V om Markt zum Schlossplatz: 800 Studierende demonstrieren mit Plakaten und Umhängeschildern, vor den Arkaden treffen sie sich zur Kundgebung. Es ist 1968. Das Coburger Tageblatt berichtet am 14. Juni auf einer ganzen Seite von den Reden, von Beifall, Gelächter, Buh-Rufen. Die Demonstranten fordern, dass der Ingenieur-Abschluss endlich als akademischer Titel anerkannt wird. Das führt letztlich dazu, dass zum 1. August 1971 aus dem Coburger Polytechnikum die Fachhochschule gegründet wird. Die Studierenden damals haben ihr Ziel erreicht. Und heute? Welche Themen bringen sie nach Coburg, was ist im Studentenleben wichtig?

Rose Göppner und Lena Weise schauen die beiden erwartungsvoll in die Laptop-Kamera in Lenas Zimmer. Rose im grauen Sweater, Lena in einem gestreiften Shirt, unter dem bunte Tattoos an den Armen hervorblitzen. Es ist 2021. Die beiden wohnen in der Nähe des Campus Friedrich Streib. Im gleichen Haus, aber eine Etage weiter oben sitzen Felix Diederich und Laura Kiermasch in ihrem Wohnzimmer vor der Laptopkamera. Laura fasst zusammen, wie sie und Felix 2019 von Göttingen nach Coburg gezogen sind, um Soziale Arbeit zu studieren. Sie bekamen an der Hochschule die "Erstsemestertasche" mit Gutscheinen und Informationsmaterial. Ein Jahr vorher hatte Laura Stammzellen gespendet und ihr fiel sofort der Flyer von AIAS Coburg auf. Der Ableger des bundesweiten Netzwerks von Studierenden im Kampf gegen Blutkrebs ist eine der 17 studentischen Initiativen, die durch die Studierendenvertretung an der Hochschule Coburg anerkannt sind und finanziell unterstützt werden. "Das passte! Dort haben wir uns gemeldet." Rose hat ehrenamtlich in der Offenen Behindertenarbeit geholfen, ist seit der Schulzeit im Tierschutz aktiv und brachte drei Nacktratten mit in die WG: "Albus, Litschi und Pudding: Alle lieben sie!" Die Studierenden engagieren sich für soziale Belange, für Gerechtigkeit und gegen Rechts. Lena sagt: "Politik, Musik, Sport: Wir als Jugend beschäftigen uns einfach viel mit aktuellen Themen." Das war vor einem halben Jahrhundert genauso.

1968: Wertewandel und Reformen

1968 steht für Jugendprotest, für Rebellion gegen verkrustete Strukturen in Politik, Gesellschaft, Familie. In Deutschland ist Antifaschismus angesagt. Und Hochschulreformen. Es geht um einen grundlegenden Wertewandel, aber auch um die eigenen Karrierechancen. In ganz Bayern demonstrieren Studierende der Polytechnika monatelang dafür, dass ihr Abschluss aufgewertet wird. "Der deutsche Ingenieur wird innerhalb der EWG weiterhin nicht anerkannt", zitiert das Coburger Tageblatt den damaligen Vorsitzenden des Allgemeinen Studierendenausschuss AStA. (EWG stand damals für Europäische Wirtschaftsgemeinschaft - der Vorläufer der Europäischen Union, kurz EU.)

Auf den Zeitungsfotos sind auch Frauen zu sehen - vor allem Schülerinnen der Textilfachschule Münchberg, die sich der Kundgebung angeschlossen haben. Die Demonstranten werden insgesamt als "ruhig und diszipliniert" beschrieben; Demonstrantinnen werden nicht erwähnt.

2021: Wo protestieren?

2021 steht für das Jahr, in dem die Corona-Pandemie Alltag wurde. Lena und Rose, Laura und Felix sprechen online darüber, was ihnen wichtig ist. Sie studieren online. Und protestieren online. "So was wie Instagram ist immer möglich", sagt Lena, die mit Vorliebe feministische Inhalte teilt. "Auch so Sachen, die manchmal ein bisschen - ", lachend malt sie mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft: "- anstößig sind!" Provokation im Sozialen Netzwerk als Methode, um zum Nachdenken anzuregen? Felix schüttelt den Kopf. "Für mich kann richtiger Aktivismus nicht im Internet stattfinden. Nur auf der Straße." Als die AfD zu Beginn der Pandemie in Coburg gegen Corona-Maßnahmen demonstrierte, gingen Felix und Laura zur Gegendemo. Für die Studierenden stand außer Frage, dass die Älteren, Verletzlicheren geschützt werden müssen. Rose erklärt: "Wir haben unsere Kontakte fast komplett eingeschränkt."

Sie sind Anfang 20. Sie studieren in Coronazeiten. "Man macht so vieles zum ersten Mal", sagt Rose. "Man zieht in eine WG und hat zu tun, sich zurechtzufinden." Eine "ganz kleine Feiermeile" haben sie in Coburg noch entdeckt, und davon gehört, dass es im Sommer Open-Air-Konzerte und Festivals gibt. "Das haben wir aber gar nicht kennen lernen dürfen", sagt Laura. Felix nickt: "Es ist schon ein wenig bedrückend, wenn man in eine neue Stadt zieht, Kontakte aufbaut und die meisten gleich wieder verliert, weil man komplett zu Hause vorm Laptop hockt." Die vier haben einander. Sie verstehen sich als "Zwei-Etagen-WG". Rose erzählt, wie sie mit Laura und Felix im Lockdown neue Rituale suchte. "Es war vieles nicht mehr machbar, was mir vorher wichtig war." Stattdessen Spagat-Challenge mit Laura und Laufen um den Goldbergsee. Tatort am Sonntag. "Wir unterstützen uns gegenseitig." Sie kommen klar. "Aber es wäre schon schön, wenn die Studierenden in der politischen Debatte wenigstens vorkämen."

1971: Coburg erhält die FH

Ende der 1960er werden die Forderungen der Studierenden der Polytechnika erfüllt. 1970 verabschiedet der Freistaat sein Fachhochschulgesetz. Ein Jahr später startet in Coburg der Hochschulbetrieb mit sechs Fachbereichen: Allgemeinwissenschaften, Architektur, Bauingenieurwesen, Elektrotechnik, Maschinenbau, Betriebswirtschaft und Sozialwesen. Münchberg - heute Teil der Hochschule Hof - wurde Außenstandort der Hochschule Coburg.

Am Anfang hatte Fachhochschule Coburg um die 1 000 Studierende. 49 000 Menschen lebten damals in der Stadt. 50 Jahre später hat sich vieles geändert: Coburg hat noch 41 000 Einwohner, aber über 5 000 Studierende. Die Fachhochschule ist seit 2008 offiziell eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Der Abschluss an einer HAW ist dem an einer Universität gleichgestellt.

2021: Die Welt verändern

Rose und Lena, Felix und Laura sind die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter von morgen. Im Praxissemester arbeiten sie jetzt in den Jugendämtern von Stadt und Landkreis Coburg und in einer heilpädagogischen Wohngruppe. Was sie später beruflich machen wollen, weiß bisher keiner von ihnen genau. "Dass wir als Sozpäds so viele Themen haben, ist ja gerade das Schöne", sagt Lena. Nur eines steht für sie auf jeden Fall fest: "Ich will etwas machen, wo ich etwas verändern kann." nat