Ihr Name klingt so, als hätte sie Wilhelm Busch für eine seiner Bildergeschichten erfunden. Doch die seltene Dicke Trespe (Bromus grossus) heißt wirklich so. Im Gegensatz zu anderen Trespenarten ist sie bei weitem kein Unkraut, sondern eine uralte, schon in der Steinzeit kultivierte und noch im Mittelalter genutzte Grasart, die im 20. Jahrhundert nahezu völlig verschwunden war.

Pedro Gerstberger, bislang am Lehrstuhl für Pflanzenökologie an der Universität Bayreuth tätig, führt derzeit mit den Landwirtschaftlichen Lehranstalten des Bezirks Oberfranken, dem Kulmbacher Backmittelhersteller Ireks und dem Uni-Lehrstuhl für Bioprozesstechnik ein Forschungsprojekt durch, in dem die Dicke Trespe erstmals auf Back- und Bierbraueigenschaften untersucht wird. Gefördert wird das Projekt von der Oberfrankenstiftung.

Angefangen habe alles mit der Roggentrespe (Bromus secalinus), so Gerstberger. Bei einem Testbrauverfahren mit der Verwendung von Gerste und Roggentrespe, habe man immerhin 40 Liter Bier brauen können, das ähnlich wie ein Weizenbier geschmeckt habe. Dann startete Gerstberger einen Versuch mit der kurz vor dem Aussterben stehenden Dicken Trespe. Von Art-Erhaltungskulturen aus den Botanischen Gärten in Bonn und Frankfurt erhielt er eine Handvoll Körner, die er fachgerecht vermehrte und das gewonnene Saatgut, immerhin vier Kilogramm, auf einer Fläche von 1300 Quadratmetern auf dem Gelände der Lehranstalten ausbrachte.

Erst vier Kilo, dann halbe Tonne

Im zweiten Jahr habe der Ertrag dann bereits bei einer halben Tonne gelegen. Geerntet wurde mit einem kleinen Parzellenmähdrescher im vergangenen Sommer durch das oberfränkische Versuchswesen beim Amt für Landwirtschaft.

Gerstberger zufolge erreichen die Körner der Trespe die Größe von primitiven Getreidearten. Sie fallen nach der Reife nicht wie bei Wildgräsern üblich aus der Rispe, sondern verbleiben an der Pflanze und können so ohne Verluste geerntet werden. Zudem erfolge die Keimung rasch und die Keimungsrate sei sehr hoch, was besonders wichtig für die Mälzung der Körner ist.

Das Besondere an der Trespe ist, dass sie im 20. Jahrhundert infolge der modernen Reinigung des Getreide-Saatguts nahezu völlig verschwunden war und einheimische Vorkommen mittlerweile extrem selten sind. "Es ist zu befürchten, dass sie gänzlich ausstirbt", so Gerstberger. Durch die FFH-Richtlinie und durch die Bundesartenschutzverordnung sind Wildvorkommen der Trespe mittlerweile geschützt.

Ähnlich wie beim Roggen entwickelte sich die Trespe aus einer Wildart durch die Jahrtausende lange Inkulturnahme und unbewusste Auslese durch den Menschen. "Die Dicke Trespe hat es fast zu einem Getreide geschafft, indem sie sich an die besonderen Bedingungen des Ackerbaus und der nachfolgenden Ernte angepasst hat", erläutert Gerstberger. Am besten sei die Trespe noch mit Hafer vergleichbar. Der Wissenschaftler rechnet mit einem Ertrag von gut 40 Doppelzentner pro Hektar. Doch bis es soweit ist, müsse man erst einmal herausfinden, was man mit der Trespe eigentlich alles anstellen kann.

Wenig Stärke, viel Protein

Ziel der Studie sei es deshalb, Back-Versuche mit einem gewissen Anteil an Trespenmehl durchzuführen. Da das Korn nicht viel Stärke besitzt, habe sich der Prozess des Mahlens bislang schwieriger gestaltet als gedacht. Aufgrund des hohen Proteingehalts der Körner wäre allerdings auch die Herstellung von Nudeln möglich.

Darüber hinaus sollen im Lehrstuhl für Bioprozesstechnik an der Universität Bayreuth Biersorten gebraut und mit unterschiedlichen Anteilen des Trespenmalzes zum Gerstenmalz geschmacklich bewertet werden. Gleichzeitig laufen auf der produktionsbiologischen Seite auch Züchtungsanstrengungen, die zum Ziel haben, die Körnerzahl pro Pflanze zu erhöhen. Damit sollen letztlich Erkenntnisse gewonnen und Nutzungsmöglichkeiten erkundet werden, um die Trespe vor dem völligen Aussterben zu bewahren und sie wieder einer landwirtschaftlichen Nutzung zuzuführen.

Auch Energiepflanze im Test

"Jede Art, die verschwindet, ist ein unwiederbringlicher Verlust", sagt Volker Höltkemeyer, Leiter der Landwirtschaftlichen Lehranstalten in Bayreuth. Gerade in Zeiten des Klimawandels müsse man sich dies immer wieder vor Augen führen. Die Zusammenarbeit mit der Universität habe eine gute Tradition, vor allem Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen seien immer wieder auf dem Gelände tätig. Nicht zuletzt habe Pedro Gerstberger hier auch bereits vor Jahren erste Anbauversuche mit der Energiepflanze Silphie gestartet.