Muckenreuth — Der Mann hat Format, Esprit, Ausstrahlung und ein fabelhaftes Gedächtnis. Wie sonst hätte Jan Burdinski in knapp zwei Stunden aus dem Stegreif einen Otto Reutter-Abend gestalten können, der fast überquoll vor Wortreichtum und mimischer Raffinesse. Das Publikum im Saal des Gasthofes Werner fühlte sich bei ihm bestens aufgehoben, genoss die Vita des Stars der Varieté-Bühne der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, und seine unsterblichen Couplets.

Der Protagonist vom Fränkischen Theatersommer vermochte die schlagfertige Kabarettzunge in allen Facetten so treffend wiederzugeben, dass es absolut authentisch wirkte. Die Zuhörer tauchten ein in eine Zeit, die zwar 100 Jahre zurückliegt. Und doch sind die Themen noch aktuell. Lebensweisheiten überdauern die Epochen, behalten ihre Gültigkeit. Die Ironie als scharfe Waffe in der Beurteilung der menschlichen und vor allem der eigenen Schwächen wird nie stumpf. Gedichte en bloc in fließender Schnelle, scheinbar ohne Atemholen, köstliche Szenen aus dem Irrenhaus von der "hohen, weichen Birne", stakkatoartiger Überfall mit so was Nichtssagendem wie Apfelscheiben.

Reutter lässt in seinen Texten tief in die Seele blicken. Sächsische, schwäbische, Kölner Mundart oder Mecklenburger Platt, für den oberfränkischen Solokünstler Burdinski kein Problem. Die Parodie auf "das Lied der Loreley" zum Ergötzen.Dann das Akkordeon und die Gitarre in die Hände genommen und Songs, "die den Tod im Röcheln und das Singen der Englein vereinen". Später die Erinnerung an die Brüderlichkeit und das Teilen, "aber keiner fängt an", skandierten die Zuhörer. Genauso wie der Refrain "Selber schuld", wenn die Linie im Leben verloren geht.

Jan Burdinski animierte, führte augenzwinkernd hin zu verborgenen Erkenntnissen: "in der Liebe braucht es... viel Geduld." Wunderschön auch die Hommage an das Älterwerden mit dem Rat an junge Frauen "Nehmen's nen Alten".

Die deutsche Gründlichkeit wurde ebenso intensiv beleuchtet, vorzüglich interpretiert das Rollenspiel zwischen den Geschlechtern, das im Lied "Ich hab zu viel Angst vor meiner Frau" gipfelte. Und das Spiel mit der Uhr, der Chronometer an der Hand Burdinskis pendelnd, ließ die Geschwindigkeit des Lebens ticken. "Bleibt sie stehen, hast du ewig Zeit."

Im Gedächtnis bleibt auch die kurze Abhandlung über die Komödie "Der Hauptmann von Köpenick", die der damals bestbezahlte Varieté-Künstler Deutschlands noch am Tag des Ereignisses glossierte.

Es ist sicher nicht einfach, einen Otto Reutter-Abend aus einer fernen Zeit zu inszenieren, doch Jan Burdinski schaffte das problemlos. Weil er die Gabe besitzt, sich vorbehaltlos in den Künstler hineinzuversetzen und den Zeitgeist widerzuspiegeln. Ehrlicher Beifall zum Schluss, solche Aufführungen sollten in Muckenreuth Fortsetzung finden. Der Schauspieler im Fazit: "Wir brauchen etwas Humor und Freude, ein bisschen Gemeinschaft gerade in Corona-Zeiten. Ich würde gern wieder kommen".