"So etwas ist in Stadtsteinach eher deplaziert; das gehört mehr in Städte wie Erlangen." Ob Wolfgang Hoderlein diese Bemerkung als Kritik an einem einseitigen Kulturleben in seiner Heimatstadt oder als Kompliment für Wolfgang Martin als Mentor des Frankenwaldtheaters meinte, das ließ er beim dritten Sofagespräch in der Alten Schule offen. Mit ihm sowie dem Songpoeten und Pfarrer Andy Lang aus Gefrees hatte Martin zwei vermeintlich gegensätzliche Personen aus der Region zum Gespräch über "Sackgassen? Passen Kultur und Politik überhaupt noch zusammen?" eingeladen.

Sozialdemokrat Wolfgang Hoderlein mit Hintergrund in der Bildungsforschung und Liedermacher Andy Lang mit christlichem Hintergrund: Beide scheinen zwar auf unterschiedlichen Wegen unterwegs zu sein - beide streben aber dem gleichen Ziel zu: menschliche Begegnungen zu schaffen. Dabei sehen beide ihre jeweiligen Institutionen auf dem Holzweg. Sowohl Schule als auch Kirche haben sich der Aufgabe Bildung und Erziehung verschrieben, schob Martin einen beabsichtigten Disput an.

Als Gymnasiast hatte Hoderlein nach vier Monaten ein Ende seiner Ausbildung an einem katholischen Klosterinternat zu Hause vehement durchgesetzt und wechselte an ein profanes Gymnasium, berichtete er von seiner Erfahrung mit der Kombination beider Institutionen. Dabei sah er die Bemühungen von Kirchen auf dem Bildungssektor eher als untergeordnet: Als "Berufszyniker im Vatikan" würde er sich auch nicht um die säkularisierten Schulen in Mitteleuropa sorgen, denn der Zuwachs an Kirchenmitgliedern finde in Afrika und Südamerika statt. Aus seiner späteren Erfahrung in der Bildungsforschung sei er des weiteren aber auch zur Erkenntnis gelangt, dass staatliche Schulen "an der pädagogischen Wissenschaft vorbei lehren".

An der Wirklichkeit vorbei

Alles sei verkopft, der Bildungsbegriff sei akademisiert. "Schule als Lebenslernort geht an der Wirklichkeit vorbei." Das machte er an einem Beispiel klar, nämlich wie Kinder ihre Muttersprache wie von selbst lernen: "Bestimmt nicht über das Pauken von Grammatik-Strukturen." Nicht zuletzt in der Pandemie habe sich gezeigt, dass es der Schulpolitik in erster Linie um die Vermittlung von Faktenwissen gehe.

Gemeinschaft braucht Struktur

In diesem Sinn pflichtete Lang klar Hoderlein bei: Seine Kinder gingen tatsächlich nicht in die Schule, um etwas zu lernen, sondern um dort Freunde zu treffen. Mit Blick auf zunehmend leere Kirchen und Kirchenaustritte macht sich Lang als ehemaliger Pfarrer dennoch keine Sorgen. Es gehe doch nicht darum, Gebäude zu füllen; vielleicht brauche man auch die Institution Kirche nicht mit aller Macht zu verteidigen. Vielmehr gehe es darum:"Wie können wir gemeinsam sein?"

Allerdings brauche laut Lang auch Gemeinschaft eine Struktur, die - durch wen auch immer - geschaffen werden muss. Ob hier nicht die Kultur ihren Ort in der Gesellschaft habe, stellte Martin dazu in den Raum. "Bildungsbürger und Kulturbeflissene" seien oft selbstgerecht, meinte Hoderlein dazu. An Kultur weniger Interessierte dürften, im Sinn von Gemeinschaft, nicht als unterbemittelt hingestellt werden. Kultur, so Hoderlein, könne ja auch nur als "Lack für Negatives" missbraucht werden. Kultur müsse zeigen, dass sie mehr als nur ein nettes Zubrot sei."

Lang versteht sich deshalb als Raumgestalter für Räume, in denen Gemeinschaft lebendig werden soll.