Die islamistischen Terroranschläge in Nizza und Wien schockieren. In einem Gespräch mit unserer Zeitung entwirft Erzbischof Ludwig Schick eine Perspektive darauf, wie Gläubige aller Religionen vor extremistischen Tätern - "sie sind Mörder" - Schutz finden können.

Nach dem islamistischen Terroranschlag in Nizza haben Sie auf Twitter und Facebook verbreitet: "Ohne Religionsfreiheit wird menschliches Leben fundamental beschädigt. Auch Religionen müssen sich Freiheit & Toleranz gewähren. Beleidigungen von Religionen sind auszuschließen. Den Opfern in Nizza Trost & Mitgefühl." Sie haben mit diesen Worten einen Shitstorm gegen sich in den sozialen Medien ausgelöst, die Ihre Anmerkung als Täter-Opfer-Umkehr beschimpfen. Nehmen Sie nach dieser Erfahrung heute etwas von Ihren Worten zurück?

Erzbischof Ludwig Schick: Ich habe den Satz "Ohne Religionsfreiheit wird menschliches Leben fundamental beschädigt" zitiert, den ich in Berlin bei der Vorstellung des 2. Berichts der Bundesregierung zur Religionsfreiheit am 28. Oktober 2020 gesagt habe. Damit habe ich zum Ausdruck gebracht, dass in Nizza und Paris die Religionsfreiheit von Menschen eklatant verletzt wurde. Die Täter sind Mörder. Zugleich habe ich erneut für Religionsfreiheit, die den Respekt und die Wertschätzung anderer Religionen und Religionsangehörigen beinhaltet, plädiert. Die Religionsfreiheit in diesem Sinn ist ein Schutz für die Gläubigen aller Religionen und ein Mittel gegen Missbrauch von Religion. Die meisten Leser meines Tweets haben ihn richtig verstanden, der "Shitstorm" kam aus einer bekannten Richtung.

Hat der politische, der fundamentalistische Islam in seiner extremsten Gestalt überhaupt noch etwas mit Religion zu tun?

Der sogenannte "politische Islam" ist Missbrauch der Religion. Er verfolgt Ziele, die man nicht einmal politisch nennen darf, denn Politik ist - dem Wortsinn nach - "Aufbau des Gemeinwesens für das Gemeinwohl". Was in Nizza, Wien und andernorts geschehen ist, muss terroristischer Islamismus genannt werden. Er strebt nach Alleinherrschaft, um seine autokratischen und egoistischen Ziele durchzusetzen. Dazu greift er zum Terrorismus und anderen menschenverachtenden Mitteln. Der sogenannte "politische Islam" ist weder Islam noch Politik.

Fundamentalistische Gewalttäter schüren Hass und verbreiten Angst und Schrecken - wie jetzt auch in Wien. Wie kann und muss darauf reagiert werden?

Auf den terroristischen Islamismus muss jede Nation mit allen Mitteln eines wehrhaften Staates reagieren. Dazu muss die internationale Staatengemeinschaft sich noch mehr zusammenschließen, um den terroristischen Islamismus auszumerzen. I

st mehr Integration von Muslimen in die Mehrheitsgesellschaft, Verständigung und Kooperation mit ihnen nicht unabdingbar, wenn Radikalisierung durch Ausgrenzung und Isolierung verhindert werden soll?

Der Zusammenhalt in der Gesellschaft, die auf Toleranz und Einheit bei klaren, in der Verfassung festgeschrieben Rechten und Pflichten sowie Wertvorstellungen aufgebaut ist, ist das beste Mittel, um Extreme und Extremisten zu verhindern. Dazu können und müssen die Religionen einen Beitrag leisten. Dafür ist auch der interreligiöse Dialog wichtig. Er muss ein Dialog der Wahrheit und der Liebe sein.

Schwierige Themen, wie Gewalt, Ausgrenzung, Selbstverherrlichung bei Missachtung der anderen Religionen in den Schriften und Traditionen der Religionen, müssen ausgesprochen und diskutiert werden.

Welche Antwort en können Christen überhaupt auf die entsetzlichen Taten von Nizza und Wien haben?

Gebet für die Toten und Fürbitte für die Verletzten und Hinterbliebenen. Unterstützung der Ordnungskräfte bei der Fahndung nach den Attentätern und ihren Hintermännern. Den Zusammenhalt in der Gesellschaft fördern durch Mitwirkung bei Erziehung und Bildung auf der Basis der Werte des Evangeliums sowie im sozialen und karitativen Bereich.

Durch authentisches Christsein, das die Bergpredigt lebt und verbreitet: "Selig, die Frieden stiften"; "Was du willst, das man dir tut, tue dem anderen" etc., den Geist der Einheit, des Friedens und der Liebe fördern. Und: den interreligiösen Dialog und die Zusammenarbeit zwischen den Religionen pflegen in Wahrheit und Liebe zum Wohl aller in der Gesellschaft. Das Gespräch führte Marion Krüger-Hundrup.