Sebastian Schanz War das ein Hilferuf oder ein Störgeräusch im Radio? Wo mancher Autofahrer vielleicht weitergefahren wäre, stoppte Thomas Schmitt seinen Wagen, drehte um, sah nach - und verhinderte eine Vergewaltigung.

Im Mai 2016 war das schon. Vier Jahre später steht der Pommersfeldener Lkw-Fahrer, mittlerweile 28 Jahre alt, in seinem Wohnzimmer, eine Kamera des ZDF ist auf den Helden gerichtet, er wird in der Sendung "Aktenzeichen XY" geehrt für seine Zivilcourage, und Moderator Rudi Cerne befragt ihn zu eben jener Situation: "Augen zu und einfach weiterfahren wäre für Sie nicht infrage gekommen?" Schmitt wirkt überrascht von der Frage. Die Antwort scheint für ihn selbstverständlich zu sein: "Nein, auf keinen Fall."

Serientäter vertrieben

Für ein 17-jähriges Mädchen wurde der Pommersfeldener an jenem Maitag zum Schutzengel - und mutmaßlich noch für weitere Frauen. Denn Thomas Schmitt verschreckte einen Serientäter. Auch das wurde am Mittwoch in der Fernsehsendung noch einmal szenisch dargestellt: Der Sextäter flieht, irrt am Kersbacher Bahnsteig umher, wird von der Polizei gefasst, die Schmitt alarmiert hat.

"Der Täter, ein 26 Jahre alter Mann aus Tunesien, wird festgenommen. Wie sich herausstellt hat er sieben Monate zuvor bereits zwei weitere Sexualstraftaten verübt. Sein zweites Opfer, ein 16-Jähriges Mädchen, hatte er ebenfalls an einem Bahnhof angefallen und vergewaltigt", berichtet der XY-Sprecher.

"Es ist die Horrorvorstellung vieler Menschen, dass jemand draußen herumläuft und Opfer vergewaltigt. Es handelt sich um berechtigte Ängste, wie sie dieser Fall auch schürte", hatte der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt 2017 in seiner Urteilsverkündung am Landgericht Bamberg gesagt. Das Urteil lautete: neun Jahre Haft. Ein Gutachter warnte vor der Gefährlichkeit des Serientäters - nach der Haft droht dem Vergewaltiger die Sicherungsverwahrung.

"Thomas Schmitt hat nicht nur ein furchtbares Verbrechen verhindert, sondern auch nachhaltig zum Fahndungserfolg beigetragen und mögliche Folgetaten durch sein überlegtes Handeln unterbunden", liest Moderator Cerne aus der Begründung der Jury vor. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sendet Dankesworte. Der XY-Preis selbst ist mit 10 000 Euro dotiert.

Auch der Pommersfeldener Bürgermeister Gerd Dallner (FWGS) gratuliert: "Als Gemeinde freuen wir uns natürlich sehr, einen Bürger zu haben, der eine solche Zivilcourage gezeigt hat." Man werde im Gemeinderat darüber nachdenken, die Tat auch in Pommersfelden mit einer Ehrung zu würdigen.

Der wichtigste Dank

Und dann ist da natürlich der Dank des Opfers - das Mädchen hatte sich zusammen mit ihren Eltern bei Schmitt gemeldet. "Es ist schön, ich hab' eigentlich nicht damit gerechnet, aber es ist schön, wenn sich jemand bei einem bedankt."

Es klingt wieder wie eine Selbstverständlichkeit, wenn Thomas Schmitt sagt: "Ich finde jetzt nicht, dass das etwas Besonderes war. Aber ich war froh, dass ich zu dem Zeitpunkt an dem Ort war und das Allerschlimmste verhindern konnte." Am gestrigen Donnerstag klingelte Thomas Schmitts Handy mehrfach. Doch weder der Bürgermeister noch wir konnten ihn am Telefon zu seinem Preis befragen, denn er ging nicht hin. Der sympathische Lkw-Fahrer hatte schon in der Fernsehsendung berichtet, dass er gleich nach der Show wieder fährt: "350 Kilometer in der Nacht".