Wer denkt, dass man mit einem Einspruch gegen einen Bußgeldbescheid nichts zu verlieren habe, ist auf dem falschen Dampfer: Ein Rentner aus den Haßbergen sollte wegen eines riskanten Überholmanövers, das zu einem Unfall mit hohem Sachschaden führte, laut Bußgeldbescheid 145 Euro zahlen.
Weil er dagegen Einspruch erhoben hatte, kam es im Haßfurter Amtsgericht zu einer öffentlichen Verhandlung. Das Ergebnis dürfte den Senior alles andere als zufrieden stellen, denn sein Protest erwies sich als Schuss in den Ofen: Amtsrichter Sebastian Jäpel erhöhte das Bußgeld auf 200 Euro.
Bei dem Prozess ging es darum, was sich am 3. Mai letzten Jahres auf der Kreisstraße zwischen Hofheim und Reckertshausen abgespielt hatte. Der Rentner brauste mit seinem schnellen BMW in Richtung Reckertshausen. Vor ihm zuckelte mit etwa 60 bis 70 Stundenkilometern ein kleiner Hyundai, an dessen Steuer eine 47-jährige Mitarbeiterin aus einer Tagespflegeeinrichtung saß, die eine Seniorin nach Hause fahren wollte. "Ich habe im Rückspiegel gesehen, wie sich der BMW schnell näherte", erinnerte sich die Pflegerin im Zeugenstand.


Abrupt rechts eingeschert

Fast gleichzeitig wurde sie kurz vor einer langgezogenen Linkskurve gewahr, dass ihr ein Skoda entgegenkam. "Der wird doch jetzt nicht überholen", ging es ihr siedend heiß durch den Kopf. Weiter kam sie nicht zum Nachdenken, denn mit aufheulendem Motor hatte der BMW-Fahrer schon zum Überholen angesetzt. Kaum sah sie den schnellen Wagen neben sich, knallte es auch schon, weil der BMW zu abrupt wieder nach rechts einscherte und ihren Hyundai dabei am linken vorderen Kotflügel streifte.
Den damals entgegenkommenden Skoda steuerte eine 40-jährige Angestellte. Sie wurde ebenfalls als Zeugin aufgerufen und schilderte, dass sie bremsen musste, um einen Frontalzusammenstoß zu verhindern und dass der BMW nach dem verunglückten Überholmanöver ins Schlittern gekommen sei. Wie die beiden anderen Fahrzeuge hielt auch sie dann an, erkundigte sich, ob Personen verletzt worden waren und stellte zwei Warndreiecke auf.
Gottlob gab es keine Personenschäden, aber der Sachschaden war enorm. Während die Reparaturkosten an dem überholten Hyundai bei rund 6100 Euro lagen, schlug die Instandsetzung des BMW mit mehr als 11000 Euro zu Buche. Die Haftpflichtversicherung des BMW-Fahrers übernahm zwar die Hyundai-Kosten, aber seinen eigenen Schaden musste der Freund des Gaspedals selber tragen und zusätzlich wurde er von der Versicherung hochgestuft.


Die Linkskurve geschnitten?

Der flotte Rentner begründete seinen Einspruch gegen das ursprüngliche Bußgeld von 145 Euro mit der Behauptung, dass der Hyundai in dem Moment, als er ihn überholte, die Linkskurve geschnitten und über die Mitte der Fahrbahn auf die Überholspur geraten sei. Diese Version hielten weder der Vorsitzende noch Staatsanwältin Susanne Hansen für plausibel, zumal die neutrale Zeugin, die den entgegenkommenden Skoda steuerte, nichts davon beobachtet haben will.
In ihrem Plädoyer sprach die Vertreterin der Anklage von einer "falschen Einschätzung und einem Augenblicksversagen." Sie beantragte, die ursprüngliche Bußgeldhöhe von 145 Euro zu bestätigen. Dem Richter war das nicht genug. Er war überzeugt, dass der BMW-Fahrer nicht nur fahrlässig, sondern vorsätzlich handelte, indem er sich zum Überholen entschloss, obwohl er die Situation nicht genau überblickte. Deshalb erhöhte er das Bußgeld auf die schon genannten zwei Hunderter. Eine Berufung gegen den Richterspruch wird vom Landgericht nur zugelassen, wenn eine stichhaltige Begründung vorliegt. "Recht haben und Recht bekommen sind halt zweierlei", kommentierte der sichtlich frustrierte Rentner das Urteil.