Das Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre sorgte dafür, dass sich immer mehr Menschen ein Auto leisten konnten. Ein Fortschritt mit Kehrseite, denn gleichzeitig stieg die Zahl der Todesopfer auf den Straßen rasant an. 1969 starben 30 Menschen im Landkreis bei Verkehrsunfällen. Ein Jahr später waren es 38. Vor 50 Jahren, am 4. März 1971, beschloss der Kreistag daher, einen Unfall-Rettungsdienst aufzubauen. Initiator war der CSU-Landtagsabgeordnete und spätere Landtagsvizepräsident Siegfried Möslein.

Oberarzt Dr. Rolf Claaßen kam gut vorbereitet zur Sitzung des Kreistags, zu der ihn Landrat Dr. Klaus Groebe eingeladen hatte. Er hatte die fertige Konzeption für einen Rettungsdienst in der Tasche. Noch eindrucksvoller als die Zahlen für das Coburger Land waren die Angaben zu Landes- und Bundesebene, die Rolf Claaßen den Mitgliedern des Kreistages vor Augen führte. Im Bundesgebiet starben 1969 demnach 16 584 Menschen bei Verkehrsunfällen. Ein Jahr später waren es noch einmal 2200 mehr. Allein in Bayern gab es 1969 noch 3075 Verkehrstote. Zum Vergleich: 2019 starben im gesamten Bundesgebiet 3046 Menschen auf den Straßen. Im Freistaat waren es 541.

Dr. Rolf Claaßen erklärte den Kreistagsmitgliedern, dass mit der zu erwartenden Zunahme des Verkehrs in den kommenden Jahren eher mehr als weniger schwere Unfälle zu erwarten seien. Nach Einschätzung des Oberarztes könnte bei schneller medizinischer Hilfe am Unfallort jeder fünfte bis sechste Mensch gerettet werden, der ohne diese Hilfe starb. Seine Argumente waren überzeugend. Doch auch damals mussten Kommunalpolitiker sich nach den finanziellen Möglichkeiten richten. Im Bericht zur Kreistagssitzung wird Dr. Claaßen zitiert: "Das zu ermöglichen, sollte uns kein Einsatz zu hoch sein."

Weitergehende Gedanken

Doch die Ärzte hatten sich bei der Erarbeitung ihres Konzeptes für einen Rettungsdienst noch mehr Gedanken gemacht, wie die Zahl der Toten auf den Straßen verringert werden könnte. Nicht nur Führerscheinanwärter, die gesamte Bevölkerung sollte zu einer Ausbildung in Erster Hilfe verpflichtet werden, meinten sie. Eine einheitliche Rufnummer für das Rettungswesen in ganz Bayern gehörte ebenso zu ihren Forderungen wie eine gezielte Ausbildung von Rettungssanitätern und deren Weiterbildung zu Rettungsmeistern. Und sie wünschten sich die Anschaffung eines Unfallrettungswagens, der beim Roten Kreuz stationiert werden sollte. Damals wohl noch ungewöhnlich war die Anregung, Hubschrauber bereitzustellen, die schwer Verletzte schnell in Spezialkliniken bringen könnten.

Während angesichts solcher Forderungen wohl der eine oder andere im Kreistag schon zu rechnen begann, legte Dr. Claaßen Zahlen vor. Die Bevölkerung müsste mit etwa 1,50 DM pro Kopf belastet werden, um die Erstausstattung des Rettungsdienstes zu ermöglichen. Danach müssten wohl zwei Mark pro Kopf und Jahr für den Betrieb angesetzt werden. Voraussetzung sei aber, dass die vorhandenen Einrichtungen und das Personal des Roten Kreuzes eingesetzt werden könnten. Würde man davon absehen, sei mit um ein Vielfaches höheren Kosten zu rechnen.

Mehr Geld für die Trachtenvereine

Und noch einen Denkanstoß hatte der Arzt mitgebracht. Er hatte sich den Haushalt des Freistaates Bayern von 1970 angesehen. Dem entnahm er, was die Politik in München für die Arbeit des roten Kreuzes übrig hatte. Es war eine Million Mark. Um den Kreistagsmitgliedern bei der Einordnung dieser Summe ein wenig zu helfen, nannte Dr. Rolf Claaßen auch die Beträge, die der Haushalt für die Wildfütterung (1,2 Millionen Mark) und für den Erhalt der Trachtenvereine (1,4 Millionen Mark) im Haushalt vorgesehen hatte. Schließlich rechnete er vor, was an Kosten für den Aufbau des Rettungsdienstes für die Region Coburg zu erwarten sei. Der unbedingt benötigte Unfallrettungswagen mit Grundausstattung werde etwa 50 000 Euro kosten. Das BRK sei bereit, ein Drittel der Anschaffungskosten zu tragen. Zudem würden zwei Sanitäter zusätzlich vorgehalten, die im Bedarfsfall mit dem Rettungswagen zum Unfallort ausrücken würden. Gleichzeitig werde vom Krankenhaus aus ein Arzt mit einem dafür bereitgestellten Pkw und einem Helfer los geschickt. Weil sich die Einsatzkräfte dann am Unfallort erst treffen, wurde dieses Konzept als Rendezvous-System bezeichnet. Es wurde aus Kostengründen einem Modell vorgezogen, bei dem alle Kräfte vom Krankenhaus aus zum Einsatzort fahren. Es sah einen höheren Personalbedarf vor. Dennoch sollte es als spätere Lösung ins Auge gefasst werden, die Schritt für Schritt erreicht werden sollte.

Aus heutiger Sicht befremdlich war ein Diskussionsteil, den die Zeitung damals den Lesern nicht vorenthielt. So war aus dem Gremium eingewandt worden, dass der Bedarf an Ärzten für den Rettungseinsatz nur gedeckt werden könne, wenn auch ausländische Ärzte eingesetzt würden. Siegfried Möslein habe darauf erwidert: "Es ist nicht entscheidend, wer das Leben rettet, sondern einzig und allein die Tatsache, dass es gerettet wird."