Stephan Herbert Fuchs Einen derart notorischen Schwarzfahrer hat das Kulmbacher Amtsgericht selten zu Gesicht bekommen: Ein 55-jähriger Mann aus Rüdesheim brachte es auf 14 Vorstrafen, die meisten wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis, manchmal auch in Verbindung mit Trunkenheit am Steuer. Vereinzelt war auch mal eine Unfallflucht oder ein anderer Tatbestand dabei. Mehrfach wurde der Mann zu Geld- und Bewährungsstrafen sowie zu kleineren Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt. Doch das alles hielt ihn nicht davon ab, sich erneut hinters Steuer zu setzen und zusammen mit seiner Frau von seinem Wohnsitz im Hessischen zu den Schwiegereltern ins Erzgebirge zu fahren.

Auf der A9 in Höhe von Marktschorgast war der Mann in eine Abstandskontrolle geraten. 25 Meter Abstand hielt er zum Vordermann - bei einer Geschwindigkeit von knapp 130 Stundenkilometern eindeutig zu wenig. Als ihm die Behörden den Bußgeldbescheid zustellen wollten, kam ans Licht, dass der Fahrer gar keinen Führerschein besitzt. "Ja, das stimmt", gab er vor Gericht zu. Leugnen wäre auch zwecklos gewesen, denn das Gericht hatte ein polizeiliches Beweisfoto vorliegen, auf dem der Angeklagte zweifelsfrei zu erkennen war. Außerdem handelte es sich um sein Auto.

Letzteres machte Richterin Sieglinde Tettmann stutzig. Warum er überhaupt ein Auto besitze, wollte sie wissen. Das gehöre mittlerweile der Tochter, beschwichtigte der Mann. Diese sei gerade dabei, den Führerschein zu machen.

Der Besuch bei den Schwiegereltern fand allerdings nicht aus Spaß statt. Vielmehr seien beide Elternteile schwer krank. Die Schwiegermutter habe gerade eine Kopfoperation hinter sich gehabt, ihr Mann leide an Alzheimer, so dass die Fahrt tatsächlich notwendig gewesen sei. Man hätte freilich auch die Bahn nehmen können. Diese Alternative nutzt der Angeklagte angeblich jetzt auch.

Sieben Monate - mit oder ohne?

Wäre es nach der Vertreterin der Staatsanwaltschaft gegangen, dann müsste der Angeklagte wohl bald eine Haftstrafe antreten. Sie hatte sieben Monate ohne Bewährung gefordert. Bei diesem Vorstrafenregister reiche eine Geldstrafe nicht mehr aus, sagte sie. Verteidiger Andreas Piel aus Kulmbach beantragte ebenfalls sieben Monate, allerdings mit Bewährung.

So lautete dann auch das Urteil, das Richterin Sieglinde Tettmann ausführlich begründete. Der Angeklagte habe alles zugegeben, auch dass er die extrem lange Fahrstrecke von 400 Kilometern zu den Schwiegereltern und zurück gefahren ist. Das hätte er so gar nicht zugeben müssen. Auch, dass es sich nicht um eine "Luxusfahrt" gehandelt habe, rechnete die Richterin dem Angeklagten mildernd an.

Sollte er allerdings noch einmal erwischt werden, müsse er gleich zwei offene Bewährungen absitzen, was eine längere Gefängnisstrafe bedeuten würde. "Dieses Risiko sollten Sie nicht eingehen", ermahnte sie den Angeklagten.

Damit der Mann den Ernst der Lage diesmal auch wirklich erkennt, setzte die Richterin noch eine ganze Reihe an Auflagen fest. So legte sie die Bewährungszeit auf ungewöhnlich lange fünf Jahre fest, drei Jahre davon stellte sie dem Angeklagten einen Bewährungshelfer zur Seite. Außerdem muss er 1000 Euro an den Bewährungshilfeverein "Fähre e.V." in Bayreuth überweisen. Bringt er, der von Sozialleistungen lebt, das Geld nicht auf, muss er 100 Stunden gemeinnützige Arbeit nach näherer Weisung der "Fähre" leisten. Wollte der Mann vielleicht doch noch den Führerschein machen, so darf ihm die Behörde nicht vor Ablauf von 18 Monaten eine neue Fahrerlaubnis erteilen.