Cindy Dötschel Mit dem Monat Mai beginnt auch die Jagdsaison auf Rehe. "Wir Jäger schießen Böcke und einjährige Schmalrehe", berichtet Michael Hagel. Bei Schmalrehen handelt es sich um einjährige Rehe, die keine Jungtiere haben oder trächtig sind. Durch Corona stehen die Jäger in dieser Saison vor einem noch nie dagewesenen Problem. "Normalerweise ist die Nachfrage nach Wildbret viel größer. Die Gastronomie und Wildhändler nehmen uns das Fleisch in größeren Mengen ab", schildert der Vorsitzende des Jägervereins Bad Staffelstein das Problem.

Aktuell hat noch kein einziger Wildhändler etwas bestellt. Sie kaufen normalerweise größere Mengen, die dann an Hotels weiterverkauft werden. "Nach dem Lockdown wird zwar alles langsam wieder hochgefahren - aber es ist noch nicht das, was wir Jäger brauchen. In den Biergärten wird schließlich kaum Reh verkauft", bedauert Hagel. Deshalb hofft er, dass bis im September, wenn die Jagdsaison auf Schwarzwild beginnt, wieder normaler Betrieb herrscht: "Wenn bei großen Drückjagden viele Wildschweine erlegt werden, sind die Gastronomie und Hotels entscheidend."

Wesentlich mehr als nur Schießen

Obwohl der Großteil der Abnehmer des Wilds wegfällt, müssen Hagel und seine Kollegen dennoch auf die Jagd gehen. Nur so werde ihrer Überzeugung nach sichergestellt, dass die einzelnen Wildtierarten in einer vernünftigen Relation zueinander leben - schließlich sind natürliche Feinde wie Wölfe oder Bären weggefallen. "Zu dieser Jahreszeit sind die Fluren von der Vegetation her noch niedrig, deshalb sind die ersten Maiwochen die beste Zeit, um Rehe zu schießen", berichtet er. Wenn im Juni und im Juli Weizen und Mais höher stehen, kann sich das Wild besser verstecken.

Alle drei Jahre werden Abschusspläne für die einzelnen Jagdreviere festgelegt. "In Absprache mit der unteren Jagdbehörde legt die Jagdgenossenschaft fest, wie viele Rehe geschossen werden müssen. Die Jäger müssen sich an den Plan, der nur für Rehwild gilt, halten", erklärt Hagel. Die Anzahl der zu erlegenden Rehe hänge dabei von der jeweiligen Vegetation ab. "Je höher der Waldanteil ist, desto höher ist auch die Abschusszahl." Hagel selbst ist Mitpächter von zwei Jagdrevieren. Eines davon befindet sich bei Dittersbrunn, hier müssen von Anfang Mai bis Mitte Januar 19 Rehe geschossen werden - Mitte Januar endet die Jagdsaison für Rehe. Für Wildschweine gibt es einen solchen Plan nicht.

Keine Scheue vor der Zubereitung

Aus ethischen Gründen legt Hagel sehr viel Wert darauf, dass das geschossene Wild vollständig verwertet wird. "Es ist wichtig, dass nicht nur die Edelteile wie Schlegel und Rücken verwertet werden", findet er. Auch die "Kleinteile" wie Hals oder Rippen lassen sich gut verarbeiten. Dennoch trauen sich seiner Einschätzung nach viele junge Leute nicht an Wildbret heran. "Früher wurde sehr viel Aufwand betrieben, um den typischen Wildgeschmack wegzubekommen - das Fleisch wurde unter anderem mit Rotwein eingelegt", beschreibt Hagel das Vorgehen. Der unerwünschte Geschmack war auf den einsetzenden Verwesungsprozess, der durch mangelnde Hygiene verursacht wurde, zurückzuführen.

"Heute wird das Fleisch direkt, nachdem das Wild aufgebrochen wurde, im Kühlraum abgehängt." Jener "Wildgeschmack" entstehe so nicht mehr, versichert der Vorsitzende des Jägervereins. Um das Fleisch besser an Privatpersonen verkaufen zu können, verarbeiten viele Jäger dieses momentan zu Ragout oder Bratwürsten. "Am Wochenende bereitet sich kaum noch jemand selbst einen Rehbraten zu Hause zu", bedauert Hagel. Dabei ist das Fleisch sehr gesund: "Wildbret ist fettarm und reich an Nährstoffen. Das Futter und die Haltung könnten besser nicht sein - keines der Tiere hat je ein Medikament gesehen." Das Wildbret kann außerdem eingefroren werden. Reh hält sich tiefgekühlt bis zu einem Jahr, Wildschwein etwa sechs Monate.

Hagel ist überzeugt davon, dass Wildbret nicht schwerer zuzubereiten ist als Fleisch vom Rind oder vom Schwein. "Ein Schweinesteak legt sich jeder auf den Grill - mit einem Steak vom Wildschwein oder vom Reh geht das genauso", weiß er. Auch seine Kinder würden sehr gerne Wild essen. So gibt es bei Hagel regelmäßig Bolognese oder Burger aus Wildbret. "Die Leute sollen einfach auf ihren Jäger vor Ort zugehen - so tun sie gleichzeitig etwas Gutes für den Wald, um den sich der Jäger ja kümmert."