Veronika Schadeck

Die Mitarbeiter von Senivita Flößerhof St. Nepomuk können sich freuen. Sie erhalten seit Juli 2016 mehr Lohn. Zum 1. Januar 2017 gibt es dann einen eigenen Haustarif, der sich an dem Tarif des öffentlichen Dienstes (TVöD) orientiert. Für den geschäftsführenden Gesellschafter Horst Wiesent ist das ein gutes Zeichen. Er hofft, damit künftig Mitarbeiter für seine Einrichtungen gewinnen zu können.
Es ist kein leichter Job, den die Pflegekräfte ausüben. Die Bewohner haben das Prader-Willi-Syndrom (PWS). Der älteste Bewohner ist knapp 50 Jahre. Die Ursache dieser Krankheit ist ein Defekt des Chromosoms 15. Die Bandbreite dieser Störung ist von Fall zu Fall verschieden. Die Betroffenen haben ein fehlendes Sättigungsgefühl, leiden an Esssucht, sie zeigen ein herausforderndes Verhalten, wie beispielsweise Wutausbrüche und psychische Veränderungen. Menschen mit PWS sind oft kleinwüchsig und haben teils ein lebensbedrohliches Übergewicht.
24 Mitarbeiter betreuen derzeit in Marktrodach rund um die Uhr die PWS-Bewohner. Dort werden ihnen auf das PWS-Syndrom zugeschnittene pädagogisch-psychologische Konzepte angeboten. Die Bewohner kommen aus ganz Deutschland, lediglich zwei sind aus Oberfranken.
Es geht bei der Einrichtung nicht so sehr um die Pflege, sondern im Vordergrund steht die Pädagogik, so die Heimleiterin Andrea Driesch. Es geht unter anderem auch darum, dass die Leute ihr Gewicht reduzieren.
Die Tagesration ist daher auf 1200 Kalorien beschränkt. Neben dem entsprechenden Essensangebot gibt es ein Sport- und Freizeitangebot. Dies, so erklärt Driesch, wird jedoch speziell auf den Bewohner eingestellt. Denn es ist ein Unterschied, ob ein Bewohner mit 100 oder 150 Kilogramm eine Wanderung macht. "Die Bewohner sind anstrengend und die Arbeit ist anstrengend", stellt die Heimleiterin klar.
Daher sieht sie es ebenso wie ihr Chef Horst Wiesent als gerechtfertigt an, wenn die Mitarbeiter künftig monatlich zwischen 500 und 700 Euro mehr in der Tasche und eine betriebliche Altersvorsorge haben.
Finanzierbar sei dies durch eine neue Gesetzgebung, genau definiert im Sozialgesetzbuch, erklärt Wiesent. In diesem Zusammenhang spricht er von einer Stärkung der Tariflöhne und von Verhandlungen mit den Sozialträgern. Die Einhaltung der Tarifbindung darf seitens der Sozialversicherungsträger nicht mehr als unwirtschaftlich gelten. Allerdings, so Wiesent, müsse er nun auch konkret nachweisen, dass die Tariflöhne tatsächlich den Beschäftigten zugutekommen. "Das ist so in Ordnung. Ich fühle mich gut dabei." Finanziert werden die Heimplätze durch den jeweiligen Heimatbezirk der Bewohner.
Seit September 2013 ist Senivita in Marktrodach. Vor drei Jahren konnte das ehemalige Hotel im Rahmen einer Versteigerung zwar günstig gekauft werden, aber es musste eine siebenstellige Summe investiert werden, um entsprechende Rahmenbedingungen für die PWS-Betroffenen zu schaffen. Im Gegensatz zu den Wohlfahrtsverbänden müssen die privaten Pflegedienste ihre Investitionskosten weitestgehend in Eigenregie aufbringen.
Die Einrichtung wird in den nächsten Jahren Zukunft haben, davon ist Wiesent überzeugt. Und damit kann er recht haben, denn in Deutschland werden pro Jahr 40 bis 60 Kinder mit dem PWS-Syndrom geboren. Verstärkt nehmen Betroffene bereits in jungen Jahren PWS-Wohneinrichtungen in Anspruch. Wie Wiesent erzählt, hat Senivita eine Schule für Heilerziehungspflege. Dort werden die Leute fit gemacht für diesen schwierigen Beruf. "Man muss schon ein Stück weit kampferprobt sein." Deshalb haben auch Frauen und Männer in mittleren Jahren, die eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen, Chancen, sich in der Heilerziehungspflege ausbilden zu lassen und danach eine feste Anstellung zu bekommen. Einig sind sich der Geschäftsführer und die Heimleiterin: Eine Entlohnung ist letztendlich allein nicht maßgebend, wichtig sei, dass man Herzblut für diesen Beruf mitbringt.