünfte brennen, sich rechter Mob auf Straßen zusammenrottet. Die besondere Reihe des "Theaters im Pferdestall" ist der richtige Ort, sich mit provokanten Themen auseinanderzusetzen und das gelang der Inszenierung in beeindruckender Weise.


Provokante Anklage

Noch vor seinem Sensationserfolg "Schlafes Bruder" - Buch und die Verfilmung von Joseph Vilsmaier erreichten ein Millionenpublikum -, hatte der streitbare Robert Schneider das Stück vielen Verlagen angeboten, und erst nach seinem Bestseller wurde auch "Dreck" bei Reclam aufgelegt. Der Stoff, die ganz eigene, schmucklose Sprache, die Schreibweise im Telegrammstil und die Emotionalität, mit der Sad, der Rosenverkäufer, seine Sicht über das Leben in einer deutschen Großstadt darstellt, hat seither viele Theater gereizt, ist nahezu hundertmal inszeniert worden.


Gespräche mit Asylbewerbern

Eine Herausforderung also für die junge Carolin Wunderlich aus Berlin, die seit 2014 in Maßbach als Theaterpädagogin mit der Theaterjugend viele Impulse setzt und nun erstmals ein ganzes Projekt in der "Besonderen Reihe" im Theater im Pferdestall für ein Publikum mit Theaterleidenschaft verantwortet. Seit März hat sich die Berlinerin "im Team mit Darsteller Andreas Heßling", wie sie betont, mit der Thematik auseinandergesetzt. Gespräche mit Asylbewerbern haben die Regisseurin, die selbst in Kreuzberg - einem sozialen Brennpunktviertel der Hauptstadt - aufgewachsen ist, noch sensibler für das Thema gemacht. Heßling hat seine Theaterausbildung im vergangenen Jahr abgeschlossen und steht derzeit im Sommerstück auf der Freilichtbühne.


Behutsame Regie

In ganz anderem Genre, im Lustspiel "Lauf doch nicht immer weg", sorgt er als überforderter Pfarrer für allabendliche Heiterkeitsstürme. Für ihn bedeutet der 70-Minuten-Monolog, den schwierigen, sich teils wiederholenden Text ohne Handlungsfaden so zu verinnerlichen, dass die Welt des Rosenverkäufers Sad erlebbar wird. Selbstzweifel und Hoffnung vermittelt er poetisch, um unvermittelt in dramatischen Ausbrüchen dem Publikum provozierend Verachtung und Anklage entgegen zu schleudern.
Wer das so überzeugend schafft wie Heßling, der hat von den gebannten Besuchern seinen schauspielerischen Ritterschlag erhalten. "Er hat das überzeugend gelebt", spendete eine Kissinger Besucherin ein großes Kompliment. Der Autor gibt in seinem Stück in den Zwischenüberschriften quasi Regieanweisungen, und Karolin Wunderlich tut gut daran, nicht allzu sehr davon abzuweichen. Zu schnell haben vor allem die digitalen Medien Sprache, Ausdrucks- und Sichtweisen in den 25 Jahren, seit das Stück geschrieben wurde, verändert. Der eigenwillige Schreibduktus ließe sich mit ein paar Regiekniffen nicht ändern. Auch die Musik unterstreicht nur zurückhaltend.
"Diese Anklage, diese Sprache, diese derbe Ausdrucksweise, das muss man erst mal verdauen", war auf dem Weg zum Parkplatz zu hören. So wirkt der Abend, wie er gedacht war: provozierend. Lösungen für ein politisches Problem kann das Theater nicht liefern.
Das Fränkische Theater Schloss Maßbach aber hat seinen Anspruch, viel mehr zu sein als eine Spielstätte für heitere Sommerabend-Komödien - wieder einmal - unter Beweis gestellt.