Nach längerer Corona-Pause fand am Sonntag die erste Vernissage des Kronacher Kunstvereins (KKV) in diesem Jahr statt. Vorsitzende Sabine Raithel sagte, dass man 2022 eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlagen wird. Grund hierfür ist das Cranach-Doppeljubiläum: Lucas Cranach der Ältere wurde vor 550 Jahren geboren und das sogenannte September-Testament Martin Luthers mit Illustrationen von Lucas Cranach entstand vor 500 Jahren. Das Motto des Ausstellungsjahres lautet „Hinter Cranachs Schleiern“. Ziel sei es wiederum, zeitgenössische künstlerische Arbeiten nach Kronach zu holen, man setze dabei auch auf digitale und virtuelle Kunst – unpainted Art.

Bei der Ausstellung der beiden kongenialen Künstler Alexander Johannes Kraut und Lothar Seruset mit dem Titel „Auf halber Strecke“ zeigt man Kippa, Kirchen und Koran, beschäftigt sich mit dem Konfliktherd Jerusalem, mit Natur und ihren formschaffenden Prozessen, mit Naturphänomenen wie Licht und Dunkelheit, Dunst und Nebel.

Zur Säule gestapelt

Zu sehen sind vom Bildhauer Lothar Seruset mehrere Skulpturen. Er arbeitet vorwiegend mit Holz, das er bemalt – manche Arbeit gießt er später in Bronze. Seine für ihn typischen Figuren zeigen Menschen, Landschaften, Tiere und Dinge wie Autos, Häuser oder Flugzeuge, Kirchen, Moscheen oder auch mal eine Arche Noah. Dabei wird alles zu einer vertikalen Säule gestapelt. Mal balanciert der Mensch auf einem Tier, mal auf einem Auto. Er balanciert sich gleichsam durchs Leben – auf dem Kopf einen Stapel mit Wünschen, Träumen, Hoffnungen, vielleicht aber auch Albträumen und schwerer Last. So entstehen Hierarchien, die von inneren und äußeren Einflussfaktoren auf Menschen zeigen. Oft gesellen sich mehrere Figuren zu einer Gruppe.

Hochaktuell ist seine Arbeit „Jerusalem“, die auch in Kronach gezeigt wird: In einer Kreisordnung sind sieben Skulpturen zu sehen. Sechs Männer und eine Frau mit Kind, die – jeweils auf Hunden stehend – zwei Kirchen, zwei Moscheen, zwei Synagogen und eine KZ-Baracke auf dem Kopf tragen. In vielen seiner Darstellung nimmt Seruset auch Bezug zur Natur, zu Tieren und Pflanzen.

Die Auseinandersetzung mit der Natur ist auch prägend für die Arbeiten des Künstlers Alexander Johannes Kraut. Er bedient sich in seiner Betrachtungsweise von Welt und Natur der Medien Bleistift, Papier, Druckfarbe und Linoleum. Er ist ein nachdenklicher, ein reflektierender Künstler, der sich in seinen Arbeiten den formschaffenden Prozessen in der Natur nähert. So entstehen unverwechselbare, hochpräzise und detailreiche Bildwelten zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, in der Kraut Landschafts- und Naturaufnahmen – mal panoramaartig, mal in Nahaufnahme – nachspürt.

Die Natur und ihr Wandel

In der Kreisstadt zeigt der international erfolgreiche Künstler großflächige Linoldrucke und Bleistiftzeichnungen: Wind, fließendes Wasser, Schnee, Licht und Dunkelheit – kurz, die sich stetig verwandelnde Natur wird in Szenarien übersetzt, die trotz ihrer abstrakten Gestaltung vom Betrachter gegenständlich gelesen werden können.

Für Alexander Johannes Kraut heißt zeichnen, im physischen Kontakt mit der Welt stehen; die Zeichnung ist für ihn ein Medium des Weltverstehens. So sagt er selbst: „Ich zeichne nicht, was ich sehe, ich sehe, was ich zeichne.“

Von wunderbaren Ausstellungsstücken sprach die weitere Stellvertreterin des Landrats Edith Memmel (Grüne) in ihrem kurzen Grußwort. Die Kunst sei eine gute Möglichkeit des persönlichen Austausches.

Kunst als stabilisierender Faktor

Bürgermeisterin Angela Hofmann ( CSU ) sagte, dass die Kunst ein stabilisierender Faktor von großer Bedeutung sei. Der KKV sei auch während der Pandemie tätig gewesen und bringe stets namhafte Künstler in die Kreisstadt. In den Reihen des KKV wurde erstmals die neue Kreiskulturreferentin Julia Völker mit Blumen willkommen geheißen.