Wolfgang Schoberth

Kurz vor Ausbruch der Revolution 1789 zogen Hunderte hungernde Bürger von Paris vor Schloss Versailles. Als Königin Marie-Antoinette sich erkundigte, was die Leute wollten, und erstaunt hörte, sie schrien nach Brot, antwortete sie: "Qu'ils mangent de la brioche", auf Deutsch: "Dann sollen sie halt Kuchen essen." Ob die Gemahlin Ludwig XVI. den Satz wirklich gesagt hat, ist zweifelhaft. Doch er ist zu einem geflügelten Wort geworden für das Luxusleben einer Elite und ihrem Unverständnis gegenüber der Not vieler Menschen.

Das Diorama ist wie eine Illustration ihrer Vergnügung- und Genusssucht. Sechs Adlige haben sich vor einer typischen Rokoko-Kulisse mit Lustschlösschen und einem gepflegten Hofgarten zum Tête-à-Tête eingefunden. Sie haben sich eine künstliche Idylle geschaffen. Jeder von ihnen hat ein eigenes Floß im Schlosssee bezogen, doch zwischen den schwimmenden Mini-Inseln läuft ein kokettes Spiel: Die Damen charmieren mit Fächern und Schirmchen, die Herren haben ihre Zierdegen in den Boden gespießt und ihre Dreispitze darauf abgelegt. " À votre santé!", "Auf Ihr Wohl!", prosten sie sich mit Champagnerpokalen zu. Der Picknickkorb ist schon ausgepackt, Pastetchen und kalter Braten liegen bereit.

Die große Mode des Adels

Vergnügen in freier Natur ist für den Hochadel im Rokoko Trend. Die Herrschaften suchen Abwechslung von der zeremoniellen Sterilität des Hoflebens. Die Freude an Natürlichkeit nimmt die Zeit der Romantik vorweg. Der Ausdruck Picknick kommt von französisch "pique nique" - "eine Kleinigkeit aufpicken". Auf modischen Chic wird jedoch auch draußen nicht verzichtet. Das Diorama gibt sie in üppigen Details wieder: Die Damen ziehen in ihren trapezförmigen, tief ausgeschnittenen Mieder die Blicke auf sich. Ihre Gesichter sind stark gepudert, sie tragen weiße Perücken oder mit Perlen und Federn drapierte Hochfrisuren. Die Herren stehen an "Putz" nicht nach.

Auch Königin Marie-Antoinette hat sich im Park von Versailles mit dem Schlösschen Petit Trianon einen Rückzugsraum geschaffen. Als Österreicherin war sie am Hof unbeliebt und beim Volk als unmoralisches Luxusgeschöpf verhasst. Neun Monate nach ihrem Gatten, Ludwig XVI., wurde sie im Oktober 1793 auf die Guillotine geführt.

Das Klein-Diorama hat Generalmajor Gerhard von Nostitz-Wallwitz (1885-1966) gefertigt. Er entstammt einem Uradelsgeschlecht aus der Oberlausitz. Er ist eines der Vorkriegs-Mitglieder der Zinnfiguren-Organisation "Klio". Für den Wiederaufbau des Zinnfigurenmuseum auf der Plassenburg hat er sich nach 1945 mit ganzer Kraft eingesetzt und auch selbst mehrere Dioramen beigesteuert.