Wie viele andere Schüler in Bayern auch sitzt der zwölfjährige Maximilian Senf seit Wochen im Homeschooling und vermisst seine üblichen sportlichen Aktivitäten. "Ich gehe zwar oft mit meiner Mama spazieren und ab und zu mit Papa wandern, aber der Sportunterricht und das Schwimmen bei der Wasserwacht fehlen mir." Er merke, dass er sich weniger bewege, auch geistig. "Zwar spiele ich mit meinen Schachclubfreunden ab und zu virtuell, aber ich würde gerne mal wieder gegen eine reale Person spielen", sagt der leidenschaftliche Schachspieler.

Professor Susanne Tittlbach, Inhaberin des Lehrstuhls für Sozial- und Gesundheitswissenschaften des Sports an der Universität Bayreuth, hat sich genau mit diesem Thema der mangelnden Bewegung im Lockdown befasst. "Durch die Corona-Beschränkungen ist ein großer Teil des Bewegungssports nicht mehr möglich, der gesamte organisierte Bereich mit Vereinen oder Schule bricht völlig weg." Dies betreffe insbesondere Kinder und Jugendliche, Hauptnutzer der Sportvereine.

Natürlich sei es auch möglich, sich selbst zu bewegen - etwa durch Radfahren, Spielen im Garten oder Spazierengehen - , aber das müsse organisiert werden. "Wir haben Zahlen aus dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020, aktuelle Zahlen stehen leider noch nicht zur Verfügung", erklärt Tittlbach. Demnach ging das sportliche Treiben im organisierten Bereich auf Null zurück, das unorganisierte Sporttreiben nahm dagegen im Frühjahr zu. Die Motorik-Modul-Studie (MoMo) der Universität Karlsruhe ergab nach einer Befragung im März 2020, dass der organisierte Sport um 28 Minuten pro Tag zurückging, während der unorganisierte um 36 Minuten zunahm. "Aber da war es Frühling."

"Wer Interesse hat, wird abgeholt"

Sie rechnet zwar damit, dass die Zahlen im aktuellen Lockdown noch weiter sinken, jedoch sollte man nicht außer Acht lassen, dass viele Sport- und Bewegungsanbieter sich inzwischen besser aufstellen konnten und digitale Angebot nutzen. "Wer Interesse hat, wird abgeholt, aber: Bei Kindern ist das anders." Kinder wollten Sport treiben, sie liebten den Wettbewerb, und das sei digital schwer zu realisieren.

Deswegen sei der Sportunterricht als Bildungsfach gefragt. "Sport ist Teil der körperlichen Bildung, die Kinder müssen eine Bewegungskompetenz aufbauen", sagt die Professorin. Auch im Lockdown sollte Sportunterricht digital stattfinden, jedoch dürfte man den Kindern nicht nur einfach Übungen vorsetzen. "Es ist wichtig, die Übungen mit der Lehrkraft zu reflektieren. Was spüre ich dabei? Warum fühle ich mich besser?" Dadurch würden Kinder befähigt, Bewegung später in ihren Lebensstil zu integrieren. "Sport hat auch eine kognitive Komponente, wir sprechen hier von der kognitiven Aktivierung", erklärt Susanne Tittlbach. Bestimmte Wirkungen im Sport passierten nicht automatisch, man müsse sie bewusst machen.

Hilfreich sind für sie hier zum Beispiel Arbeitsblätter zur Selbsteinschätzung. "Man kann den Kindern auftragen, drei Wochen lang ein Workout zu trainieren und dann die Ergebnisse besprechen. Dadurch sehen sie, dass man etwas tun muss, um sich zu verbessern, und sie erleben auch diese Verbesserung." Außerdem würden die Kinder lernen, sich selbst besser einzuschätzen. "Das Bildungsziel lautet: Was kann ich gut? Wie kann ich besser werden? Wie lerne ich meinen Körper kennen?" In der Wissenschaft sei dies schon revolutioniert - in der Praxis kämen diese Erkenntnisse nur zögerlich an. "Sportunterricht ist nicht mit Training gleichzusetzen. Das Fach Sport ist mehr als nur Bewegung."

Dem stimmt Benedikt Deichsel, Lehrer für Sport und Mathematik am Caspar-Vischer-Gymnasium, zu. "Man kann die Kinder natürlich nicht zwingen, sich zu bewegen, man muss es schaffen, dass sie sich selbst motivieren." Mit seinen Schülern erreicht er das zum Beispiel über eine Challenge. "Die Schüler haben einen Monatsplan, dokumentieren ihre Fortschritte, und am Ende des Monats sprechen wir darüber." Man müsse Ideen und Anhaltspunkte geben oder die Schüler ermutigen, mal etwas Neues auszuprobieren, etwa das Jonglieren zur Verbesserung der Koordination. "Wenn wir in der Schule dann wieder zusammenkommen, kann jeder vorstellen, was er gemacht hat." So wünscht es sich auch Maximilian Senf. Er freut sich, dass er von seinem Sportlehrer Anweisungen mit Video für Dehn- und Streckübungen erhält. "Ich bewege mich nach Gefühl", sagt der Schüler, der am CVG die siebte Klasse besucht.

Ansonsten versucht er, mit seiner Mutter kreativ zu sein. "Wir machen etwa das Luftballonspiel, bei dem der Luftballon den Boden nicht berühren darf", erklärt seine Mutter Andrea. Oder sie spannt Seile in der Wohnung, durch die man sich durchhangeln muss. Auch der Hometrainer kommt zum Einsatz. "Ich fahre täglich einen Kilometer", berichtet Maximilian. Bei schönem Wetter darf es auch mal das Trampolin auf dem Spielplatz sein.

Sich selbst einmal austricksen

"Solche Bewegungseinheiten sind sehr wichtig", bekräftigt Susanne Tittlbach, und hat noch einen guten Tipp auf Lager. Mit dem sogenannten Nudging kann man sich selbst Anreize setzen und austricksen. "Das funktioniert für Erwachsene und Kinder gleichermaßen." Dabei legt man zu Hause griffbereit Dinge "in den Weg", die zur kurzen sportlichen Betätigung anregen - etwa eine Yogamatte auf dem Wohnzimmerboden, ein paar Hanteln auf dem Weg zum Badezimmer. "So lassen sich kurze Bewegungspausen in den Alltag einbauen."

Ansonsten rät sie, mit dem Freund oder der Freundin verschiedene Workouts auszuprobieren oder den Sportlehrer nach sinnvollen Videolinks zu fragen.

"Für viele Menschen ist es wichtig, sich entsprechende Termine zu setzen", sagt Tittlbach. Also mittags zum Beispiel 20 Minuten rausgehen, einen Ball mitnehmen, einen festen Zeitpunkt setzen, sich zum Walken verabreden. "So überwinden wir besser unseren inneren Schweinehund." Denn Bewegungsmangel habe Auswirkungen, und das nicht nur auf Kinder.

Die nationale Bewegungsempfehlung laute bei Kindern 60 Minuten moderate Bewegung pro Tag, das könne das Spielen im Garten sein oder eine Schneeballschlacht. Dabei erfüllten nicht mal 30 Prozent diese Vorgaben. Mangelnde Bewegung leiste jedoch degenerativen Erkrankungen wie Diabetes oder Übergewicht Vorschub und habe auch psychosoziale Effekte. "Die Kinder und Jugendlichen müssen systematisch angesteuert werden", sagt die Professorin. 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen seien in Sportvereinen aktiv.

Auch müsse man die Motive der Jugendlichen aufgreifen, hier seien auch Städte und Gemeinden gefragt, ihren Bürgern ein attraktives Bewegungsangebot zu unterbreiten. "Geräte sollen frei zugänglich sein, und ein Trimm-Dich-Pfad sollte nicht auf dem Stand der 70er Jahre stehengeblieben sein", sagt sie. Für ganz essenziell hält sie auch den Ausbau des Fahrradwegenetzes, denn: "Kinder fahren nur dann viel Fahrrad, wenn das Fahren für sie auch sicher ist."