Es war ein unwürdiges Spektakel, das SA-Männer am 21. September 1933 den Neustadtern boten. Sie hatten den Kinobesitzer Karl Kiesewetter aus seinem Haus gezerrt und führten ihn mit Schlägen und Stößen durch die Stadt. Um den Hals trug der Mann ein Schild mit der Aufschrift "Ich habe die Regierung beleidigt". Voran ging ein SA-Mann der mit einer Trommel Aufmerksamkeit auf das Schauspiel zog. Karl Kiesewetter hatte von diesem Tag an unter Repressalien der NS-Getreuen zu leiden. Jetzt wird ihm Ehre zu Teil. Der Stadtrat beschloss bei seiner Sitzung am Montagabend, eine Straße nach Karl Kiesewetter zu benennen.

Der Mann, der nach dem Fall des Hitler-Regimes von der amerikanischen Besatzungsmacht zum kommissarischen Ersten Bürgermeister Neustadts ernannt wurde, hatte sich durch den Spießrutenlauf nicht einschüchtern lassen. Wie Heimatpflegerin Isolde Kalter in einer Stellungnahme zu der geplanten Straßenbenennung schrieb, zeigte er die SA-Leute an, die ihm das angetan hatten. Doch auch das Gericht war offenbar schon gleichgeschaltet. Er bekam nicht Recht. Man hatte ihn schon als Feind des Führers ausgemacht. Dass er dann bei einer Hausbesitzer-Versammlung am 20. September 1933 öffentlich äußerte, dass Hitlers "Machtgelüste" auf einen neuen Krieg zusteuern würden, war der Auslöser für die SA, ein Exempel an ihm zu statuieren.

Es musste dem Kinobesitzer klar sein, dass die Gestapo ein Auge auf ihn haben würde. Dennoch weigerte er sich, ein Schild mit der Aufschrift "Zutritt für Juden verboten" an seinem Kino anzubringen. Es wurde schließlich gegen seinen Willen innen angebracht. Als Uniformierte in seinem Kino für die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt sammeln wollten, warf er sie hinaus.

Damit war das Maß für seine Feinde voll. Am 28. August 1941 landete Karl Kiesewetter wegen "asozialen und staatsfeindlichen Verhaltens" im Coburger Landgerichtsgefängnis. Wenig später fand er sich im Konzentrationslager Dachau wieder. Wie Isolde Kalter schreibt, war seine "Liquidierung" bereits angeordnet. Allerdings sollte zuerst seine Arbeitskraft ausgenutzt werden. Ein übliches Verfahren. Nicht selten starben Häftlinge unter den Strapazen der Zwangsarbeit und mussten gar nicht mehr hingerichtet werden. In Helmut Scheuerichs Buch "Neustadt im 20. Jahrhundert", ist verzeichnet, was Kiesewetter an Sonderstrafen erdulden musste: "drei Sonntagsstrafarbeiten ohne Kost, 14-tägiger Brotentzug, fünf Wochen Bunker, Baumanbinden sowie einmal 25 und einmal 50 Doppelschläge". Er hielt es aus.

Es gehört zu den Widersprüchlichkeiten jener Zeit, dass Karl Kiesewetter - gleichwohl doch Todeskandidat in einem KZ - im Februar 1944 für sechs Monate beurlaubt wurde. Er überlebte schließlich alle Strapazen und kehrte in seine Heimatstadt zurück. Sein Schicksal machte klar, dass er ein Gegner des Regimes gewesen war. Das war gewiss einer der Gründe für die Amerikaner, ihn zum kommissarischen Bürgermeister zu ernennen. Das blieb er nur bis zum September 1945. Als Grund nennt Isolde Kalter, dass er "weiterhin mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hielt".

Nun wird die Erschließungsstraße im Baugebiet "Märchenpark" "Karl-Kiesewetter-Straße" heißen. Michael Weyh (FW) sagte vor der Abstimmung, er hätte sich den Namen "Märchenpark" gewünscht. Angesichts der Geschichte von Karl Kiesewetter werde er aber zustimmen. Bernd Gärtner (SPD) gab zu bedenken, dass es auf absehbare Zeit wohl die letzte Chance sei, in der Kernstadt eine Straße nach Kiesewetter zu benennen. Dominik Heike (CSU) erklärte, er habe sich umentschieden und werde ebenfalls für den Namen stimmen. Er gab aber zu bedenken, dass das Gebiet für die Neustadter immer "Der Märchenpark oder die Märchenschau" bleiben werde, was die Ehre für Kiesewetter mindere.

Dem hielt Martin Stingl (SPD) entgegen, dass auf dem Gelände großes soziales Engagement für alle Altersklassen von der Kita bis zum betreuten Wohnen Raum haben werde, und "das ist genau das, wofür sich Karl Kiesewetter eingesetzt hat". Bei der Abstimmung gab es keine einzige Gegenstimme für die Entscheidung, die Erschließungsstraße im Baugebiet "Märchenpark" als Karl-Kiesewetter-Straße zu benennen.