Wie sicher und wirksam sind die in der EU zugelassenen Impfstoffe gegen das Coronavirus? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Informationsveranstaltung, zu der MdB Emmi Zeulner ( CSU ) interessierte Bürger im virtuellen Raum geladen hatte. Antworten sowie medizinische Fachinformationen aus erster Hand erhielten die rund 25 Teilnehmer der Videokonferenz von Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, dem Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Gründe für die schnelle Zulassung

Der Facharzt für Innere Medizin und Pharmakologe erläuterte nicht nur den Prozess der Zulassung und Prüfung von Impfstoffen, sondern gab auch Einblicke in die Zusammenarbeit der daran beteiligten Institutionen. Lagen zu Beginn der Pandemie noch die Hoffnungen auf virenhemmenden Mitteln wie sie unter anderem der ehemalige US-Präsident Donald Trump eingenommen hatte, so sei mittlerweile klar, dass es bislang kein wirkungsvolles Medikament gebe, um die Verbreitung des Virus im Körper hemmen zu können. Dies stellte der Experte gleich zu Beginn der Veranstaltung klar. Aus diesem Grund seien Impfstoffe dringend nötig, um schwere Erkrankungen, vor allem bei Risikogruppen, zu verhindern. Doch während die Entwicklung von Impfstoffen bislang gut zehn bis 15 Jahre in Anspruch genommen habe, wurden Impfstoffe gegen das Coronavirus in nicht mal einem Jahr entwickelt. „Dass die Leute das verunsichert, ist nachvollziehbar“, so Ludwig. Genau aus diesem Grund sei es ihm ein wichtiges Anliegen, den Menschen zu erklären, warum die Entwicklung so schnell ging: „Zum einen liegt das an den großen Fortschritten in der Molekularbiologie. Hier waren wir in der Lage, das Spike-Protein, welches vom Virus als Rezeptor genutzt wird, um unsere Zellen zu infiltrieren, schnell zu charakterisieren. So konnte rasch ein passender RNA-Impfstoff entwickelt und hergestellt werden. Zum anderen wurde die Zulassung im Sinne eines sogenannten Rolling Review beschleunigt. Das heißt, Daten und Ergebnisse wurden laufend eingereicht und geprüft und nicht erst dann, wenn sämtliche Phasen des Prüfprozesses durchlaufen waren, wie sonst üblich.“

Eine wichtige Rolle bei der Qualitätssicherung in Deutschland spiele das Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, welches ausgewählte Chargen des jeweiligen Impfstoffs sorgfältig überprüft, unter anderem auf Verunreinigungen, und daraufhin die Freigabe erteilt.

Immunantwort auf mehreren Wegen

Weltweit befinden sich derzeit 90 Impfstoffe in der klinischen Prüfung, wovon 27 die letzte Phase erreicht haben. Einen detaillierten Überblick darüber sowie Informationen zu den einzelnen Phasen der Zulassung verschafft der Impfstoff-Tracker der New York Times. Was genau soll mit der Impfung erreicht werden? Auch darüber klärte Ludwig die Zuhörer auf. Wie er ausführte, erfolge die Infizierung meist über den Nasen-Rachenraum, weil dort viele Rezeptoren sind, an die das Virus andocken kann. Bei 90 Prozent verlaufe die Infektion asymptomatisch. Mit der Impfung wolle man verhindern, dass aus der Infektion eine Erkrankung, nämlich Covid-19 , entsteht und jemand mit Risikofaktoren auf der Intensivstation behandelt werden muss oder gar verstirbt.

„Aktuell sieht es so aus, dass durch die Impfung nicht nur ein schwerer Verlauf verhindert wird, sondern auch, dass das Virus von geimpften Personen nicht weitergegeben werden kann, weil diese schlichtweg zu wenig Viren produzieren“, so der Mediziner weiter. Wie schwer jemand nach einer Infektion mit SARS-Cov-2 tatsächlich erkrankt, hänge grundsätzlich vom Immunsystem der betroffenen Person ab. Dabei seien Antikörper maßgeblich beteiligt, die das Eindringen der Viren in die Zelle verhindern. Darüber hinaus kenne das Immunsystem noch einen anderen Weg zur Virusbekämpfung: die zelluläre Immunantwort mit Hilfe von T-Lymphozyten, die zu den weißen Blutkörperchen gehören. Diese sogenannten „Memory-Zellen“ können sich beispielsweise bei durchlaufener Erkrankung merken, wie das Virus bekämpft wurde und bei erneuter Infektion gezielt dagegen vorgehen. Inwiefern diese Immunantwort ausreicht und ob dadurch bei überstandener Erkrankung eine Impfung hinfällig werden könnte, sei zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht gründlich genug untersucht.

Auch das Thema Kinder kam zur Sprache. Hier sprach sich die Gastgeberin, MdB Emmi Zeulner , klar gegen eine Corona-Impflicht für Kinder aus: „Ich habe großes Vertrauen in die EMA und das Paul-Ehrlich-Institut, aber im Grunde würden wir die Kinder nicht zu ihrem eigenen Schutz impfen, sondern um zu verhindern, dass sie das Virus nicht weitergeben. Das schätze ich moralisch schwierig ein.“ Dem pflichtete der Referent bei: „Zum einen haben wir keine Langzeitdaten. Zum anderen sind Kinder nicht nur weniger infektiös als Erwachsene, sondern sie erkranken auch nur zu einem sehr geringen Prozentsatz schwer“, führte Ludwig an. „Die einzige Gruppe, bei der ich ehrlich gesagt ins Grübeln komme, ist die der Zwölf- bis 16-Jährigen mit schweren Begleiterkrankungen. Gleichzeitig bin ich aber auch ein wenig erstaunt, wie schnell die Stiko eine Empfehlung für diese Altersgruppe ausgesprochen hat.“

Zum Abschluss der Videokonferenz ging der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft noch auf die Bedeutung einer globalen Herangehensweise ein: „Um irgendwann erfolgreich mit dieser Pandemie umgehen zu können, brauchen wir eine weltweite Impfkampagne , die allen Ländern Zugang zu Impfstoffen verschafft. Keinesfalls dürfen hier die Entwicklungs- und Schwellenländer aus dem Blickfeld geraten.“ Das heißt, man müsse nun daran arbeiten, die Impfstoffe relativ zügig weltweit verfügbar zu machen, denn derzeit käme nur ein kleiner Prozentsatz in den Nicht-Industrienationen an.