Andreas Scheuerer Herzogenaurach — Wenn Klaus-Peter Gäbelein zur Arbeit geht, muss er den Kopf einziehen. Er muss raus aus seinem Haus im Steinweg, dem alten Bürgerhaus von 1447 mit der blauen Wand und der niedrigen Haustür, vorbei an der alten Apotheke und der Bäckerei, die zu hat; vorbei am Gasthof Glass, der jetzt Osteria Fratelli heißt und endlich wieder Kaffee ausschenken darf. Er steht dann am Markplatz, am Georgsbrunnen, dem Gärchler, wie sie hier sagen, und wartet auf die Gäste seiner Stadtführung.

Doch das war lange anders. Denn wegen der Corona-Krise durfte der ehemalige Vorsitzende des Heimatvereins Herzogenaurach in den vergangenen Wochen keine Touristen durch die Altstadt führen.Vier Touren seien ausgefallen, dazu etliche Veranstaltungen, erzählt Gäbelein. "Seit Ende März ist bei uns fast alles ausfallen." Von morgen an aber kann es wieder losgehen. Denn dann sind laut bayerischen Wirtschaftsministerium neben dem Besuch im Freizeitpark auch wieder touristische Führungen erlaubt - natürlich unter Corona-Richtlinien.

Vorgeschrieben ist demnach die 1,5-Meter Mindestabstandsregel, auch die Mundschutzregel in geschlossenen Räumen ist verbindlich. Eine offizielle Ansage habe darüber hinaus aber nicht stattgefunden, sagt Gäbelein. "Ich habe die Corona-Richtlinien in der Presse und im Amtsblatt gelesen." Das Gute sei, dass die Führungen größtenteils draußen stattfinden. Auch der Besuch von Kirchen sei unproblematisch. "Das verläuft sich alles ziemlich gut", sagt er.

Zwischen vier und 60 Personen nehmen an den Führungen des pensionierten Realschulleiters durchschnittlich teil. Die Nachfrage nach den Touren sei bislang aber eher zurückhaltend. Das liege daran, dass die Menschen noch verängstigt seien wegen des Coronavirus. Gäbelein rechnet damit, dass es etwa ein halbes Jahr dauern wird, bis die Besucher wieder zurückkommen, vorausgesetzt es gibt keinen weiteren Ausbruch. "Die Hysterie muss runtergehen, sonst trauen sich die Leute nicht auf solche Veranstaltungen."

Normalerweise führt Gäbelein Gäste aus der ganzen Welt durch Herzogenaurach - er spricht dann natürlich Englisch. Zwar kommen inzwischen immer öfter auch alteingesessene Herzogenauracher hinzu. Aufgrund der Nähe zu großen Firmen wie Adidas und Schaeffler seien viele Kunden aber Angestellte, die bei großen Firmen arbeiten und sich in der Gegend niedergelassen haben.

Stadt-Verführung mit Wein

Die Führungen Gäbelein starten meistens am Georgsbrunnen und führen durch die Stadt. Seit über 30 Jahren erzählt er den Besuchern über die alten Fachwerkhäuser, die hier noch bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. Oder über die Werkstatt, die dem Schmied gehört, der mit Adi Dassler befreundet war. Nach dem ersten Weltkrieg habe Adi seine Firma Adidas genannt.

"Bei solchen Geschichten bekommt man sie alle", sagt Gäbelein. Und wenn er merkt, dass die Besucher warm werden mit der Stadt und ih rer Geschichte, dann mache ihm die Führung am meisten Spaß. Zu den Höhepunkten der Führung gehört auch die Turmbesteigung des Fehnturm, die er wegen der Coronakrise momentan nicht anbietet will. Schließlich sei es schwierig, Abstand in dem engen Treppenaufgang zu halten.

Am Ende seiner Touren führt Klaus-Peter Gäbelein die Kunden oftmals in sein Haus am Steinweg. Nach der "Stadt-Verführung" zum Beispiel findet in der engen Wirtsstube normalerweise eine Weinverkostung statt. Manchmal sitzen dann am Kachelofen Musiker und Gäste tanzen. Klaus-Peter Gäbelein hofft, dass er das bald wieder erleben wird im Bürgerhaus von 1477.