Sabine Memmel Es war eine ganz spontane Entscheidung. Er war gerade mit dem Streichen fertig. Sein Zimmer direkt unter dem Dach in seinem Elternhaus in Forchheim sollte neue Farbe bekommen. Arthur Krier hätte genauso gut noch etwas fernsehen oder auf seiner Gitarre spielen können. Der damals 20-Jährige setzte sich aber lieber noch einmal auf sein Motorrad. Eine Entscheidung, die für immer sein Leben verändern sollte. Und mit der er fast sein Leben verloren hätte.

Es war der 12. August 1996. Ein lauer Sommerabend. Arthur weiß noch, dass er in der Bamberger Straße tanken war. Danach setzt seine Erinnerung komplett aus. Er weiß nicht, wie es zu dem Unfall kommen konnte und was passiert ist. Bis heute. "Irgendwo in mir drin ist es. Aber es kommt nicht hoch", sagt der heute 44-Jährige, bedauert es aber nicht.

Arthur fuhr von Pautzfeld nach Buckenhofen, als er in einer Rechtskurve mit einem entgegenkommenden Auto kollidierte. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn zunächst auf die Windschutzscheibe und schließlich auf die Straße. Kurz war er noch bei Bewusstsein. "Die Frau im Auto vor mir leistete Erste Hilfe. Ihr habe ich noch Anweisungen gegeben, wie sie mein Bein lagern soll", weiß Arthur aus Erzählungen.

Zunächst wenig Hoffnung auf Überleben

Seine Verletzungen waren schwer. Offener Trümmerbruch im linken Bein. Der Oberschenkel aufgerissen. Die Hauptschlagader schwer verletzt. Die Straße voller Blut. Nach der Not-OP in der Uniklinik Erlangen gaben die Ärzte zunächst nicht viel Hoffnung: "Meinen Eltern haben sie nicht sagen können, ob ich überleben werde."

Es folgten mehrere Operationen. Monatelang lag er in der Chirurgie in Erlangen. Der Knochen im Oberschenkel war durchtrennt. Ganze zwei Zentimeter fehlten. Er musste neu zusammenwachsen. Eine lange Prozedur, die ihn in den Rollstuhl zwang. Erst fast ein Jahr später, nachdem ein Nagel durch den Knochen geschraubt wurde, machte er seinen ersten Ausflug mit Krücken. Das war zum Annafest mit seinem besten Freund, der ihn damals auch zum Motorradfahren gebracht hat. "Noch heute ist mein Bein drei Zentimeter kürzer als das andere."

Doch viel gravierender war die Verletzung in seinem linken Arm. Auch er war gebrochen. Es stellte sich aber schnell heraus, dass Arthur ihn nicht nur wegen des Bruchs nicht mehr bewegen konnte. Auch Nerven waren durchtrennt. Der Arm war gelähmt. "Als ich das erste Mal nach dem Unfall aufgewacht bin, ging es jeden Tag bergauf, und wenn es nur Kleinigkeiten waren. Ich habe nie gehadert. Anders, als ich erfahren habe, dass ich den Arm nie mehr bewegen kann. Da musste ich weinen."

Arthur spielte Gitarre in einer Band. Das war nun für immer Geschichte.Genauso wie das Motorradfahren selbst. "Auch jetzt, jedes Jahr wenn die Motorradsaison beginnt, fehlt mir das Gefühl von Freiheit manchmal. Diese Sehnsucht bleibt", sagt Arthur, der zuerst Germanistik und Psychologie studierte und später ein Fernstudium als Webmaster machte.

Er hätte sich auch nach dem Unfall wieder auf's Motorrad gesetzt, wenn er gekonnt hätte. Von generellen Fahrverboten, egal ob zur Vermeidung von Unfällen oder Lärm, wie sie auch aktuell wieder diskutiert werden, hält er nichts. "Das klingt für mich eher so, dass man zu faul ist, sich andere Maßnahmen zu überlegen." Immerhin gebe es viele Risiken im Leben, die man dem Bürger erlaube, aber ebensfalls tödlich seien. "Nikotin und Alkohol wird auch nicht verboten."

Rückgängig würde Arthur den Unfall nicht machen wollen. Auf die Erfahrungen, die er anschließend machte, möchte er, so schmerzlich sie waren, nicht verzichten. "Es hat mich geformt. Für viele klingt es viel schlimmer, als es wirklich ist. Das Bewusstsein, wie schnell das Leben vorbei sein kann und für den Wert des einzelnen Tages, ist ein anderes."

Nach der Zeit im Krankenhaus fuhr er mit seinem Vater zurück zur Unfallstelle. Erinnern konnte er sich nach wie vor nicht. Doch es durchfuhr ihn plötzlich ein richtiger Adrenalinschub. "Ich bin erschrocken. Das war ein ganz merkwürdiges Gefühl. Und das ging mir auch die paar Male so, als ich später noch dort war."

Doch es störte ihn nicht. Er hatte keine Alpträume deshalb. Nach drei Gerichtsverhandlungen bekam er offiziell die Schuld am Unfall zugesprochen. Arthur, heute Projektmanager in einem Software-Unternehmen, nahm es hin. Auch wenn er, ohne sich erinnern zu können, glaubt, dass er einfach übersehen wurde. Er lebt, das war das Wichtigste. Und das Leben ging weiter.

Doch vier Jahre später zog es ihm erneut den Boden unter den Füßen weg. Wieder ein Unfall. Wieder auf dem Motorrad. Diesmal war es sein bester Freund. Doch für ihn kam jede Hilfe zu spät. Er starb. Ein Verlust, der kaum auszuhalten war. "Das hat mich viel mehr mitgerissen als mein eigener Unfall."

Arthurs Sohn ist zwölf. Was, wenn er mit 18 den Motorradführerschein machen will? "Ich würde es nicht verbieten. Wichtig ist, dass er weiß, was tut."