Bei Zweitstimmen ein historisch schlechtes Ergebnis, aber alle Wahlkreise in Franken bis auf einen gingen wieder an die CSU. Auch in Coburg-Kronach, wo Jonas Geissler souverän siegte. Johannes Wagner von den Grünen hat über die Landesliste den Sprung ins Parlament geschafft - aber nicht überall im Wahlkreis 238 hat seine Partei gut abgeschnitten. Welche Schlüsse lassen sich aus der Wahl in Coburg-Kronach-Geroldsgrün ziehen? Unsere Zeitung sprach mit dem aus Coburg stammenden Politikwissenschaftler Dr. Stefan Luft, der an der Uni Bremen lehrt.

Miese CSU-Werte, aber Jonas Geissler sehr stark. Wie ist das zu werten?

Stefan Luft: Offenbar hat er persönlich sehr überzeugt. Und er wird viele aktive Unterstützer gehabt haben. Er war ja Bezirksvorsitzender der Jungen Union, daher hat er wohl viel Hilfe gehabt. Die braucht man aber auch - für das Plakate Kleben oder für Infostände. Auch, wenn er in der Stadt Coburg nicht gewonnen hat, in seiner Heimat Kronach hat er es dann auf jeden Fall rausgerissen.

Wie ist dieser Unterschied zwischen Stadt und restlichem Wahlkreis zu erklären? Liegt es nur daran, dass er es als Kronacher in der Vestestadt schwerer hat?

Coburg ist ja eine Hochschulstadt und einige, die dort studieren, werden dort auch ihren Hauptwohnsitz haben. Das ist auch immer positiv für Parteien wie die Grünen oder auch die SPD. Auch dieser Aspekt Stadt gegen Land könnte eine Rolle gespielt haben. Aber ja: Jetzt muss ,Der Kronacher‘ auch unter Beweis stellen, dass er genauso für die Stadt Coburg steht.

Wie kann er das schaffen?

Ich beobachte das ja nun aus der Ferne. Aber ich glaube, Geissler muss einfach Präsenz zeigen.Und da reicht es nicht, häufig ein Foto von sich machen zu lassen, wie man eine Bratwurst isst, er muss viel in Versammlungen und Veranstaltungen sein. Aber so kann er das schaffen. Ich persönlich bin Herrn Geissler nie begegnet, aber was ich von Freunden und Bekannten in Coburg höre, kann er es auch erreichen, die Nachfolge von Hans Michelbach erfolgreich zu gestalten. Das wird ihm durchaus zugetraut.

Wie viel Zeit wird er denn noch für seinen Wahlkreis haben, wenn er nun Bundestagsabgeordneter ist?

Als Neuling im Parlament wird er nicht unmittelbar die Funktion eines Sprechers von Ausschüssen erhalten. So hat Geissler sicher die Chance, sich um seinen Wahlkreis zu kümmern. Gerade neu gewählte Abgeordnete haben ja auch das große Interesse, dass sie keine Eintagsfliege bleiben, sondern in ihrem Wahlkreis wiedergewählt werden.

Wie ist der Einzug des Grünen Johannes Wagner in den Bundestag zu werten?

Wie schon gesagt, die Grünen sind in Städten eher stark und überall, wo es eine Hochschule gibt. Das ist für sie ein förderliches Umfeld. Aber auch Herrn Wagner dürfte klar sein, dass sich die großen Hoffnungen der Grünen auf Bundesebene nicht erfüllt haben.

Die Grünen haben in ländlichen Gebieten im Wahlkreis noch schlechter abgeschnitten, zum Teil waren sie nicht einmal dritte Kraft. Wie ist das für die Klimapartei zu erklären, wenn doch gerade in diesem Sommer viele Landstriche im Wahlkreis im Starkregen untergegangen sind?

Vielleicht ist in der Stadt Coburg die Erinnerung an viele Hochwasser der Itz noch mehr im Gedächtnis. Ich kann mich an solche Ereignisse aus meiner Jugend auch gut erinnern. Die Frage ist: Wie sind diese Starkregenereignisse im Ländlichen wahrgenommen worden? Als Klimafolge? Oder eher als Wetter? Ein Beispiel, das dazu passt: Als die Kanzlerin in den Katastrophengebieten in Rheinland-Pfalz war, hat dort auch ein Bürgermeister gesagt, so etwas kenne man dort, das habe man in jedem Jahrhundert einmal. Also vielleicht sind die Überschwemmungen in den Landkreisen Kronach und Coburg auch eher als ein einzelnes Wetterphänomen wahrgenommen worden. Wobei ich überhaupt nicht bewerten will, welche Wahrnehmung denn nun die korrektere ist.

Auch wenn die AfD keine Werte erreicht hat wie in Sachsen oder Thüringen, sie ist im Wahlkreis 238 dritte Kraft. AfD wählen wird ja häufig definiert als Protestwahl. Wogegen muss man denn in einem wohlhabenden Wahlkreis wie Coburg-Kronach protestieren?

Die CSU hatte schon bei der vorvergangenen Wahl Stimmen an die AfD verloren. Da spielen aber eher überregionale Themen hinein, zum Beispiel Migration. Offenbar hat die Union da Vertrauen verspielt, was nicht ohne Weiteres zurückzuholen ist. Möglicherweise haben einige die Kurswechsel, die es auch in der CSU gegeben hat - zum Beispiel beim Umgang mit Klimaaktivisten wie Greta Thunberg - als Anbiederung empfunden. Und danach fühlten sich manche vor den Kopf gestoßen, die zuvor Jahrzehntelang CSU gewählt hatten.

Ist das schlechte Gesamtergebnis der CSU auch ein Teil des Profilverlustes der Union insgesamt?

Ja, das kann man sagen. Auch die CSU hat viele Positionen aufgegeben, die sie lange besetzt hatte. Man muss das aber auch analysieren und zum Beispiel fragen: Wie ist die restriktive Corona-Politik in Bayern bei der Kernwählerschaft angekommen? Zum Beispiel bei Gastronomen und Kleinunternehmern, also beim Mittelstand, der enorm gelitten hat.

Die Fragen stellte Fajsz Deáky