"Die Situation in der Stadt Coburg ist im Moment etwas prekär", sagt Ulrich Zuber. Der Allgemeinmediziner mit Praxis in Kaltenbrunn ist Kreisvorsitzender des Hausärzteverbands. Er weiß, was auch die Verantwortlichen in der Stadt wissen: In Coburg finden viele Menschen derzeit keinen Hausarzt. Oberbürgermeister Dominik Sauerteig (SPD) selbst spricht von "verzweifelten Briefen" von Menschen, die keinen Arzt mehr finden.

Die Zahlen

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) stellt fest, dass die Versorgungsregion Coburg "drohend unterversorgt" ist. Zu dieser Versorgungsregion gehören die Stadt Coburg und der Landkreis mit Ausnahme des Stadtgebiets von Neustadt. Dort sieht die Versorgung etwas besser aus: 88,7 Prozent der Arztsitze sind dort besetzt; im Versorgungsraum Coburg sind es 83,3 Prozent (Stand: Januar 2021). 65 Ärzte praktizieren hier, 24 davon sind 60 und älter und werden vermutlich in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. 14 gehören der Altersgruppe 55 bis 59 Jahre an. Hinzu kommt, dass die Zahlen der KVB auch Ärzte enthalten, die gar nicht mehr praktizieren, sagt Stadt-Pressesprecher Louay Yassin.

Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt Coburg (Wifög) hat es ausgerechnet: Im Versorgungsbereich Coburg gibt es derzeit 20 freie Niederlassungsmöglichkeiten für Hausärzte. Bislang war die Stadt hier im Nachteil: Weil der Landkreis schon länger als "drohend unterversorgt" galt, können Ärzte über die KVB bis zu 60 000 Euro als Zuschuss erhalten, wenn sie sich dort niederlassen. Das Geld kommt vom Freistaat. Inzwischen hat die KVB auch die Stadt als "drohend unterversorgtes Gebiet" eingestuft. Auch hier gibt es nun also den Zuschuss. Doch das allein reicht nicht, wie Stephan Horn und seine Kollegen von der Wifög festgestellt haben.

An erster Stelle: Praxisräume

Ärzte brauchen auch passende Praxisräume. In einem Fall hat die Wifög nun Räume in der Mohrenstraße gemietet; im Sommer werde eine Ärztin darin ihre Praxis eröffnen, berichtet Horn. In anderen Fällen ermöglichte es die Wohnbau Stadt Coburg, dass Ärzte neue Praxisräume fanden, erzählt Dritter Bürgermeister Thomas Nowak (SPD), der als Sozialreferent auch mit dem Thema befasst ist. Auch die Anforderungen seien inzwischen höher als früher: Arztpraxen sollten barrierefrei sein. Da seien drei Stufen zur Haustür oder ein zu schmaler Fahrstuhl schon zu viel.

"Wir arbeiten an der Vorbereitung eines Konzepts für Immobilienentwicklungen", sagt Wifög-Chef Horn. "Man muss schauen, dass man Immobilien sichert und zur Verfügung stellt", sagt auch Nowak. Allerdings ist das eine knifflige Sache: Die Stadt kann nicht einfach die Ansiedlung von Ärzten direkt bezuschussen. Deshalb läuft die Immobilienakquise über die Wifög. Aber die muss, wenn sie Räume mietet, das Geld dafür selbst erwirtschaften und darf keinen städtischen Zuschuss erhalten.

"Ärzte sind ein Standortfaktor", sagt Stephan Horn. Vor allem dann, wenn Unternehmen Fachkräfte von außerhalb anlocken wollen. Positiv, immerhin: Ärzte haben Interesse, sich in Coburg anzusiedeln. Für die Räume in der Mohrenstraße, die die Wifög angemietet hat, gab es mehrere Interessenten.

Work-Life-Balance

Doch es sind nicht nur die Räume allein: Viele Ärzte wollen anders arbeiten als ihre Vorgänger, die ihre Praxis allein betreiben. Von Work-Life-Balance ist da die Rede und von zu viel Bürokratie. Ulrich Zuber ist gerne Freiberufler, wie er sagt, und er schätzt das Leben als Landarzt. Doch auch er weiß, dass jüngere Kollegen von der Bürokratie und dem Gedanken, rund um die Uhr verfügbar sein zu müssen, abgeschreckt sind. Wobei sich letzteres geändert habe, wie Zuber sagt: Dank der neuen Organisation der Not- und Bereitschaftsdienste gebe es jetzt auch für Landärzte freie Wochenenden und ruhige Nächte. "Der Einzelarzt wird nicht mehr der Regelfall sein", prophezeit Zuber. Dominieren werden Zusammenschlüsse von Ärzten in unterschiedlichen Organisationsformen. Bei Praxisgemeinschaften teilen sich Ärzte meist Räume, Geräte und Fachpersonal, aber es rechnet jeder für sich ab. Bei Gemeinschaftspraxen wird auch gemeinsam abgerechnet. "Ein erheblicher Teil der neu Niederlassungswilligen werden erst mal die Anstellung bevorzugen", meint Zuber.

Einzelpraxis als Ausnahme

Mittelfristig werde die Region den Ärztemangel beseitigen können, ist Zuber überzeugt. Er verweist auf den Weiterbildungsverbund, der die Facharztausbildung zum "Allgemeinarzt" möglich macht. Dieser gemeinsame Verbund von Hausarztverein, dem Klinikkonzern Regiomed und der GesundheitsregionPlus sei "ein Leuchtturmprojekt". Allerdings dauert die Ausbildung zum Facharzt ihre Zeit - "frühestens fünf Jahre nach Abschluss des Studiums kann man einen Facharzt willkommen heißen", sagt Regiomed-Chefarzt Christian Pohlig, Leiter des Weiterbildungsverbunds.

Zuber beobachtet zudem, dass sich die Gemeinden verstärkt um Ärzte bemühen - nicht nur mit Grundstücken fürs Eigenheim, sondern auch durch die Vermietung von Praxisräumen. Auch sei jeder Hausarzt gefordert, seine Nachfolge rechtzeitig zu regeln, betont Zuber. Es sei freilich in der Region nicht mehr so wie früher, dass ein Arzt seine Praxis teuer verkaufen konnte. "Die meisten werden die Übergabe ihrer Praxis in die Berechnung ihres Altersruhegeldes nicht mehr einfließen lassen", umschreibt es Zuber.

Unterstützung für Medizinstudenten

Schon seit einigen Jahren gewährt der Landkreis Coburg angehenden Ärzten Stipendien, wenn sie sich dafür später hier niederlassen. Die CSU/JC-Fraktion im Stadtrat hat vorgeschlagen, dass die Stadt Ähnliches tun solle. "Es laufen Gespräche mit dem Landkreis", sagt Thomas Nowak dazu. Wenn, sei es sinnvoll, sich da abzusprechen. Es genüge seiner Ansicht nach, solch ein Stipendium zum Wintersemester anzubieten, wenn in der Regel das Studium beginnt. Der Landkreis habe das Stipendium seinerzeit über die "Gesundheitsregion" starten können. Inzwischen bilden Stadt und Landkreis gemeinsam die "GesundheitsregionPlus", zu deren Aufgaben die Anwerbung von Haus- und Fachärzten für die Region gehört.

Auch der kommunale Klinikverbund Regiomed hat zusammen mit der Sparkasse Coburg-Lichtenfels ein Unterstützungsprogramm auf die Beine gestellt: Die Studierenden an der Medical School können die Gebühren für das sechsjährige Studium über einen Kredit finanzieren. Wenn sie nach dem Studium ihre Assistenz- und Facharztausbildung in einem der Regiomed-Häuser absolvieren, übernimmt der Klinikkonzern die Rückzahlung des Kredits.