Was ist Kunst? Fragen Sie das mal in Ihrem Bekanntenkreis und Sie werden viele verschiedene Antworten bekommen. Per Definition ist Kunst das schöpferische "Gestalten aus den verschiedensten Materialien oder mit den Mitteln der Sprache, der Töne in Auseinandersetzung mit Natur und Welt" (Duden).

Nun können Sie sich denken, dass so ziemlich alles Kunst sein kann, wenn man es nur als solche bezeichnet. Gut, halb so wild, schließlich kann man ja unterteilen zwischen herausragender Kunst und grauenhafter Kunst, zwischen notwendiger und überflüssiger Kunst, zwischen hoher und niedriger Kunst - oder etwa nicht? Aber wer unterteilt das und wie soll man sich da einig werden? Oder ist es nicht einfach egal, kann nicht jeder einfach selbst entscheiden, was er mag und was nicht, was schön ist und was nicht? Prinzipiell freilich, aber deswegen ist es noch lange keine Kunst.

Kaum jemand etwa würde Lieder, die im Musikantenstadl gespielt werden, als Kunst bezeichnen, höchstens als Folter. "Aber halt!" muss jetzt jemand rufen, denn vernünftigerweise ließe sich ja einwenden, dass doch gerade das die Kunst ist, so etwas wie volkstümliche Schlagermusik überhaupt an den Mann und die Frau zu bringen - das Zeug verkauft sich schließlich, da werden Millionen Euro mit verdient. Also doch Kunst.

Überhaupt, Trash und Schund darf als eigene Kunstrichtung betrachtet werden, es gibt zahlreiche Beispiele, in denen gerade das Schlechte, das Dilettantische, das Undurchdachte, das Hässliche, das Peinliche zur Kunst erhoben wird. Das hat auch etwas Sympathisches.

In der Filmbranche etwa gibt es zahlreiche Meisterwerke des filmischen Versagens, die Leute feiern das, gründen Fanclubs, machen Filmabende, nur um unfassbar schlechte Filme zu gucken. Auf dem Sender Tele 5 etwa gibt es die Sendereihe "SchleFaZ" (steht für "Schlechteste Filme aller Zeiten"), die Moderatoren Oliver Kalkofe und Peter Rütten präsentieren und zelebrieren dort missglückte Filme, die sich durch hanebüchene Handlung, erbärmliche Dialoge oder unfassbar schlechte Spezialeffekte hervortun. Auch das darf als Kunst bezeichnet werden, die Szene hat sogar ihre eigenen Stars wie etwa den deutschen Regisseur Uwe Boll oder dessen amerikanische Berufskollegen Ed Wood und Tommy Wiseau. International berühmt, von Kritikern verspottet, vom Publikum ebenso, aber halt auch geliebt.

Kunst? Irgendwie schon. Man muss nur aushalten können, dass viele Menschen sich am Scheitern der anderen ergötzen wollen. Da ist die Lust, jemanden beim Versagen zuzusehen, um sich selbst nicht eingestehen zu müssen, seine eigenen Träume begraben zu haben, es gar nicht erst versucht zu haben: Da schau, der blamiert sich doch, das bleibt mir erspart.

Es gibt auch jene Kunstwerke, die man dem Künstler aus Mitleid abkauft, weil er sich die Mühe gemacht, weil er ein glaubhaftes Maß an Leidenschaft an den Tag gelegt hat, als er an die Arbeit ging und am Ende sein Werk aus Achtung vor sich selbst als "schön" bezeichnete, obwohl das Gegenteil der Fall war. Jeder hat so einen Künstler bestimmt schon einmal getroffen, die meisten fragen sich dann, warum er denn nicht einfach einer normalen Arbeit nachgeht, wie die meisten anderen Menschen auch. Liegt doch auf der Hand, wenn es nicht so läuft im Kunstbusiness. Man kauft ihm dann eine Skulptur oder ein Ölgemälde ab und stellt das Werk irgendwohin, wo es niemanden stört.

Und wer weiß, vielleicht wird ja der wahre Wert dieses Werks erst nach dem Tod des Künstlers in etwa 200 Jahren erkannt - es ist der Traum vieler erfolgloser Künstler, ihr mentaler Rettungsanker, doch noch zu Anerkennung und Weltruhm zu gelangen: "zu Lebzeiten verkannt".

Man darf Kunst nicht ihrer Freiheit berauben sich selbst zu definieren, nämlich über Reaktionen, die sie beim Betrachter, Leser, Zuhörer oder Zuschauer auslöst. Die Wahrheit ist doch, jeder möchte irgendwie gern Künstler sein. Malen und Singen, das macht man als Kind schon gerne. Irgendwann hört man damit auf, weil so in der Regel kein Geld zu verdienen ist. Oder man macht schon ganz früh Karriere: Die zweijährige Lola June aus New York malt Bilder, die sich für bis zu 1500 Dollar pro Stück verkaufen, weil ein befreundeter Künstler der Familie die Werke der Kleinen so beeindruckend fand und ihre eine Ausstellung organisierte. Lola Junes Mutter indes gab zu, dass sie zuvor einige "Kunstwerke" der Tochter weggeschmissen hatte, da sie sich nicht vorstellen habe können, dass das jemand kauft.

Die eigentliche Kunst ist also nicht, ein meisterhaftes Werk zu erschaffen, sondern eine Marke - eine Marke zu werden. Sobald ein Hype um einen Künstler entstanden ist, reißen sich Kunstliebhaber um dessen Stücke, obwohl der nun angesagte Typ aus rein fachlicher Sicht keine schöneren Bilder malt als die meisten seiner Zunft - nur hat er sich eben besser verkauft.

Die anderen, erfolgloseren, müssen sich deswegen nicht schlecht fühlen. Sie können sogar beruhigt sein: der Lebensunterhalt lässt sich auch anders bestreiten. Dennoch: Niemals sollte man seinen inneren Antrieb unterdrücken, Kunst und Kultur erschaffen zu wollen, kreativ zu sein, und sei es nur fürs eigene, seelische Wohl. Nur viel Außenwirkung erwarten sollte man nicht. Das ist auch eine Kunst. Die Kunst der Bescheidenheit, die Kunst, bedeutungslos glücklich zu sein.