Eckehard Kiesewetter "Tote Hose" statt Festgetöse. Gedämpfte Stimmung herrschte am Wochenende in Ermershausen. Wegen der Corona-Zahlen im Dorf hatte das geplante Jubiläums-Kirchweihfest abgeblasen werden müssen. So ging auch eine Nachricht weitgehend unter, die Bürgermeister Günter Pfeiffer (FW) am Freitag schriftlich erreicht hatte und unter normalen Umständen für sich schon Anlass für ein Dorffest gegeben hätte: Ermershausen, einst als "Rebellendorf" gebrandmarkt, wurde vom Landtag zu einem von 13 "Orten der Demokratie" im Freistaat Bayern erhoben.

Die Auswahl hatte ein wissenschaftlicher Beirat getroffen, der das Projekt begleitet und fachlich fundiert. Weitere Orte werden im Lauf der Zeit dazukommen. Dem überparteilich gedachten Projekt geht es um neue Wege der Erinnerungskultur und Demokratiebildung. Es würdigt den unbeirrten Widerstand gegen die Eingemeindung nach Maroldsweisach als Beispiel für die Wirksamkeit zivilgesellschaftlichen Engagements.

Immerhin findet sich das Rathaus im Haßbergdorf in einer Reihe mit Schloss Herrenchiemsee, dem Maximilianeum in München oder dem Spiegelsaal der Harmonie in Bamberg, wo 1919 die erste demokratische Verfassung des Freistaats Bayern verabschiedet wurde. In Unterfranken zählt noch Gaibach (Kreis Kitzingen) dazu, wo die sogenannte Konstitutionssäule steht und 1832 das Gaibacher Fest stattfand, ein Demokratiefest wie das bekannte Hambacher Fest in der Pfalz in der Zeit des Vormärz.

Im Falle Ermershausens geht es um den zivilgesellschaftlichen Protest, bei dem die Bürger langen Atem zeigten und sich in der Überzeugung des eigenen Rechts auch der Staatsgewalt nicht beugten. In der Begründung für die Auswahl heißt es, dass sich die Bürger schon im Vorfeld der Eingemeindung nach Maroldsweisach im Rahmen der kommunalen Gebietsreform 1978 vehement gegen den Verlust ihrer Eigenständigkeit eingesetzt hätten. Um die Übergabe der Gemeindeakten an den benachbarten Markt zu verhindern, wurden Barrikaden errichtet und das Rathaus besetzt. Ein großangelegter Polizeieinsatz setzte die Eingemeindung im Mai 1978 dann doch durch. Dem folgten 15 Jahre des Protestes, bis 1994 die Eingemeindung für "gescheitert" erklärt wurde und Ermershausen wieder selbstständig wurde.

"Ich freue mich sehr, dass Ermershausen mit seinen rund 560 Einwohnern Teil der Demokratiegeschichte Bayerns geworden ist", erklärt dazu der CSU-Landtagsabgeordnete Steffen Vogel. Er selbst stammt aus Wasmuthhausen, einem der Maroldsweisacher Gemeindeteile.

Der erfolgreiche Protest der Ermershäuser zeige, dass Demokratie in Bayern nicht nur in Parlamenten stattfindet, sondern überall dort, wo Menschen sich engagieren, so Vogel. Er hebt hervor, dass Ermershausen schon in der ersten Phase des Projekts gewürdigt wurde.

Auch der mainfränkische SPD-Landtagsabgeordnete Volkmar Halbleib äußert sich erfreut. Seine Landtagsfraktion habe ein solches Projekt zur Demokratieförderung schon früh in mehreren Anträgen gefordert. Beide Orte - Gaibach und Ermershausen - seien gute Beispiele für eine demokratischen Erinnerungskultur in der Region", so Halbleib.

Kritisch äußert sich seine Parteikollegin Susanne Kastner aus Maroldsweisach. Sie zieht die Überparteilichkeit des Projekts in Zweifel. Der Erfolg des "Rebellendorfs" dereinst sei gegen die Entscheidungen demokratisch gewählter politischer Gremien auf allen Ebenen zustande gekommen, weil er der "staatstragenden Partei" zupassekam. Dabei habe nicht mehr gezählt, was von gesetzlich legitimierten Stellen beschlossen war, obwohl dies - hier zitiert sie einen früheren Sprecher des Landratsamts - "ein tragender Grundsatz dafür ist, dass überhaupt Staat funktionieren kann". Die einstige Bundestagsvizepräsidentin erinnert an das "taktische Kalkül des Sebastian Freiherr von Ro-tenhan, der mit der Stärkung der ,staatstragenden Partei' um 278 Neumitglieder innerparteiliche Auseinandersetzungen provozierte, was letztlich zu einer Revision der Gemeindegebietsreform in Bayern geführt hat". Sie fürchtet, dass alte Wunden in Ermershausen und der Region wieder aufreißen werden.

Geehrt und hocherfreut äußert sich Günter Pfeiffer, bei der Zwangseingemeindung im Jahr 1978 gerade mal 14 Jahre alt. Der Bürgermeister begrüßt, dass das nachhaltige Engagement seines Vor-Vor-Gängers Adolf Höhn und all der anderen Bürger auf diese Weise Anerkennung findet: "Ich freue mich natürlich, dass ich diese Ehrung jetzt in Empfang nehmen kann, aber es war die Generation vorher, die das geleistet hat." Vor allem die Ausdauer, den Widerstand über 15 Jahre hinweg aufrecht zu erhalten, beeindruckt ihn. Er fragt sich, "ob so was heute noch möglich wäre".

Ob die Freiheitsglocke vor dem Rathaus jetzt aufpoliert wird? Pfeiffer lacht: "Welche Möglichkeiten sich aus der Würdigung ergeben, weiß ich noch nicht, aber man sollte auf jeden Fall was draus machen."

Wie geht's weiter? Voraussichtlich im Herbst 2021 soll das Projekt "Orte der Demokratie" im Maximilianeum offiziell eröffnet werden. Es wird eine multimediale Wanderausstellung, ein Internetprojekt für die Schulen und Veröffentlichungen auf den Social-Media-Kanälen des Landtags gegeben. Landtagspräsidentin Aigner und das Präsidium wollen den Angaben zufolge die "Orte der Demokratie" besuchen und diese Plätze mit festlichen Veranstaltungen vor Ort in Zusammenarbeit mit den Kommunen würdigen.