Christoph Böger "Ich bin knapp am Tod vorbeigeschlittert." Mit leisem Ton murmelt das Opfer diese sieben Wörter. Totenstille im Sitzungssaal H vor der Großen Jugendstrafkammer des Landgerichts Coburg. Es herrscht eine beklemmende Stimmung - nicht das einzige Mal am zweiten Verhandlungstag des "Goldbergsee-Prozesses".

Nachdem zum Auftakt die sechs Angeklagten zu Wort gekommen waren (Tageblatt vom 15. September), wurden gestern der Geschädigte und seine vier Gruppenmitglieder ausführlich zum Tatvorgang befragt. Drei Polizeibeamte schilderten anschließend detailliert die Verfolgungsjagden und wo und wie sie schließlich bis auf einen Flüchtigen, der inzwischen gestorben ist, alle Ausreißer noch am Tatabend dingfest machten.

Während nach der gut sechsstündigen Beweisaufnahme trotz Fotoaufnahmen, Mitschnitten des Notrufes und von deutlichen Sprachnachrichten sowie zahlreichen SMS-Verläufen immer noch viele Fragen offen blieben, steht eines fest: Gut, dass die Polizeibeamten am 1. Mai 2019 rechtzeitig am Goldbergsee eintrafen!

Schneller Notruf - schnelle Polizei

Denn alle Gruppenmitglieder, die ebenso wie die Angeklagten mehr stark als wenig betrunken waren, sind sich einig, dass die Täter mit dem bereits am Boden liegenden Opfer noch nicht fertig waren. "Es hätte viel schlimmer ausgehen können", mutmaßte nicht nur ein Zeuge. Und ein anderer gab unumwunden zu: "Es wäre sicher noch mehr passiert, denn ich wäre dann auch ausgerastet."

Und das, obwohl der damals 30-jährige Produktionshelfer nach mehreren Tritten gegen seinen Kopf und Körper zu diesem Zeitpunkt schon bewusstlos am Boden lag. Wie man sich denn die Tritte gegen den Kopf vorstellen müsse, wollte der Vorsitzende Richter von einem Zeugen wissen. "Heftig, wie wenn man gegen einen Fußball tritt. Sein Kopf nickte daraufhin deutlich nach vorne", sagte der.

Folgen der Tritte und Schläge

Der Niedergeschlagene selbst erinnerte sich gestern nur noch lückenhaft: "Ich habe schnell die Fresse vollbekommen." Die Folgen der Schläge ins Gesicht, in den Nacken, Rücken, Bauch und gegen die Beine spüre er auch heute noch. Er habe Schwierigkeiten beim Laufen und manchmal das Gefühl, dass sein Auge hängt: "Ich habe psychische Probleme, humpele immer noch. Ich fühle mich oft unkonzentriert und bin überfordert", erklärte er.

Die einzige am Fall beteiligte Frau, die nach Aussagen des späteren Opfers rechtzeitig ahnte, dass "etwas Böses passieren wird", rief mit ihrem Handy bei der Polizei an. Kurz darauf hatte sie selbst Glück, dass sie von einer Bierflasche nur am Kopf gestreift wurde. Die 24-jährige Physiotherapeutin war auch die Nüchternste von allen, denn, egal ob Opfer oder Täter - an diesem Tag hatten alle reichlich Bier und Schnaps getrunken.

Das ist auch der Hauptgrund für die vielen Erinnerungslücken bei den Zeugen. Kaum einer konnte sich gestern an bestimmte Inhalte seiner ersten Aussagen erinnern, die entweder unmittelbar oder in den Tagen nach der Tat bei der Polizei gemacht wurden. Wie bei den Anhörungen der Angeklagten am ersten Verhandlungstag kam es auch bei den Zeugen immer wieder zu Widersprüchen, was den Richtern unter Vorsitz von Christoph Gillot die Wahrheitsfindung nicht erleichtern wird.

"Jetzt gibt's Tote, Digga"

Mehr Licht ins Dunkel brachten dagegen umfangreiche Chatverläufe und Sprachnachrichten, die auf den Handys der Angeklagten sichergestellt und ausgewertet wurden. Nachdem der Richter die interne Kommunikation der Bande vor und nach der Schlägerei vorgelesen hatte, konnte besser zugeordnet werden, welcher Täter wann wo war. Und vor allem, was sie alles geplant hatten - nur ein Beispiel: "Jetzt gibt's Tote, Digga."

Es gab aber nicht nur belastende, sondern zumindest für einen Teil des angeklagten Sextetts auch entlastende Aussagen. Ein Zeuge war sich sicher, dass drei junge Männer seinen bereits am Boden liegenden Freund am Kopf und Rücken getreten haben, einen anderen Angeklagten schloss er aber sicher aus: "Der hat nichts gemacht."

Für das Gericht geht es nun darum, herauszufinden, wer von den sechs Tätern was genau am späten Nachmittag des 1. Mai 2019 getan hat. Einem wird "Anstiftung zum Totschlag" vorgeworfen, weil er seine Kumpels anrief und diese aufforderte ihn zu rächen. Bei den anderen fünf Beschuldigten muss geklärt werden, ob und wie oft sie geschlagen und zugetreten oder auch "nur" mit einer oder mehreren Flaschen geworfen haben. Deshalb kam es auch immer wieder zu bohrenden Nachfragen der sechs (Pflicht-)Verteidiger, die teils emsig bemüht waren, Pluspunkte für ihren jeweiligen Mandaten zu sammeln.

Ob ihnen das gelang, werden die nächsten Verhandlungstage zeigen. Zu erwarten sind unterschiedlich hohe Strafmaße. Nach Einschätzung von Juristen wandern mehrere der sechs Täter für einige Jahre ins Gefängnis. Nicht zuletzt auch deshalb, weil bei manchem Angeklagten bereits ein Bewährungsverfahren anhängig ist.

Heute geht es bereits weiter

Der "Goldbergsee-Prozess" wird heute ab 9 Uhr mit weiteren Zeugen und Sachverständigen fortgesetzt. Mit den Urteilen ist eventuell bereits am nächsten Montag zu rechnen, wie Richter Gillot gestern abschließend in Aussicht stellte.