Ferdinand Fischer hat nicht zum Pressegespräch eingeladen oder gab eine Audienz. Ferdinand Fischer lud zum Rapport. Wenn er das tat, dann hatte er etwas zu sagen. Längst war er über jedes Amt hinaus und im wohlverdienten Ruhestand, da hatte er sich das Bewusstsein bewahrt, dass er noch immer jemand ist, der etwas zu sagen hat. Das tat er - und es lohnte sich stets, anzuhören, was er zu sagen hatte. Jetzt setzte der Heimatverein dem "Vater Rödentals" mit einer Sammlung seiner eigenen schriftlichen Aufzeichnungen ein literarisches Denkmal. Das Buch ist ein Geschenk, nicht zu Ferdinand Fischers, aber zu Rödentals 50. Geburtstag. Und es ist eine Würdigung Fischers als Geburtshelfer und Erzieher dieser Kommune, die nicht immer ganz freiwillig wurde, was sie heute ist.

Am Montag stellte der Heimatverein das Büchlein vor, das entstehen konnte, weil Dietrich Schulz, der Schwiegersohn des Rödentaler Altbürgermeisters und Ehrenbürgers Ferdinand Fischer, und seine Frau Rita einen Teil der Aufzeichnungen zur Verfügung stellten, die Ferdinand Fischer im Laufe seines Lebens und über sein Leben verfasst und hinterlassen hat. "Es sind Aufzeichnungen eines Zeitzeugen, die uns erkennen lassen, wie er die Zeiten der Weimarer Republik, des Dritten Reiches und des Wiederaufbaus ganz persönlich wahrgenommen hat", unterstreicht Dietrich Schulz den authentischen Wert des Buches. Das, wie seine Frau Rita, die Tochter des "Zaren", betont, ohne Hilfe des Heimatvereins nicht möglich geworden wäre. Für den Verein erklärt Vorsitzender Günther Ott mit Blick auf die möglicherweise nicht stattfindenden Festveranstaltungen zum 50-jährigen Bestehen Rödentals: "Wir wollten einen Beitrag leisten und an die Wurzeln Rödentals erinnern." Dabei komme man eben an Ferdinand Fischer nicht vorbei, so Ott.

Wer Ferdinand Fischer noch persönlich kannte, erkennt ihn Zeile für Zeile wieder, meint manchmal, ihn reden zu hören, mit der Stimme und dem Auftreten, das nicht gerade zum Widerspruch ermutigte. Ein Auftreten, das Ferdinand Fischer in vielen Amtsstuben von der Regierung in Oberfranken über die Staatskanzlei in München bis in die Bonner Ministerien zu einem gefürchteten Besucher werden ließ. Schließlich wussten die Beamten und politischen Würdenträger nur zu gut: Ehe der Oeslauer Bürgermeister nicht hat, was er will, geht er eh nicht wieder. Später erzählte er mit Schmunzeln, wie er ohne Termin an aufgebrachten Vorzimmerdamen vorbei in die Dienstzimmer selbst höchster Stellen rauschte, um unmissverständlich klar zu machen, was Oeslau, später Rödental, jetzt auf der Stelle braucht.

Sein Vorgehen brachte ihm den Beinamen "Zar Ferdinand" ein. Tatsächlich würde so mancher Bürgermeister unserer Tage wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts der Methoden, mit denen Ferdinand Fischer seine Ziele verfolgte. Doch es waren diese Methoden, die in einer Zeit gewaltiger Herausforderungen notwendig waren, um in kürzester Zeit Wohnraum für Tausende Flüchtlinge zu schaffen, die nach dem Krieg in Oeslau und den umgebenden Orten gestrandet waren. Ferdinand Fischer sorgte für Bauland und legte den Grundstein für das Wachstum der ursprünglichen Gemeinde Oeslau. Dieses Engagement ließ Kreisheimatpflegerin Ingrid Ott bei der Buchvorstellung sagen: "Man kannte ihn ja eher sehr knorrig. Doch daran konnte man erkennen, dass er ein Herz hatte für die Flüchtlinge und ihre Not."

Zu Beginn der 70er Jahre stand im Foyer des Rödentaler Schwimmbades ein Modell, das zeigte, wie sich die Kommune entwickeln sollte - einschließlich einer Bebauung bis auf den Mahnberg. Grundschüler von damals fragten sich, ob sie wohl noch erleben würden, dass all das gebaut sein würde. Es ging schneller, als sie jemals gedacht hätten. Und vielmals war es Ferdinand Fischer, der mit unkonventionellen Methoden diese Entwicklung voranbrachte. Etwa als die Arbeiter am Schwimmbad nicht weiterbauen wollten, weil die Gemeinde mit den Zahlungen im Rückstand lag. Da nahm der "Zar" kurzerhand das Geld, das für seine Amtskette gedacht war, um die Firmen zu befrieden, damit sie weiterarbeiteten. Eine Amtskette gab es dann eben erst viel später - für seinen Nachfolger Gerhard Preß. Und als es um die Mehrfachsporthalle ging: "Da bin ich naus gefahren zum Goebel und als er mich gefragt hat, was ich will, da hab ich gesagt, ich brauch a Million". Er hat sie bekommen. Die Halle heißt dafür bis heute Franz-Goebel-Halle.

Ferdinand Fischer war nicht nur Rödentals erster Bürgermeister. Er war auch stellvertretender Landrat, am Ende der 80er Jahre. Mit Genugtuung erzählte er gern, wie er bei der Einweihung der Therme in Rodach, das damals noch keinen Bad-Titel hatte, mahnte, auch daran zu denken, dass ja einmal auch aus Thüringen Gäste kommen würden. "Da haben manche den Kopf geschüttelt und manche haben gelacht", sagte er dann rückblickend. Es hat ihn nicht gerührt. Ferdinand Fischer wusste nur zu gut, dass diese Trennung Deutschlands nie und nimmer auf ewig Bestand haben würde. Es war für ihn nur eine Frage der Zeit. Dass es dann so schnell gehen würde, hat wahrscheinlich sogar ihn überrascht.

Es gäbe allerhand Anekdoten zu erzählen. Einige finden sich in dem Band. Es lohnt sich allemal, ihn zu studieren. Manches könnte gerade in unserer Zeit dem einen oder anderen eine Anregung geben. Zu bekommen ist das Buch "Erinnerungen des 1. Bürgermeisters Ferdinand Fischer" unter anderem bei der Stadtverwaltung im Rathaus, bei der Buchhandlung Stache am Bahnhof Oeslau und bei Lotto-Hofmann in Einberg sowie bei der Familie Ott in Mönchröden, Lindenstraße 37.