Er hat nahezu alle Wunschkandidaten bekommen: Fabian Hambüchen, Mirko Slomka, Pascal "Pommes" Hens und Robert Harting. Aber auch Heike Drechsler, Jens Voigt und Steffen "Speedy" Fetzner gehören zu seiner prominenten Mannschaft. Jochen Gundel (42) ist Olympia-Chef bei Eurosport. Beim "Project Manager Olympics Discovery" laufen alle Fäden zusammen. Unter der Regie des aus dem kleinen Bad Rodacher Stadtteil Heldritt im Landkreis Coburg stammenden Medienexperten sendet der Sportsender ab Mittwoch rund um die Uhr auf Eurosport und auf der digitalen Plattform JOYN.

Gundels Team besteht nicht nur aus ehemaligen Sportstars, die die Wettkämpfe analysieren, sondern vor allem aus weiteren gut 120 Leuten, die in Tokio und in München nach den Anweisungen des Projektverantwortlichen arbeiten. "Es ist natürlich klasse, dass so viele Fachleute bei uns im Studio und am Mikrofon sind. Wir haben all diese Experten in unserem neuen Sendezentrum im Münchner Norden, in Unterföhring, zusammengezogen und produzieren hier drei Wochen durchgehend die Spiele."

Sicher ein Mammutprojekt für Gundel, der in den vergangen Monaten täglich rund elf Stunden am Projekt von zu Hause aus gearbeitet hat. "Jetzt stehen wir endlich kurz vor der Geburt des Babys, das wir über drei Jahre geplant haben", erklärt der zweifache Familienvater mit einer gewissen Portion Stolz.

Schon 2019 in Tokio gedreht

Vor Ort in Tokio hat der 42-Jährige Kontakt zu zahlreichen Kamerateams und Reportern, die Interviews liefern. "Wegen der Pandemie haben wir uns aber dafür entschieden, die Mehrzahl der Leute von daheim arbeiten zu lassen." Gundel selbst war bereits 2019 in Tokio. Die ersten Vor-Ort-Drehs waren schon abgeschlossen, die Besichtigungen der Olympia- und Produktionsstätten hatten stattgefunden - das grobe Redaktionskonzept stand. Doch dann der Schock: Die Spiele werden verschoben!

Gundel, der sich mit seiner Mannschaft ähnlich wie die Athletinnen und Athleten intensiv auf die Spiele 2020 vorbereitete, war im ersten Moment enttäuscht, hat aber großes Verständnis für die letztjährige Absage: "Die Entscheidung des IOC (Internationales Olympisches Komitee, Anm. der Red.) war natürlich völlig richtig. Es wären bei all den Herausforderungen und Problemen einfach keine fairen Spiele im Sinne der Sportler gewesen."

Nach der Verschiebung zog Eurosport sofort die Handbremse, stornierte Unterkünfte und Reisen. "Ich führte über 100 Telefonate während der ersten Tage nach der Absage, schließlich wollte das gesamte Team wissen, was Sache ist. Natürlich hatte ich keine Glaskugel und konnte auch nicht sagen, wie es weiter geht und wie die Weltlage im Juli 2021 aussieht."

Jetzt ist sich der Sport-Experte aber sehr sicher, dass die anstehenden Spiele aufgrund der Corona-Krise und den völlig neuen Regularien vor Ort einzigartig werden. Nur ein Beispiel: Die Sportler müssen spätestens 48 Stunden nach ihrem eigenen Wettbewerb wieder das Olympische Dorf verlassen und zurückfliegen. Das bedeutet: "Gewinnt eine Deutsche am Montag Gold, könnte sie bereits am Mittwoch bei uns in München im Studio sitzen. Da wäre natürlich geil", sagt Gundel und freut sich dabei.

Bereits zum 5. Mal Olympia

Vor allem aber wegen der fehlenden Zuschauer in den Stadien wird es von der Stimmung her eine völlig andere Olympiade. Gundel muss es wissen, denn es sind bereits seine fünften Spiele, die er als Medienexperte hautnah verfolgt und miterleben darf. "Ein 100-Meter-Finale ohne Zuschauer? Darauf bin ich echt gespannt", gibt er sich nachdenklich. Doch der Oberfranke ist sich sicher: "Mit so vielen Olympioniken in unserem Team werden wir die Spiele für den TV-Zuschauer sicher zu ein einem einzigartigen Erlebnis machen." Die Olympischen Spiele sind nicht das erste Event, das der Sender vom Standort München aus produziert. Bereits drei Tennis-Grand-Slam-Turniere und die Vierschanzentournee wurden auf Screens gebracht.

Erfahrungen beim Tageblatt

Das Wichtigste sei aber immer die Gesundheit aller Mitarbeiter und der Menschen vor Ort. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass sich sein Sender natürlich die Reisekosten spart und den CO2-Fußabdruck reduziert. Das Schöne dabei: "Die Qualität wird dennoch nicht leiden", verspricht Gundel, der seine journalistische Karriere beim Coburger Tageblatt begann. Das Talent zum Sportredakteur hat er quasi in die Wiege gelegt bekommen, denn sein Vater Volker war selbst viele Jahre verantwortlicher Sportredakteur in Coburg.

Schon bei den Winterspielen 2018 gehörte Jochen Gundel zur über 1000 Mann starken Eurosport-Crew. Sommerspiele seien aber noch einmal eine andere Dimension. "Auch meine Rolle hat sich in den letzten Monaten gewandelt: Denn ich bin nicht mehr nur für die Vorbereitungen der Berichterstattung in Deutschland verantwortlich, sondern auch gesamt-europäisch für redaktionelle Inhalte und deren Koordination. So haben wir etwa die englischen Kollegen Greg Rutherford und Bradley Wiggins unter Vertrag, den französischen Schwimm-Star Alain Bernard und die schwedische Siebenkampf-Legende Carolina Klüft." All diese Namen werden im deutschen Fernsehen auftauchen und sollen die Qualität des Programms weiter heben.

Der Tatendrang von Jochen Gundel ist jedenfalls ungebremst groß, denn trotz der heißen Phase in Tokio steckt er bereits jetzt mitten in den Planungen für die Olympischen Winterspiele in Peking, die im Februar 2022 anstehen: "Das ist nicht einmal sechs Monate nach der Schlussfeier in Tokio. Nach den Spielen ist für den Heldritter also vor den Spielen..."