Wie gut ich mich noch an diesen Keyboardlehrer erinnere. Es war in einer Musikschule, meine Eltern hatten mich dort zum Unterricht angemeldet, damals war ich fünf oder sechs Jahre alt. Es war die Anfängerklasse, eher die Vorstufe davon. Zehn kleine Nichtskönner, kein einziges Wunderkind dabei.

Der Lehrer war klein und dünn, ich sehe ihn noch vor mir. Aus der Perspektive eines kleinen Kindes wirkt alles ein bisschen größer, aber dieser Lehrer war wirklich klein. Er hat nie gelacht und war immer mürrisch. Erst viel später dämmerte mir, warum das so war. Ich mochte den Unterricht nicht, dabei hatte ich richtig Lust aufs Keyboardspielen. Denn mein Vater hatte mehrere Keyboards, eine Orgel und ein Klavier zu Hause, darauf durften mein Bruder und ich immer spielen, nur waren wir nicht sonderlich gut darin. Erklärt sich von selbst, die Neugier am Instrument ist groß, aber das Gehörgangflattern verursachende Tastengepatsche von Kleinkindern auf Klaviaturen dürfte den meisten Leuten bekannt sein - es lässt niemanden frohlocken. Deswegen der Vorschlag der Eltern, uns bei der Musikschule anzumelden.

Besagter Keyboardlehrer brachte uns dort zunächst die Noten bei, französisch Do Ré Mi Fa Sol undsoweiter. Als Kind lernt man das schnell, alsbald findet man die Töne auf dem Keyboard und spielt sie der Reihe nach oder der Lehrer sagt einen Ton an und die Schüler sollen auf sein Kommando hin die Taste drücken. Nicht so schwer, aber freilich, bei zehn kleinen Kindern mit jeweils einem Keyboard vor der Nase, ist klar, dass einer oder zwei immer daneben hauen oder nicht alle gleichzeitig dem Lehrerkommando folgen können. Der Lehrer saß dabei immer vor der Klasse an seinem Schreibtisch, hatte einen Kaffee vor sich und tunkte ein Butterhörnchen hinein. Er verlangte oft, dass jetzt alle sofort das Spielen aufhören sollen und bitteschön nur dann eine Taste drücken mögen, wenn er das so sage.

Nachdem seine Nichtskönnerklasse nach einigen Wochen ein paar Übungen und leichte Stücke spielen konnte, ließ er in den 30 Minuten Unterrichtszeit einfach nach und nach alle Schüler einzeln ihre Übungen vorspielen und vielleicht das eine oder andere Liedchen. Er saß derweilen am Schreibtisch und tunkte sein Butterhörnchen in den Kaffee. Er stand selten auf, freundlich war er nie. Manchmal saßen Eltern mit im Unterricht, das ließ den Lehrer kalt. Er blieb dabei, tunkte und aß und blickte unglücklich drein.

Erst viel später konnte ich diesen Lehrer verstehen. Das muss man sich mal vor Augen führen: Du bekommst ein bisschen Geld dafür, dass DU, der eigentlich virtuose Pianist, dessen Talent und Können nie ausreichend gewürdigt wurde (oder eben nie ausreichte), dich vor eine Bande kleiner Nervensägen stellst beziehungsweise setzt und ihnen Keyboardunterricht gibst. Diesen unaufmerksamen, unfähigen Kleinkindern sollst du beibringen, wie man eine Tonleiter spielt. Sagen wir mal, es ist ein Knabe oder Mädel dabei, in dem Talent, ein bisschen Musikalität schlummert, dann hast du immer noch neun untalentierte, kleine Monster vor der Nase, die dich mit jeder Unterrichtsstunde und jedem neuen Kurs ein Stücken mehr langweilen. So dürfte es dem Keyboardlehrer ergangen sein.

Dass er damit allerdings seinen Beruf verfehlt hat, dürfte ebenso klar sein. Schließlich wäre es seine Aufgabe gewesen, bei den kleinen (Noch-)Nichtskönnern den Grundstein zu legen, sie auf ein Leben voller Musik vorzubereiten, in ihnen das Interesse zu wecken, die Lust am Üben und Weitermachen herauszukitzeln. Aber freilich, Verständnis habe ich trotzdem für den Mann. Wer schon einmal versucht hat, einem anderen Menschen, der nicht wirklich bei der Sache ist, etwas beizubringen, der wird den Frust des Keyboardlehrers nachvollziehen können. Dennoch ist es schade.

Musizieren ist ein elementarer Bestandteil der menschlichen Kunst- und Kulturgeschichte. Da braucht man nicht lange überlegen, ob es sinnvoll ist, ein Instrument zu lernen. Übrigens ist es auch nicht ganz so wichtig, wie herausragend jemand das Instrument beherrscht, aber anstreben sollte man ein gewisses Level schon. Doch selbst, wenn das nicht klappt: Solange jemand Spaß dabei hat, auch schräge Töne von sich zu geben, soll er es halt tun. Nur halt bitte nicht auf der Bühne...da sollte man nur raufklettern, wenn das Lehrertrauma überwunden und die Einsicht da ist, dass Unterricht oder das sporadische Berühren eines Instruments alleine nicht genügen. Denn was sagen dir alle Lehrer immer und immer und immer wieder? Du musst üben, üben, üben! Als Kind hat man darauf selten Lust, als Erwachsener weiß man: Ohne geht's nicht.