Große Eichen und Buchen teilen sich den Lebensraum an der so genannten Auwand im Callenberger Forst. Doch unter ihnen gibt es nur Nachkommen einer einzigen Baumart, der Buche. "Die Buche ist unsere dominanteste Baumart", sagt Christoph Hübner. Der Bereichsleiter Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), schaut sich zusammen mit Albert Schrenker, dem Leiter des Forstbetriebs Coburg der Bayerischen Staatsforsten (BaySF) in dem Waldgebiet um. Der Grund: Gemeinsam werden sie von jetzt an darauf achten, dass dort alles sich selbst überlassen bleibt.

Die Auwand gehört zu den Waldgebieten, die auf Anordnung von Bayerns Forstministerin Michaela Kaniber als Naturwälder ausgewiesen werden müssen. Anvisiert sind zehn Prozent der Waldfläche Bayerns. 58 000 Hektar sollen es einmal sein. Die ersten 6000 Hektar stehen fest. "Ausgewählt werden vor allem Gebiete, die ohnehin schon einen hohen naturschutzfachlichen Wert haben", erklärt Christoph Hübner. Dabei geht es in erster Linie um größere Gebiete wie den Irtenberger Wald bei Würzburg, Auwälder an der Isar bei Freising oder Buchenwälder der südlichen Frankenalb. In Nordbayern sind die Strukturen meist kleinteiliger. Ein größerer Bereich sind die Buchenwälder des Spendwegen zwischen Klosterlangheim und Vierzehnheiligen.

Im Coburger Land gibt es rund 111 Hektar Naturwaldflächen. Es sind überwiegend laubholzgeprägte Gebiete. Dort findet nun keine Holznutzung mehr statt. Der Wald bleibt sich selbst überlassen. "Ausnahmen sind die Verkehrssicherung oder Forstschutzmaßnahamen, wenn etwa ein benachbarter Privatwaldbestand durch Borkenkäfer aus dem Naturwald gefährdet wäre", erklärt Albert Schrenker. Und noch etwas könnte die Förster bewegen, im Naturwald aktiv zu werden. Für die Flächen wird nämlich ein Entwicklungskonzept erstellt. Das übernehmen die Beamten vom AELF. Das Konzept könnte nun die Förderung seltener Arten vorsehen, einer Orchideenpopulation vielleicht. Oder eine Lenkung des Besucherverkehrs. Diese Anforderungen des Konzepts operativ umzusetzen, wäre dann die Aufgabe der Mitarbeiter im Forstbetrieb.

Rücksicht ist geboten

Die Vorgabe, den Wald sich selbst zu überlassen, gilt nicht nur für die Förster. "Es wird ein Wegegebot geben", sagt Albert Schrenker, für den aber außer Frage steht, dass gerade diese Waldgebiete auch für die Menschen erlebbar sein sollen. Dafür müssen Wege aber eben auch vorhanden und in Ordnung sein. Zur Jagdausübung dürfen die Bereiche ebenso betreten werden wie für wissenschaftliche Untersuchungen. Denn es gibt einiges zu lernen, wenn die Natur vorführt, was sie tut, wenn sonst keiner was tut. Auf die Frage, wie denn der Wald an der Auwand in 50 oder 100 Jahren nun aussehen wird, können Albert Schrenker und Christoph Hübner daher keine klare Antwort geben. Für die kommenden Jahre zeichnet sich allerdings einiges ab, das sich ganz gut vorhersagen lässt.

"Die Buche wird sich wohl zunächst durchsetzen", sagt Albert Schrenker. Schon jetzt ist klar zu sehen, dass sich unter dem Schirm der alten Bäume keine andere Baumart behaupten kann. Es kann also gut sein, dass Wanderer in den kommenden Jahrzehnten immer mehr sterbende Eichen sehen werden, um die herum Buchen himmelwärts streben. Es kann aber auch ganz anders kommen. "Was ist, wenn das Klima in Zukunft immer trockener wird, nicht die alten Eichen sondern die alten Buchen sterben und plötzlich Licht auf den Boden kommt? Vielleicht setzen sich dann ganz andere Arten durch", sagt Christoph Hübner. Es wird also interessant, an der Auwand.

Plädoyer für die Kleinteiligkeit

Die ganz großen Gebiete sind es beim Forstbetrieb Coburg der BaySF nicht, die in das Naturwald Programm der Ministerin aufgenommen werden. Bei der Ausweisung arbeiten die Fachleute von Forstbetrieb und AELF zusammen. Unterstützt werden sie zusätzlich wissenschaftlich durch die Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft.

Die Betreuung der Naturwälder erfolgt dann eigenverantwortlich durch die BaySF. Dabei bleibt auf der Gesamtfläche der Forstbetriebe eine nachhaltige multifunktionale Forstwirtschaft weiter hin das Ziel. "Und multifunktional heißt eben auch wahrnehmen, erleben, genießen und nicht verbieten, ausgrenzen und verbannen", betont Albert Schrenker. Und er erinnert an eine große Zahl so genannter Zerfallsinseln, die in den Wäldern des Forstbetriebs unberührt bleiben, an ein Naturschutzkonzept, zu dem eine bestimmte Menge Totholz im Forst gehört, Biotopbäume und kleinere geschützte Biotope, die es allenthalben in den Wäldern gibt. "Die gute Verteilung kleiner Entwicklungsinseln auf der ganzen Fläche des Forstbetriebes steht in Zusammenhang mit unserer Flächenstruktur. Wir haben keine großen zusammenhängenden Laubholzgebiete", erklärt Albert Schrenker, wie es zu der Strategie kleinerer Inseln kommt. "Ich glaube, dass diese Strategie eine gute Lösung darstellt. Pauschalen Prozessschutz lehne ich ab, da ein zeitliches und flächiges Nebeneinander von Schutz und Nutzen eine zwar sehr anspruchsvolle Aufgabe ist, den Ansprüchen der Gesellschaft aber am nächsten kommt", sagt er.

Nicht den gesamten Wald zum Naturwald zu machen, hat gute Gründe. Abgesehen davon, dass Holz ein unschätzbar wertvoller nachwachsender Rohstoff ist, der viele andere Stoffe ersetzen kann, die mit hohem Energieaufwand erzeugt werden, trägt ein Wirtschaftswald mehr zur Reduzierung von CO2 in der Atmosphäre bei als ein Naturwald. Denn in Holz, das viele Jahre etwa als Möbel oder Dachstuhl genutzt wird, bleibt das Treibhausgas gebunden. Im Naturwald verrotten sterbende Bäume sofort wieder und geben das in ihnen gespeicherte CO2 wieder frei. Und selbst als Brennstoff bleibt Holz wichtig, weil es fossile Brennstoffe ersetzen kann.