Vierzehnheiligen — 2017 jährt sich der Wittenberger Thesenanschlag Martin Luthers zum 500. Mal. Im Jahr der Reformation griffen auch die traditionellen Fast...
Vierzehnheiligen — 2017 jährt sich der Wittenberger Thesenanschlag Martin Luthers zum 500. Mal. Im Jahr der Reformation griffen auch die traditionellen Fastenpredigten in der Basilika Vierzehnheiligen das Thema auf. Die vierte Predigt hielt am vergangenen Sonntag Professor Ottmar Fuchs. Der Theologe und Priester sprach über die "Rechtfertigung über alle Grenzen hinaus". Er brachte es auf die klassische Formel, dass Christenmenschen sich frei gesprochen fühlen von Gott, angenommen trotz aller Fehler und Versäumnisse, nicht reduziert auf ihre Taten oder Leistungen.
"Für Luther lag darin die Entdeckung seines Glaubens und seines Lebens. Zugleich hatte er damit in der Praxis der Kirche aufgedeckt, was dort unterbelichtet oder gar abgedunkelt war", stellte Fuchs fest.
Wie bei allen Theologien habe auch diese mit der Biographie Luthers zu tun und sei ohne sie nicht denkbar. Und zu dieser Biographie gehöre, dass Luther in vieler Hinsicht Glaube und Kirche als etwas erlebt, das ständig fordert, Lasten auferlegt, und das alles mit Gott als Legitimationsgrundlage: dass es Gott so will. "Für den jungen Luther ist es gerade diese Seite der Frömmigkeit, die er nicht nur erlebt, sondern die er selber in sich bestätigt und verschärft", sagte Fuchs. Denn er wollte sich unterwerfen, er versuchte, die Gebote zu erfüllen.
Gegen sein marterndes Sündenbewusstsein kämpfte er durch häufige Bußübungen und Beichten an. Gnadenlos gegen sich selbst will er Gottes Gnade durch seine spirituellen Leistungen erwerben und erzwingen. Luther konnte seiner Sündigkeit und seiner Unzulänglichkeit nicht entfliehen. Je weniger dies gelang, desto mehr schob sich die Schraube tiefer mit der immer wieder einbrechenden, quälenden Frage, ob denn die religiösen Übungen genug waren. Aber je mehr er auf diese Weise mit Gott umging, je mehr er sich abforderte, desto deutlicher wurde ihm auch, dass dies alles nicht gelingen kann. Die Liebe des unendlichen Gottes kann nicht mit endlichen Mitteln erworben werden. Man kann sich Gottes Liebe nicht verdienen.
Luther konnte noch rechtzeitig aus dieser letztlich alles zerstörenden Dynamik aussteigen. Es kam zur Wende. Beim Studium der Paulusbriefe fiel es wie Schuppen von seinen Augen: Man kann sich die Liebe Gottes nicht verdienen, und man braucht dies auch gar nicht, weil sie längst durch Jesus Christus verdient ist. Hier schlägt das Herz der Reformation, hier ist die tiefe religiöse Erfahrung, die alles Weitere trägt. Hier brachte Luther den Kern der christlichen Botschaft zum Vorschein. Er entdeckte auf schmerzlichem Weg und darum umso erlösender etwas, was leicht vergessen werden kann und was alle angeht. Luther erfuhr die beglückende Einsicht: Nichts, gar nichts muss ich tun, damit mich Gott liebt. Luther erkannte: Es ist ein Wahn, sich Gottes Liebe erwirtschaften zu wollen. Gott liebt bedingungslos, jeden Augenblick neu. So fand Luther den gnädigen Gott. Und diese Erfahrung erfasste ihn so sehr, dass sich dabei auch seine Psyche veränderte. Die zwanghaften Ketten fielen ab, und er fühlte sich als Freigelassener. "Das ist die evangelische Grunderfahrung, die auch viele Gläubige, viele Heilige und nicht zuletzt auch Theologien in den Kirchen geprägt hat und prägt", stellte der Prediger fest.
Ottmar Fuchs war von 1981 bis 1998 Professor für Pastoraltheologie und Kerygmatik an der Universität Bamberg. Seitdem ist er Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie an der Universität Tübingen. Fuchs lebt in Lichtenfels.