Helmut Schmidt nannte ihn einen "Gegner, aber doch kein Feind, vielmehr ein Kamerad," dem es auch im politischen Widerstreit um das (gemeinsame) überragende politische Ziel ging, "der Anerkennung der Freiheit für die Person und der Freiheit für unser Volk": Karl Theodor Maria Georg Achatz Eberhart Joseph Buhl Freiherr von und zu Guttenberg. Er wurde am 23. Mai vor 100 Jahren auf Schloss Weisendorf bei Erlangen geboren. Dieses Rittergut war ab 1813 im Besitz der Guttenbergs. 1957 schenkte Karl Theodor das Schloss dem französischen Säkularorden "Notre Dame de Vie".

Der Vater des 2018 verstorbenen renommierten Bach-Interpreten Enoch und Großvater des ehemaligen Bundeswirtschafts- und -verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg prägte das demokratische Nachkriegsdeutschland mit. Zunächst auf lokaler Ebene 1946 als Mitbegründer und bis 1972 Vorsitzender der CSU Stadtsteinach, 1948 bis 1952 und 1962 bis 1972 als Kreisrat sowie von 1952 bis 1957 als Landrat von Stadtsteinach. Ab 1957 war er Abgeordneter im Deutschen Bundestag. 1967 wurde er unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger zum Parlamentarischen Staatssekretär im Bundeskanzleramt berufen, ehe Kiesinger 1969 von Willy Brandt abgelöst wurde.

Zur Abstimmung über die Ostverträge am 17. Mai 1972 war Guttenberg das letzte Mal im Bundestag. Er musste mit dem Rollstuhl zur Wahlurne gefahren werden. Denn Ende 1969 war bei Guttenberg eine unheilbare amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert worden, die die gesamte Muskulatur schwinden lässt. Ihm wurden nur noch zwei bis drei Jahre Lebenszeit vorhergesagt. Nach der Abstimmung 1972 zog er sich auf sein Stammschloss zurück.

Qualvoller Tod

Zuletzt war Guttenberg bettlägerig und konnte sich bei völliger geistiger Klarheit nur noch mit Fingerzeichen der linken Hand verständlich machen. "Er ist 24 Stunden vor seinem Tod eingeschlafen," erzählte seine Frau Rosa Sophie. "Dann hat die Atemlähmung eingesetzt." Karl Theodor zu Guttenberg wurde nur 51 Jahre alt.

An seiner Beisetzung in Guttenberg nahm neben dem deutschen Hochadel auch Kurt Georg Kiesinger, Rainer Barzel und Helmut Schmidt teil. Gerade mit Schmidt hatte sich Guttenberg heftige Wortgefechte im Bonner Parlament geliefert. Dennoch sagte Schmidt über seinen politischen Gegner: "Er war führendes Mitglied der CSU, aber Parteisolidarität hat ihn nicht daran gehindert, gelegentlich sehr hart gegen seinen Parteivorsitzenden Strauß Stellung zu beziehen, er blieb handfest und mannhaft bis hin zum drohenden Parteiausschluss."

Mit Herbert Wehner einig

Guttenberg selbst zollte selbst dem politischen Gegner Respekt. So schreibt er über eine Begegnung im Frühjahr 1961 mit Herbert Wehner, der grauen Eminenz der Sozialdemokratie: "Vor vier Jahren war ich mit allen Vorurteilen in den Bundestag gekommen, die ein Unionsmann aus der Provinz damals gegen Herbert Wehner hatte. Als wir nach zwei Stunden wieder aufstehen, glaube ich zu wissen: Mit diesem Mann bin ich in entscheidenden Fragen einig."

Für Schmidt war Guttenberg ein Mann, der auf Grund seiner familiären Erfahrungen als Politiker verhindern wollte, "dass jemals wieder in Deutschland eine Diktatur entstehen könne".

Eine erste Ahnung von der Nazi-Diktatur bekam Guttenberg als 13-Jähriger, als sein Vater Georg Enoch im Umfeld des Röhm-Putschs 1934 morgens um 3 Uhr von der Gestapo abgeholt wurde und erst nach einigen Wochen wieder frei kam. Nur die Einflüsse der Guttenbergs schienen damals hilfreich gewesen zu sein. Davon profitierte Karl Theodor auch selbst: 1940 hatte er einen Leutnant seiner Abteilung kritisiert, der sich rühmte, "einen dreckigen Juden eigenhändig erstochen" zu haben. Guttenberg hatte ihn darauf angefahren: "Ich hätte an ihrer Stelle lieber auf die SS geschossen" und hinzugefügt: "Hitler ist ein Abenteurer, der den Überblick verloren hat." Solche Äußerungen hätten normalerweise ein Erschießungskommando auf den Plan gerufen. Guttenberg musste vors Kriegsgerichts, doch das Verfahren wurde mit Hilfe eines Freundes seines Vaters eingestellt.

In englischer Gefangenschaft

Nach Kriegsende kehrte Guttenberg im Herbst 1945 aus englischer Gefangenschaft auf Kohlenwagen ab Hamburg zurück und lief "die zwölf Kilometer vom Kulmbacher Bahnhof" nach Guttenberg in der Hoffnung "nun wird unser Leben beginnen". Obwohl die CSU die Wahl 1945 gewann, beharrte die amerikanische Militärregierung auf den von ihr eingesetzten Stadtsteinacher Landrat. Guttenberg durfte sogar das Schloss nicht verlassen. 1952 wurde Karl Theodor zu Guttenberg dann doch Landrat.

Als Bundespolitiker und außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion stemmte sich Guttenberg stets gegen die Anerkennung der DDR und die Ostpolitik der Regierung Brandt. Nur eine Instanz könne darüber bestimmen, "ob es diesen zweiten deutschen Staat geben soll - das souveräne Volk" - aber nicht dessen Regierung mit einem Staatsvertrag.