Eine meiner Lieblingsgeschichten aus der Bibel ist das Gleichnis vom Sämann.

Jesus erzählt, wie ein Sämann mit vollen Händen den Samen verstreut - ein sehr anachronistisches Bild heutzutage - ganz gleich, wohin er trifft: auf die trockene Erde, auf die Steine, zwischen Dornen und Disteln, den Vögeln zum Fraß, einfach so.

Und wie zu erwarten, zeigen sich im Laufe der Zeit die Folgen dieses Tuns. Manches keimt gar nicht, anderes nur kurz, Disteln und Dornen lassen nichts emporkommen, die Vögel fressen ihr Teil und doch wächst auf dem guten Boden die Saat zu ertragreichen Ähren heran.

An dieses Gleichnis muss ich denken, wenn ich die Unkenrufe höre: Das Christentum wird sich bald verflüchtigt haben. Wer braucht so was noch heutzutage, Religion ist nur Anlass zum Streit.

Ich behaupte mal, und sehe das in vielen Religionen, "Gott" sät Glaube, Liebe Hoffnung. Wir sind der Boden, worauf dieser Same fällt. Was machen wir daraus?

Etliche nehmen ihn gar nicht zur Kenntnis. Das Leben ist hart und fordernd und ist nur mit ausgefahrenen Ellenbogen zu bewältigen. "Mit rücksichtslosem Krafteinsatz schaffe ich das schon."

Kinder, junge Menschen nehmen ihn zunächst auf. Gott erscheint als der gute Vater, der alles zum Besten kehrt. Ihn kann man um gute Noten und glückliche Tage bitten. Dann gewinnt anderes die Oberhand: der Konkurrenzkampf, die Berufswahl, die Zukunftswünsche - da bleibt der Kinderglaube auf der Strecke.

Andere picken sich das heraus, was ihnen gefällt, und stellen steile Thesen auf, anscheinend biblisch begründet. Wieder andere spotten und missverstehen absichtlich oder aus Unwissenheit Formulierungen und Sitten aus vergangenen Jahrhunderten. Schön, wenn man jemandem weh tun kann. Glaube, Liebe, Hoffnung erreichen Herzen. Sie sehen Menschen, keine zweitklassigen Personen. Sie wägen ihre Worte und schleudern sie den anderen nicht ins Gesicht wie Dreck. Sie suchen nach den guten Seiten des Gegenübers und verurteilen nicht schnell und schneidend. Wenn ich mich frage: wie will ich leben? Allein im Kampf des Daseins oder begleitet von einem menschenfreundlichen Gott? In Gleichgültigkeit gegenüber den anderen oder voll Empathie meinem Mitmenschen, religiös gesprochen, meinem "Bruder", meiner "Schwester", gegenüber? Will ich an meinen Fragen verzweifeln oder in einer Gemeinschaft nach Antworten suchen?

Ich glaube, dass unsere Welt ohne Glaube, Liebe, Hoffnung eher einem trostlosen Ort gliche als einem fruchtbaren Lebensraum. Deswegen bin ich überzeugt, dass das Leben stärker wirkt als die sterile Existenz. Deswegen glaube ich, dass Christentum, in welcher Form auch immer, bleiben und wachsen wird und Früchte trägt.

Heidi Schülke aus Coburg ist Vorsitzende der evangelischen Bürgerstiftung "leben + weitergeben".