Ein Löwe im Stadtwappen ist nichts Außergewöhnliches. Dass in der Stadt einmal tatsächlich eine Löwin gelebt hat, hingegen schon. In der Not nahm die Bad Rodacher Tierarzt-Familie Pohle am 24. Oktober 1977 einen neugeborenen Löwen bei sich auf. Damals gastierte der Zirkus Hagenbeck in Coburg, bei einer trächtigen Löwin musste dringend ein Kaiserschnitt vorgenommen werden. "Mein Mann hat den Kaiserschnitt gemacht und bekam das eineinhalb Kilo schwere Löwenbaby in die Hand gedrückt", erinnert sich Irene Pohle. Der Zirkus hatte keine Möglichkeit, es auf der Tour aufzuziehen. Die Mutter hätte das Jungtier nach der Operation verstoßen. "Wir wurden angefleht, uns um das Löwenbaby zu kümmern, und haben es mitgenommen. Auf dem Weg nach Hause hatte unser damals elfjähriger Sohn sie im Arm und sie gab die ersten Laute von sich."

Eine fleischlose Ernährung

In den ersten Tagen musste Löwin Paka stündlich mit der Flasche gefüttert werden. "Wir waren plötzlich Löwenbesitzer ohne zu wissen, was auf uns zukommt", erinnert sich Norbert Pohle. Paka sei damals so groß gewesen wie die Hauskatze der Familie. "Die Katze war hocherfreut, einen Spielkameraden zu haben. Beim Teetrinken sah uns Paka zu, während die Katze mit ihrem Schwanz spielte", sagt der heute 82-Jährige. "Wir brauchten damals keine Fernsehfilme oder so zur Unterhaltung, die Katze rannte weg und Paka versuchte, ihr hinterherzurennen - später war es dann umgekehrt", ergänzt seine Frau.

Schnell wurde Löwin Paka ein Teil der Familie. "Früh ging die Schlafzimmertür auf und Paka sprang mit einem Satz ins Bett, weil sie schmusen wollte", sagt Irene Pohle. Zunächst haben die Pohles ihre Löwin fleischlos ernährt. "Kloßteig und Kartoffelbrei haben ihr besonders gut geschmeckt. Außerdem bekam sie Kälbermilch. Wir wollten nicht, dass sie sich an Blut und Fleisch gewöhnt", erzählt Norbert Pohle von Pakas Versorgung. Die Löwin wuchs schnell. Bald mussten die Pohles die Türen abschließen, weil Paka sie selbstständig geöffnet hat. Auch in den Garten konnte sie nicht mehr einfach so, weil sie über die Zäune springen konnte.

Haltungsgenehmigung abgelaufen

Als Norbert und Irene Pohle Paka bei sich aufnahmen, hatte der Dompteur zugesichert, dass er bei Problemen jederzeit zu erreichen sei. "Die Haltungsgenehmigung, die uns der Bürgermeister für ein Jahr erteilt hatte, lief aus. Wir suchten ein Vierteljahr nach dem Dompteur", erzählt Norbert Pohle. Die Familie beschloss, Paka zu ihm nach Bremerhaven zu bringen, dass sie mit ihren Eltern und Geschwistern zusammengeführt werden konnte, und stellte ihre Ernährung um. "Als wir Paka nach Bremerhaven brachten, fühlte es sich an, wie wenn wir ein Kind verstoßen würden", erinnert sich Irene Pohle.

Bei der Zusammenführung mit ihren Artgenossen wurde Paka verletzt. "Nach zwei Wochen rief der Dompteur an und sagte, dass Pakas Verletzung sich entzündet hat und sie operiert werden muss. Wir haben uns sofort ins Auto gesetzt, um sie wieder abzuholen", berichtet Irene Pohle. Paka hätte das Ehepaar sofort erkannt und schon von Weitem nach ihnen gerufen. Weil Pakas Wunde medizinisch nachversorgt werden musste,

konnte die Löwin vorerst als Patientin bei ihrer Familie bleiben.

Auf Umwegen erhielten die Pohles schließlich eine Haltungsgenehmigung für Paka. 1980 baute die Familie in Bad Rodach eine Tierklinik, in die ein Käfig und eine Bewegungshalle für Paka integriert waren. Für die Wohnung war die Löwin mittlerweile zu groß. "Wenn wir sie gefüttert haben, sprang sie immer erst an uns hoch und hat uns zum Dank umarmt. Vorher hat sie das Futter nicht angerührt", sagt Norbert Pohle. Weil er als Tierarzt im engen Austausch mit den Landwirten der Umgebung stand, wurde Paka bestens mit Kalbfleisch versorgt.

Insgesamt lebte Paka 18 Jahre bei den Pohles in Bad Rodach. 2013 veröffentlichte Norbert Pohle ein Buch über die gemeinsame Zeit mit der Löwin.