Man konnte direkt ins Grübeln kommen. Aber man grübelte gerne. War es der corona-bedingte monatelange Livemusikentzug oder war es vielleicht doch ein gewachsenes Interesse, die Erkenntnis, dass man bei der Kissinger Lieder-Werkstatt wirklich am Puls der Zeit ist, das Allerneueste vor allen anderen hören kann? Denn gefühlt - auch wenn das Publikum vorschriftsmäßig auf Lücke saß - waren mehr Menschen in den Rossini-Saal gekommen als in den vergangenen Jahren, um das Konzert zu hören. Wenn das Gefühl stimmen würde, wäre das ein erfreuliches Zeichen, dass die Lieder-Werkstatt, das einzige echte internationale Alleinstellungsmerkmal des Kissinger Sommers, auch in ihrer Heimat angekommen ist.

Es war natürlich eine gute Sache, dass die Lieder-Werkstatt den Lockdown des letzten Jahres sozusagen in der Nische des Kissinger Spätsommers überleben konnte. Alles andere wäre ein fatales Signal gewesen. Aber auch in diesem Jahr konnte noch nicht der von früher gewohnte Aufwand betrieben werden. So gab es statt der gewohnten zwei Konzerte nur ein Konzert, das aber trotzdem den Rahmen für fünf (!) Uraufführungen lieferte.

Allerdings konnten nur zwei der fünf Komponisten kommen: Manfred Trojahn und Steffen Schleiermacher waren verhindert, Ann Cleave saß in Großbritannien fest. Und Alexandra Filonenko aus der Ukraine und José María Sánchez-Verdú hätten auch nicht auftauchen können, wenn sie nicht beide seit einiger Zeit in Berlin leben würden.

Auf der Seite der Aufführenden hat Werkstattleiter Axel Bauni eine Art Personalpool gebildet, aus dem er nach Bedarf schöpfen kann. Er selbst und sein Kollege am Klavier Jan Philip Schulze müssten eigentlich schon längst reif sein für die Betriebstreue-Anstecknadel der Handwerkskammer (oder IHK).

In der Abteilung Gesang gab's zweimal ein Wiedersehen: Die Pariserin Sarah Aristidou, die Luitpoldpreisträgerin dieses Jahres, war schon zweimal bei der Lieder-Werkstatt. Von ihr wusste man, was man erwarten durfte - und auch bekam. Und auch von dem Eberner Tenor Julian Freibott, der hier schon mit Eric Schneider konzertiert hat. Neu im Team war die aus Kiew stammende Mezzosopranistin Ekaterina Chayka-Rubinstein, die zurzeit in Hannover bei Maria Sandel Gesang und Jan Philip Schulze Liedgestaltung studiert. Sie überraschte nicht nur mit ihrer dramatischen Gestaltungsfähigkeit und mit ihrer enormen flexiblen Tiefe. Und was bei dem Trio besonders angenehm auffiel, weil es nicht selbstverständlich ist: Die gute Artikulation und Textverständlichkeit auch in den fremdsprachlichen Texten.

Bei der Zusammenstellung des Programms hatte Axel Bauni die Gunst der Stunde und der Situation genutzt: Da im vergangenen Jahr die Feiern zu Beethovens 250. Geburtstag ausfallen mussten, dürfen sie in diesem Jahre nachgeholt werden. Und deshalb hatte er sich bei der Auswahl der die Gegenwart kontrastierenden Lieder ausschließlich bei Beethoven bedient. Das gab dem Programm eine gewissen Rotfaden-Kontinuität. Und vor allem: Man hörte endlich mal wieder ein paar Lieder von ihm. Denn der Liedkomponist Beethoven ist in singenden Kreisen nicht sonderlich beliebt, weil er nicht immer in die Stimme hineinkomponiert hat.

Für den Begriff Höhepunkt dürfte es eigentlich keinen Plural geben. Aber das Konzert hatte bei den Uraufführungen zwei. Da waren zum einen zwei Teile aus dem fünfteiligen Zyklus "Zu ferne Hermine/Zeit der Gezeiten" von Alexandra Filonenko. Die Uraufführung des Werkes war eigentlich für letztes Jahr vorgesehen, musste aber verschoben werden. Um der Lieder-Werkstatt 2020 wenigstens eine Uraufführung zu retten, spendierte Filonenko den fünften Satz nach einem Text des Berliners Hendrik Jackson, "Liebe deine Wunde" - jetzt hieß er: "Ich tauchte unter".

Die Uraufführung des gesamten Zyklus heuer wäre nur bei zwei Konzerten machbar gewesen. So kam neben dem fünften der dritte Satz zum Zuge (und zur Uraufführung): "Hold Your Breath" nach einem Text von Rust Postjumski. Das sind zum Panischen neigende Innensichten, von Todesvisionen, von hysterischen Attacken, das sind starke Rezitative mit einer bedrohlichen Musik, die noch stärker, weil unmittelbarer wirken als die gesungenen Passagen, grundiert unter anderem von dem bedrohlichen, donnernden Staccato-Thema aus dem zweiten Satz von Beethovens Klaviersonate op. 2/2. Das ist ein Rezitieren, das seinen inneren Druck nur noch im Gesang auffangen kann.

Sarah Aristidou und Axel Bauni machten daraus eine höchstdramatische Angelegenheit. Die auch dadurch etwas erschreckend wirkte, weil Beethovens "Romance" als Bindeglied zwischen die beiden Teile eingefügt war und derart gespenstisch musiziert wurde, dass man sie zunächst gar nicht als "Fremdkörper bemerkte. Nichts für schwache Nerven.

Der andere Höhepunkt: Steffen Schleiermacher hatte mal wieder den Schalk in sich geweckt: "Besichtigung nur von außen möglich - unter Verwendung des Liedes ,Merkenstein' op. 100 von Ludwig van Beethoven" verriet ja schon einiges. Dieses Lied auf den Text von Johann Batist Ruprecht ist eine derartig verkitschte Schmonzette, eine unsägliche Liebeserklärung an die Ruine der Burg Merkenstein, dass sogar schon einmal die Aufführenden - nicht in Bad Kissingen - unterbrechen mussten, weil sie ihr Lachen nicht in den Griff bekamen.

Schleiermachers Arrangement war ein gefundenes Fressen für das Ensemble. Sie sangen und spielten die fünf Strophen des Liedes - manchmal nur geflüstert im Hintergrund, und mischten sie mit einem köstlichen befleißigendem Brief Beethovens an den Dichter und mit alten Zeitungstexten und Reiseführerauszügen zu einem explosiven Gemisch. Und das Ganze mit einer Musik, die keine Gelegenheit ausließ, sich über diese Texte und diesen Geist lustig zu machen. Man kann Karikaturen auch komponieren.

Und sonst? Manfred Trojahn hatte sich bei dem Lyriker Christoph Meckel bedient. Julian Freibott und Jan Philip Schulze brachten dessen Vertonungen von "Augen" und "Vorabend" erstmals zu Gehör, gespenstisch, überraschend aggressiv das eine, trüb, resigniert das andere. Ekaterina Chayka-Rubinstein und Jan Philip Schulze präsentierten drei Texte der irischen Dichterin Annemarie Ní Churreáin, die in "The Boora Boy" "Bog Medicine" und "Doira Chonaire" tief in die irische Mystik und ins irische Moor eintaucht und die dabei von Ann Cleare und ihrer stark kommentierenden, stimmungsunterstützenden und erzählenden Musik begleitet wird.

Und schließlich fünf kurze Lieder der Katalanen José María Sánchez-Verdú, aphoristisch kurze Texte, Betrachtungen über die Natur und den Menschen in ihr, seine Grenzen in ihren Grenzen. In dem kleinen Zyklus "Y siempre después el vento" ("Und immer nach dem Wind") konnten Julian Freibott und Axel Bauni wunderbare Klang- und Stimmungsbilder zeichnen.

Und ansonsten Beethoven, sozusagen querbeet: von "Adelaide" bis zum "Walisischen Volkslied", von den italienischen Metastasio-Vertonungen bis zu dem heftig schwankenden, aber pfiffig aufgelösten "Freudvoll und leidvoll", vom Lied über den König und seinen Floh, das Ekaterina Chayka-Rubinstein zur Sozialsatirikerin machte, bis zu "Der Kuss", bei dem Julian Freibott seine Absicht bestens umsetzte: Das Publikum zum lauten Lachen zu bringen. Das nächste Mal gibt es hoffentlich wieder zwei Konzerte der Lieder-Werkstatt.

Durch einen technischen Fehler wurde hier zunächst die Besprechung der Lieder-Werkstatt im vergangenen Jahr veröffentlicht. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.Dies ist nun die aktuelle Fassung.