Andreas Lösch Andrea Ziegler ist Veganerin. Aha, aha. Interessant. Wo denn bitte in der Milchstraße ihr Heimatplanet liege und was der Grund sei, dass sie zur Erde gekommen ist? Als Veganer oder Veganerin warst du vor ein paar Jahren noch ein fremdes Wesen, leicht suspekt, irgendwie verkehrt, vielleicht verwirrt.

Heute? Ist es anders. Das hat auch Andrea Ziegler beobachtet. Viele Menschen hätten damit begonnen, über ihr Essverhalten nachzudenken, sie hinterfragen, informieren sich, ziehen Schlüsse. Das macht aus ihnen noch lange keine Veganer oder Vegetarier, aber: Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen steht oft ein übermäßiger Fleischkonsum und die Erkenntnis, dass der Weg dorthin nur über einen hohen Ressourcenverbrauch und die Massentierhaltung führt.

Ein Thema, das selbst hartgesottene Fleischkonsumenten zumindest nachdenklich stimmt. Aber dann auch wieder nicht: Schließlich liefern Werbeprospekte und geschickt designte Verpackungen bequeme Ausflüchte beim Einkaufen im Supermarkt. Aus den Augen, aus dem Sinn - sieht lecker aus, schmeckt gut und ist preislich auch ok. Aus etlichen Gesprächen mit ihren Mitmenschen weiß Ziegler das.

Kein Vorwurf an Fleischfresser

Und sie macht ihnen keinen Vorwurf: "Ich bin jemand, der sich überhaupt nicht darüber aufregt. Ich habe ja selbst auch mal Fleisch gegessen." Die Eltmannerin lebt nun seit sechs Jahren vegan, isst also kein Fleisch, mehr noch, verzichtet auf jegliche Nahrungsmittel, die tierische Erzeugnisse enthalten, und nutzt auch darüber hinaus keine Waren oder Produkte, bei deren Herstellung Tiere getötet, ausgenutzt worden oder zu Schaden gekommen sind (etwa bei Produkten aus Leder, Seide oder Daune).

Warum? Dafür gibt es mehrere Gründe, wie die 46-Jährige erläutert. Nachdem sie vor Jahren mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, schaute sie sich ihre Ernährung genauer an. Sie stellte fest: Irgendwie wahl- und ziellos alles zu essen, an das man sich gewöhnt hat, das einem schmeckt, das man nie hinterfragt hat, das kann nicht die Lösung sein.

Sie wollte sich wieder bewusster ernähren. Ziegler beschloss, kein Fleisch mehr zu essen, stellte zunächst um auf vegetarisch, später nach und nach auf vegan. Die ersten Schritte waren getan und brachten für sie auch die Gewissheit, dass sie sich auf dem richtigen Weg befindet. Sie fühlte sich körperlich fitter, war leistungsstärker, konzentrierter, erzählt sie.

Dieses Resultat ist etwas, das für sie nicht allein mit der Ernährung zu tun hat, sondern auch mit dem Umdenken und dem geänderten Lebensstil an sich. "Durch das Vegane wird man bewusster, achtsamer und dankbarer." Sie habe wieder gelernt, sich für etwas Zeit zu nehmen. Sei es beim Einkaufen, beim Kochen, bei privaten oder beruflichen Dingen: Hektik, Stress, überhastetes Handeln - sie stellte es ab, wo es nur ging. Dazu wieder mehr Bewegung, Sport.

Fleisch kostet viele Ressourcen

Schließlich entstehe aus dem eignen Tun und Handeln eine Verantwortung, sagt Ziegler: Allein für die Produktion von Fleisch würden so viele Ressourcen aufgewendet, dass das schon Grund genug sei, den Konsum einzuschränken oder ganz einzustellen. Die Zahlen sprechen für sich: Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen hat berechnet, dass in jedem Kilo Rindfleisch 6,5 Kilogramm Getreide, 36 Kilogramm Raufutter (Stroh, Heu, Gras) und 155 Liter Wasser stecken sowie weitere 15 300 Liter Wasser, die für die Produktion des Futters benötigt wurden.

Von ihrer Familie bekommt Andrea Ziegler übrigens die nötige Unterstützung, wenngleich nicht alle im Haushalt auf vegan umstellten: Nur die jüngste Tochter Meike (18) hat sich vor etwa eineinhalb Jahren dazu entschlossen, wie ihre Mutter vegan zu leben. Die andere Tochter, der Sohn sowie ihr Mann essen weiter Fleisch. Allerdings: Daheim wird vegan gekocht und da gibt es auch kein Murren, ob der fleischlosen Kost, im Gegenteil: "Das schmeckt ja auch gut!", sagt Andrea Ziegler. Vor allem hat sie in all den Jahren viel ausprobiert. Wer vegan leben will, könne das auch nicht von heute auf morgen, man müsse sich mit dem Thema intensiv auseinandersetzen.

Vitamin B12 braucht's halt

Zwar können die meisten Nährstoffe und Vitamine problemlos über pflanzliche Kost aufgenommen werden, allerdings müssen Veganer das lebenswichtige Vitamin B12 zum Beispiel als Präparat in Tablettenform einnehmen.

Und auch die Auswahl der veganen Produkte und Rezepte will überlegt sein, sagt Ziegler: "Man kann sich wie bei Mischkost auch als Veganer gesund oder ungesund ernähren." Vegan leben bedeutet für sie, dass sie so gut wie keine verarbeiteten Produkte kauft. Denn auf deren Zutatenliste muss man meist nicht lange suchen, bis man auf irgendein tierisches Erzeugnis stößt, häufig sind das zum Beispiel Hühnereiweiß, Milchpulver, Tierfett oder Gelatine. Also: Frisch kaufen und daheim selbst verarbeiten. Auch, wenn der Zeitaufwand größer ist, was gerade zu Beginn einer Ernährungsumstellung belastend oder überfordernd sein kann, zahlt sich das aus, sagt Ziegler. Mittlerweile hat sie so einige Kniffe drauf und gibt ihre Erfahrung auch gerne weiter, wenn sich jemand für die vegane Ernährung interessiert oder Fragen hat. Mail-Adresse: ziegler.a-b@t-online.de.

Dass es nicht gleich der komplette Verzicht auf tierische Produkte sein muss, aber eine bewusstere Ernährung einhergehend mit einem stark reduzierten Fleischkonsum durchaus angebracht ist, ist übrigens eine weitläufig unter Ernährungswissenschaftlern vertretene Empfehlung. Auch die "Deutsche Gesellschaft für Ernährung" (DGE) spricht sich "sowohl aus Gründen der Gesundheitsförderung als auch der Nachhaltigkeit" für einen geringeren Verzehr von Fleisch, Fleischwaren und Wurst aus, wie sie in einer Pressemitteilung erklärt. "In der Klimabilanz pflanzlicher und tierischer Lebensmittel gibt es deutliche Unterschiede. Nahezu 70 Prozent der Treibhausgasemissionen unserer Ernährung lassen sich auf tierische Lebensmittel zurückführen, auf pflanzliche Produkte dagegen nur etwa 30 Prozent", schreibt die DLG.

Zuviel Fleisch, zu wenig Gemüse

Eine Ernährung mit mehr pflanzlichen Lebensmitteln würde "dem Klimaschutz und der besseren Ausnutzung der landwirtschaftlichen Nutzfläche" dienen. In der vollwertigen Ernährung nach den Empfehlungen der DGE stellen pflanzliche Lebensmittel die Basis dar, Fleisch sollte auf dem wöchentlichen Speiseplan eines erwachsenen Menschen nur 300 bis maximal 600 Gramm ausmachen. "Die Realität sieht allerdings anders aus", erklärt die DLG. "In Deutschland verzehren Männer über 1000 Gramm Fleisch, Fleischerzeugnisse und Wurstwaren pro Woche." Frauen lägen mit knapp 600 Gramm pro Woche an der oberen Grenze. "Von der wünschenswerten Menge von 400 Gramm Gemüse pro Tag erreichen Männer und Frauen hingegen nur ein Drittel."

Diese Vorgaben erfüllt dagegen Corina Stößel aus Limbach leicht: Die 36-Jährige lebt seit vier Jahren vegetarisch. Fleisch isst sie keines, Käse dagegen schon ("kaufe ich regional") und Eier gibt es nur von den "selbst gehaltenen Hühnern" der Eltern. So habe man die Möglichkeit, sich von der Qualität und den Herstellungsbedingungen eines Produktes selbst zu überzeugen. Auch Corina Stößel hatte sich mit der ressourcenverschwendenten Fleischproduktion auseinandergesetzt und ist zu dem Entschluss gekommen, dass sie für sich etwas ändern muss. Andere bekehren? Nein, darum gehe es ihr nicht, das müsse man von sich aus wollen. "Ich versuche es nicht, in die Welt zu tragen. Aber ich will Vorbild sein", sagt sie. Denn nötig ist ein Umdenken schon längst.