Hans-Jürgen Rebelein ist Geschäftsführer beim Bauernverband Lichtenfels-Coburg. Bis 2019 war er im Nebenerwerb als Biolandwirt tätig. Im Interview erklärt der 64-Jährige, wo heute die Herausforderungen der Bio-Landwirtschaft liegen und warum eine Umstellung für Landwirte vor allem dann Sinn macht, wenn Politiker und Verbraucher künftig die richtigen Entscheidungen treffen.

Warum sind Sie damals auf Biolandwirtschaft umgestiegen?

Hans-Jürgen Rebelein: Wir hatten im Coburger Land einen Bioland-Pionier, der bei der Umstellung geholfen hat. 1991 kam dann noch die Umstellungsprämie des Freistaats hinzu. Ich persönlich wollte weg vom chemischen Pflanzenschutz. Hauptsächlich habe ich Ackerbau betrieben, aber auch zehn Jahre Muttersauen zur Ferkelerzeugung gehalten.

Würden Sie jemandem heute raten, Bio-Landwirt zu werden?

Seit den 1990er Jahren hat sich viel verändert. Damals war die Vermarktung schwierig. Wir waren Einzelkämpfe, es gab kaum Verarbeiter. Wir haben hauptsächlich Direktvermarktung betrieben oder sind auf Bäcker und Metzger zugegangen und haben unsere Produkte angeboten. Heute gibt es Erzeugergemeinschaften zur gemeinsamen Vermarktung und auch große Abnehmer, etwa die Milchhöfe in Coburg oder Bayreuth. Erfahrungsgemäß kann man sagen, ein erfolgreicher konventioneller Betrieb wird auch ein erfolgreicher Biobetrieb.

Ist die Umstellung auf Biolandwirtschaft heute einfacher?

Nicht unbedingt, denn heute gibt es mehr Bürokratie und rechtliche Vorgaben. Damals gab es nur Verbände wie Bioland, Naturland oder Demeter, an deren Richtlinien man sich halten musste. Heute gibt es zusätzlich die EU-Bio-Verordnung. Eine Förderung zu beantragen, ist ein ziemlicher Papierkrieg.

Wo liegen die Herausforderungen im ökologischen Landbau?

Das große Problem sind nicht die Schädlinge, die bekommt man durch eine abwechslungsreiche Fruchtfolge in den Griff. Aber durch Unkraut kann eine Fläche untergehen. Hier ist die Bodenbearbeitung wichtig. Mit dem Striegel oder der Hacke muss man zwischen den Getreidereihen durchgehen. Jeder Arbeitsgang verbraucht Zeit und Treibstoff. Trotzdem kann es passieren, dass das Unkraut überhandnimmt. Dann muss man Pflügen und das wiederum fördert die Bodenerosion.

Ist Bodenerosion ein Problem in der Biolandwirtschaft?

Von Erosion sind vor allem im Winter Flächen ohne Bewuchs betroffen. Auch konventionelle Landwirte bauen deshalb Winterzwischenfrüchte an. Im Frühjahr ist die Direktsaat eine Option. Das heißt, das Getreide wird direkt in die Zwischenfrucht eingebracht. Das schont den Boden, aber damit das funktioniert, braucht man ein Totalherbizid wie Glyphosat. Im biologischen Ackerbau ist die Direktsaat daher unmöglich. Die Zwischenfrucht muss man mit dem Grubber oder Pflug beseitigen. Man versucht so wenig Arbeitsgänge wie möglich durchzuführen, um Kosten zu sparen und den Boden nicht zu stark der Erosion auszusetzen.

Macht es in allen landwirtschaftlichen Sparten Sinn umzustellen?

Der Absatz für Bio-Milch in der Region ist gut. Bio-Hühnerhalter werden sogar dringend gesucht. Beim Gemüse wäre die Vermarktung wohl noch schwierig, weil wir eine Gemüseanbauregion sind. Auch Kälber im Biobereich abzusetzen ist nicht einfach, weil es kaum Bio-Mastbetriebe gibt. Was oft vergessen wird ist, dass auch beim Bio-Milchviehbetrieb Fleisch anfällt. Denn um Milch zu geben, muss eine Kuh einmal im Jahr ein Kalb bekommen. Die Bullenkälber werden dann oft nur zu konventionellen Preisen verkauft. Die Bio-Mastviehhaltung ist derzeit noch eine Nische.

Brauchen wir also mehr Bio-Mastvieh-Halter?

Die Frage ist schwer zu beantworten. In der konventionellen Landwirtschaft gibt es eine starke Arbeitsteilung. Der Bio-Gedanke ist eigentlich, den Kreislauf im Betrieb zu halten. Das heißt, dass der Milchviehbetrieb seine eigenen Bullenkälber mästen würde. Doch mittlerweile gibt es auch Bio-Betriebe mit hundert oder mehr Kühen - sonst würden sich die Investitionen zur Umstellung nicht rentieren. Als zusätzliches Standbein noch Mastvieh zu halten, wäre allein wegen der zusätzlich notwendigen Arbeitskraft schwierig. Man muss überlegen, ob man auch in der Biolandwirtschaft eine stärkere Arbeitsteilung wünscht.

Wie können Staat und Gesellschaft den Landwirten helfen?

Wenn die Politik Standards setzt, müssen diese auch für importierte Produkte gelten. Das ist sonst nicht fair. Argentinisches Rindfleisch hat bei den Verbrauchern einen guten Ruf, obwohl in Südamerika sowohl Massentierhaltung erlaubt ist als auch das Füttern von Hormonen. Durch diese uneinheitlichen Standards, entsteht ein großer Preisdruck, den auch die Biobauern künftig zu spüren bekommen werden.

Kann der Bauernverband Landwirten bei der Umstellung helfen?

Wir sind für konventionelle sowie Biobetriebe zuständig. Wir führen zwar keine Anbauberatung durch - dafür ist das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zuständig -, aber wir bieten rechtliche Beratung an, steuerliche Betreuung oder beraten bei Problemen mit den Sozialversicherungen oder dem Vertragsrecht. Das geht beim Mehrfachantrag los über das Düngerecht bis hin zur Vorsorgevollmacht. Auch Mediationen werden angeboten.

Die Fragen stellte Adriane

Lochner.