Ein neuer Gesetzentwurf sorgt bei Geflügelhaltern und Verbrauchern aktuell für Kopfschütteln: Mogelpackung sagen die einen - Verbrauchertäuschung die anderen. Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ( BMEL ) werden jedes Jahr in Deutschland etwa 45 Millionen Hühnerküken kurz nach dem Schlüpfen getötet. Dabei handelt es sich um die männlichen Geschwister der Legehennen. Die weiblichen Küken werden zu den Legehennen, die unsere Konsum-Eier legen.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ( CDU ) hat am 20. Januar 2021 ein Gesetz zum Ausstieg aus dem Kükentöten vorgelegt: Der Entwurf zur Änderung des Tierschutzgesetzes zielt auf ein flächendeckendes und schrittweises Verbot des Kükentötens in Deutschland ab Ende 2021. Das gesetzliche Verbot sei erforderlich, um das Töten der Hühnerküken einheitlich zu unterbinden und Verstöße wirksam sanktionieren zu können.

Preise sind nicht mehr haltbar

"Dass das Gesetz kommt, wissen wir schon länger", sagt Nebenerwerbslandwirtin Katharina Teuchgräber und führt über ihren Hof zum Hühnerauslauf. Drei mobile Ställe haben sie und ihr Mann Franz Josef. Die Eier ihrer 860 Legehennen verkaufen sie gleich vor Ort in ihrem Hofladen in Bad Staffelstein . Wenn das neue Gesetz in Kraft tritt, werden sie ihre Preise nicht mehr halten können. Die Familie kauft ihre Legehennen beim Züchter in Mittelfranken. Doch ob der dann - wegen des neuen Gesetzes - seine Brüterei wie viele Mitbewerber ins benachbarte Ausland verlagert? Sie weiß es nicht.

Männliche Küken werden getötet

Die Brutzeit eines Hühnereis beträgt 21 Tage. Bis 2024 soll es in Deutschland erlaubt sein, den Brutvorgang abzubrechen, wenn sich bis zum 9. Bruttag herausstellt , dass das Küken männlich sein wird. Ab 2024 soll das aber nur noch bis zum 6. Bruttag erlaubt sein. Doch ab welchem Bebrütungstag kann das Geschlecht des Kükens bestimmt werden? Das interessiert offensichtlich die Gesellschaft, denn das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ( BMEL ) hat für häufig gestellte Fragen jetzt eigens eine Antwort-Seite ins Netz gestellt.  Für diese Frage hat das Ministerium folgende Antwort vorbereitet:  "Grundsätzlich gilt, dass ein Küken erst am 21. Tag, also am Tag des Schlupfs, überlebensfähig ist. Dennoch ist zu beachten, dass während der Brutphase laufend embryonale Entwicklungsprozesse stattfinden. Wird im Brutei ein männlicher Embryo festgestellt, wird die Bebrütung abgebrochen." Zwangsläufig ergibt sich daraus die nächste Frage: Was passiert denn dann mit den nicht ausgebrüteten Eiern? "Die Entwicklung der männlichen Bruteier wird unmittelbar nach dem Aussortieren durch eine kurze Schockfrostung beendet. Die Eier werden als proteinreicher Futtermittelrohstoff weiterverarbeitet", so die Auskunft des BMEL .

Eier werden weiter verwertet

Dass die aussortierten Eier weiter verwertet würden, sei sehr sinnvoll, so Hans Rebelein, Geschäftsführer des Kreisverbandes Lichtenfels-Coburg vom Bayerischen Bauernverband (BBV). In dem Produkt stecke wertvolle Energie, viel Eiweiß und auch viel Arbeit, so seine Aussage. Das ist aber auch das einzige Positive an der Angelegenheit. Auch er ist nämlich der Ansicht, dass es sich bei dem Gesetz um ein Täuschungsmanöver für die Verbraucher handele. "Als Landwirt steht man zwischen Gesellschaft und Wirtschaftlichkeit." Er kann sich gut vorstellen, dass einige Eier-Produzenten ins Ausland abwandern und dort produzieren oder, was er noch befürchtet: dass Legehennen gleich im Ausland gekauft werden, um auf deutschem Boden dann deutsche Eier zu legen, wofür in Deutschland kein Küken getötet werden musste. Das sei einfach ein Geschäft! Die Vorschriften seien ja nur in Deutschland einzuhalten. "Aber man lässt den Import von Produkten, die in Deutschland verboten sind, zu. Dann werden halt Legehennen aus dem Ausland durch die ganze Republik gekarrt. Dann gibt es statt Regionalität nur lange Transportwege für die Tiere", bedauert er nicht ohne Grund. "Die Weichen werden politisch so gestellt, dass es eigentlich nicht machbar ist! - Das ist Verbrauchertäuschung!"

Mitschuld der Verbraucher

Kritisch äußert sich auch der stellvertretende BBV-Kreisobmann, Lothar Teuchgräber: "Das Gesetz ist gut gedacht aber schlecht realisierbar und dank internationaler Handelsrechte nicht umsetzbar."

Es verlagere die heimische Landwirtschaft ins Ausland: "Die Legehennen, die in Deutschland Eier legen, kommen dann aus Polen oder Tschechien. Da ist nämlich das Kükentöten nicht verboten!", rollt er verständnislos mit den Augen. Teils hätten die Verbraucher aber auch Mitschuld an der Entwicklung: ein Hähnchen wachse nun mal nicht bei Aldi in der Gefriertruhe, so der 50-jährige Obmann. Es sei ein Lebewesen. Nur die Wertschätzung bei den Menschen sei nicht mehr da.

Dazu hätte auch die Industrie  ihren Part beigetragen: Die Leute erschrecken, wenn sie die niedlichen Küken sehen, die in Deutschland getötet werden, doch bei den ganzen Fertigprodukten, in denen Ei verbacken oder verwendet wird, frage sich keiner, wo das herkomme. "Es kommt größtenteils als Flüssig-Ei aus Brasilien! Kekse, Fertigkuchen, Eier-Nudeln - da steht nicht drauf, wo das Ei herkommt!"

Verbraucher zahlen mehr für regionale Eier

Eine mögliche Alternative zum Töten der Hähnchen wären die sogenannten Zweinutzungshühner: Bernhard Storath , Bio-Bauer aus Ebensfeld, hat schon länger Zweinutzungshühner auf seinem Hof. Die jungen Legehennen kauft er bei einem Züchter in Unterfranken. Rund 300 Tiere einschließlich mehrerer Hähne hält Storath und zeigt sich freudig überrascht, dass die Nachfrage trotz der etwas höheren Kosten für ein Ei nach wie vor groß ist: "Die Verbraucher sind bereit, für Regionalität etwas höhere Preise zu zahlen!"

Für die Massenproduktion würde sich das aber nicht eignen. Denn so Lothar Teuchgräber: "Das Fleisch eines Bruderhahns ist nicht mit dem eines Masthähnchens vergleichbar, es ähnelt eher dem eines Suppenhuhns." Und wo dann diese Tonnen von Bruderhahnfleisch jährlich landen, stünde in den Sternen. "Wir befürchten, dass dieses Fleisch auf afrikanischen Märkten entsorgt und dort die mit deutschen Entwicklungsgeldern geschaffenen einheimischen Strukturen zerstören wird". Er sei gespannt, wie und ob sich die Ministerin äußern wird: diese Vorwürfe muss sie sich in einem offenen Brief des Bundesverbands mobile Geflügelhaltung e.V. gefallen lassen. Und der fordert: "Wir legen Ihnen hiermit nahe, vor allem Ihre Aussage, dass...künftig in Deutschland nur noch Eier ohne Kükentöten produziert werden', zeitnah den korrekten Tatsachen anzupassen. Denn in der dargestellten Form ist sie definitiv falsch".