"Schuld war vor allem Corona", sagt Tilo Hannemann. Seit in China die Krankheit entdeckt wurde, und das Land komplett dichtmachte, kann sich der Geschäftsführer von Inge's Christmas Decor in Neustadt auf nichts mehr verlassen, was bis dahin zuverlässig galt. Der weltweite Warenverkehr ist völlig aus dem Ruder gelaufen.

"Du weißt nicht, ob und wann bestellte Ware ankommt. Dass dann jeder von uns die Ware rechtzeitig bekommt, die er bei uns bestellt hat, wird inzwischen zur Herausforderung." Rechtzeitig, das heißt im Geschäft mit Christbaumschmuck, das Inge's Christmas Decor betreibt, rechtzeitig vor Weihnachten, denn dieser Termin ist fix - egal, was der weltweite Frachtverkehr gerade für Probleme hat.

Die begannen tatsächlich in China. Als das Land in den totalen Lockdown ging, wurde der Kreislauf der Schiffscontainer unterbrochen. Auslöser für einen fatalen Effekt, den niemand erwartet hätte. Ende März 2020 standen in chinesischen Häfen nach Recherchen des Fachmagazins "Institutional Money" zwar noch rund drei Millionen TEU (Twenty Foot Equivalent Unit) zur Verfügung. Das ist die Rechengröße für den Schiffstransport. Was auf den Schiffen unterwegs ist, sind jedoch meist 40 Fuß Container (a zwei TEU) - vor allem für Volumenprodukte wie Christbaumkugeln für Inge's Christmas Decor.

Als plötzlich kein Container mehr China verließ, passierte zweierlei. Zum einen verließen andere Häfen in Europa oder den USA weiterhin voll beladene Containerschiffe, es kamen aber keine mehr aus China an. Zum anderen rechneten die chinesischen Hersteller von Schiffscontainern, die 90 Prozent aller TEUs herstellen, wegen einer Ausbreitung der Pandemie mit Auftragsrückgängen und drosselten die Produktion.

Ende des Lockdowns in China

Als China Covid für besiegt erklärte, und wieder Container losschickte, hatte die Pandemie Europa und die USA erreicht, die nun ihrerseits in den Lockdown gingen. Nun landeten chinesische Container wieder vor allem in den USA, wurden aber nicht wieder zurückgeschickt, weil alles im Lockdown war. Der Kreislauf war endgültig gestört. Neue Container kamen kaum auf den Markt. Vorhandene Containerkapazitäten wurden zunehmend knapp, die Frachtpreise gingen durch die Decke.

"Für einen 40 Fuß Container von China zu uns haben wir Anfang 2020 noch 1500 Dollar bezahlt. Jetzt zahlen wir 15 000", sagt Tilo Hannemann. Aus China bekommt das Unternehmen Ware, die dann an Baumärkte oder Supermärkte geht. Er zeigt eine durchsichtige Kunststoffdose voller Kugeln. "Der Frachtkostenanteil an so einer Dose lag 2020 bei 50 Cent, jetzt macht er vier Euro aus - das ist nicht mehr so einfach zu kalkulieren."

Als alles langsam wieder in geregelte Bahnen zu kommen schien, steckte plötzlich das Containerschiff Ever Given im Suezkanal fest. Hunderte Frachter stauten sich vor der Passage und wieder lief alles aus dem Ruder. Dazu kommt, dass es inzwischen nur noch wenige Reedereien gibt und ein Konkurrenzdruck unter ihnen kaum noch existiert. Das wirkt sich weiter negativ auf die Preisgestaltung aus.

Lokale Lockdowns

In den vergangenen Monaten führten dann einzelne Covid-Verdachtsfälle oder tatsächliche Infektionen von Beschäftigten in chinesischen Häfen dazu, dass solche wichtigen Umschlagplätze von heute auf morgen für zwei Wochen komplett ausfielen.

Es ist ein Problem, gewachsen aus der Globalisierung, das so wohl kaum ein Unternehmen für wahrscheinlich gehalten hätte, das seine Produktion nach Asien verlegt hatte. Ein Schritt, dem sich kaum eine Branche entziehen konnte. Bei Inge's Christmas Decor ist man daher froh, ein festes Standbein zu haben, das voll am Standort Neustadt produziert. "Bei unseren mundgeblasenen Ornamenten ist die Auftragslage gut bis sehr gut", sagt Tilo Hannemann. Die exklusiven handgefertigten Produkte sind vom Containerverkehr nicht betroffen. Was die in China maschinell hergestellten Kugeln angeht, da gibt es schon Überlegungen, ob die nicht doch wieder in Europa möglich wäre.

Viele Coburger Unternehmen betroffen

Das Problem ist natürlich nicht nur eines von Inge's Christmas Decor, wie eine Anfrage bei der Industrie- und Handelskammer zu Coburg (IHK) zeigt. IHK-Präsident Friedrich Herdan: "Lieferschwierigkeiten sowie deutliche Preissteigerungen bei Vorprodukten und Rohstoffen machen derzeit insbesondere den Coburger exportorientierten Unternehmen zu schaffen und treffen Betriebe fast aller Branchen und Größenklassen."

Der IHK-Präsident kann auf bundesweit erhobenes Datenmaterial verweisen: "Diese Einschätzung wird von einer aktuellen DIHK-Auswertung unter Beteiligung auch Coburger Firmen im In- und Ausland bestätigt. Die Ergebnisse spiegeln die Situation der Coburger Wirtschaft wider, die sich durch einen hohen Besatz in den Branchen Automotive, Maschinenbau, Elektroindustrie, kunststoffverarbeitende Industrie und Möbelhersteller auszeichnet. Demnach melden 83 Prozent der befragten Unternehmen über alle Wirtschaftszweige hinweg Preisanstiege oder Lieferprobleme bei Rohstoffen, Vorprodukten und Waren. Diese Situation wirkt sich natürlich nachteilig auf den wirtschaftlichen Erholungsprozess nach der Pandemie aus."

Wenige erwarten rasche Besserung

Ein großes Problem ist offenbar für viele Firmen, dass schwer abzusehen ist, wie sich die Lage weiter entwickelt: "Es herrscht große Unsicherheit im Coburger produzierenden Gewerbe. Nur knapp ein Fünftel der befragten Unternehmen rechnet bis zum Jahreswechsel mit einer Verbesserung der Situation."

Aktiv etwas zu unternehmen, um auf die Situation zu reagieren ist schwierig. "Der Rohstoffmangel zieht sich durch Komponenten und Güter nahezu aller Geschäftsbereiche - und kann deshalb nur schwer durch neue Produktionsverfahren oder Lieferanten kurzfristig kompensiert werden. Spürbar sind die Lieferengpässe und Preisanstiege derzeit insbesondere bei Stahl, Aluminium, Kupfer und Holz sowie bei Elektronikkomponenten und Verpackungen."

Die Gründe für die Engpässe sind nach Friedrich Herdans Einschätzung vielfältig: "Weltweit heruntergefahrene Produktion infolge der Pandemie, fehlende Schiffsfrachtkapazitäten, mangelnde Verfügbarkeit von Transportcontainern, Angebotsverknappung bei Halbleitern, Blockade des Suezkanals durch das Containerschiff Ever Given. Gleichzeitig aber ist der Bedarf an Vorleistungsgütern wie etwa Halbleitern spürbar gestiegen, und es gibt eine Verschiebung der privaten Konsumausgaben hin zu langlebigen Ge- und Verbrauchsgütern. Das Problem der Transportengpässe wird uns noch eine Zeitlang begleiten, weil kurzfristig weder neue Containerschiffe noch entsprechende Mengen an Leercontainern auf den Markt gebracht werden."

Doch bergen solche Krisen auch Chancen: "Angesichts der angespannten Situation stellen einige Unternehmen ihre Lieferketten auf den Prüfstand, um sie, wo möglich, breiter auszurichten und so die Abhängigkeit von einem bestimmten Zulieferer, Land oder Region künftig zu verringern. Dadurch könnten sich Chancen für Zulieferer aus Deutschland oder Europa ergeben."